Lee „Scratch“ Perry – Super Ape (1976)
Von Rafi Mercer
Eine tiefe, sumpfige Basslinie rollt heran, so schwer, dass sie die Wände zum Beben bringt. Ein Snare-Knall hallt bis ins Unendliche nach. Stimmen rufen, mal menschlich, mal zu seltsamen, jenseitigen Tönen verzerrt. Gleichzeitig verspielt und bedrohlich, kosmisch und doch verwurzelt – das ist Lee „Scratch“ Perrys „Super Ape“. 1976 zusammen mit seiner Band The Upsetters veröffentlicht, bleibt es eines der prägendsten Dub-Alben, die je entstanden sind – eine Platte, auf der das Studio selbst zum Instrument wird und Klang in Mythos verwandelt wird.
Perry war bereits Mitte der 1970er Jahre eine Legende. Er hatte in Kingston als Produzent für Coxsone Dodd und Joe Gibbs erste Erfahrungen gesammelt, bevor er sich mit seinem „Black Ark“-Studio selbstständig machte. Das Black Ark war keine hochmoderne Anlage, sondern ein beengtes, selbstgebautes Labor. Die Ausstattung war bescheiden, der Klang rau, doch in Perrys Händen wurde es zu einem Portal. Er kombinierte Bandeffekte, Hall, Phasing, gefundene Klänge und improvisierte Techniken und verwandelte so Einschränkungen in Magie. Aus diesem Schmelztiegel entstand „Super Ape“, eine Platte, die sich noch immer lebendig, zappelnd und unvorhersehbar anfühlt.
Das Album trägt den Untertitel „Heavy Dub“ – und wird diesem Anspruch voll und ganz gerecht. Der Bass ist gewaltig und gibt oft den Ton an. Das auf das Wesentliche reduzierte Schlagzeug ist so stark mit Echo unterlegt, dass es scheint, als würde es quer durch die Dimensionen hallen. Bläser setzen ein und verschwinden wieder wie plötzliche Erscheinungen. Die Gesangspassagen sind fragmentiert, mal im Vordergrund, mal geisterhaft, mal so verzerrt, dass sie halb tierisch, halb maschinell klingen. Perry hat nicht einfach nur Tracks produziert; er hat ein Klanguniversum geschaffen.
„Zion’s Blood“, der Eröffnungstitel, macht seine Absicht sofort deutlich. Der Groove ist tief und hypnotisch, doch Perrys Abmischung bringt ihn aus dem Gleichgewicht – Stimmen tauchen auf und verschwinden wieder, Bläser werden bis zur Abstraktion hallend verstärkt, der Rhythmus scheint sich zu dehnen und zusammenzuziehen. Es folgt „Croaking Lizard“, dessen Gesang zu einem amphibischen Knurren herabgestimmt ist – absurd und doch seltsam kraftvoll. „Dread Lion“ pulsiert vor Bedrohung, Bass und Bläser umkreisen einander in einem langsamen, dubartigen Ritual.
Das Herzstück, „Super Ape“, verkörpert Perrys Fähigkeit, Mythen zu schaffen. Zu einem schweren Rhythmus skandieren Stimmen vom „Affenmenschen, der durch die Schöpfung schreitet“. Es ist zwar karikaturhaft, aber auch mythisch – eine Vision von Verwandlung und Macht. Perrys Genialität lag in seiner Fähigkeit, Humor und Ernsthaftigkeit unter einen Hut zu bringen. Seine Platten lachen, spotten, spielen – doch sie bezeugen, prophezeien und brennen zugleich.
Was „Super Ape“ so außergewöhnlich macht, ist seine Atmosphäre. Das ist nicht einfach nur Reggae mit heruntergedrehten Höhen. Perry nutzt Echo und Hall, um Raum zu schaffen, aber auch, um die Zeit zu verzerren. Der Zuhörer schwebt in einer Zone, in der die üblichen Regeln des Klangs nicht mehr gelten. Instrumente tauchen auf, lösen sich auf und erscheinen in veränderter Form wieder. Gesang wird zu Geisterklängen gedehnt. Alltägliche Geräusche – eine Kuhglocke, ein Jubelschrei, ein Knistern – werden zu kosmischen Zeichen erhoben. Es ist Musik, die sich zugleich zutiefst jamaikanisch anfühlt und völlig losgelöst von geografischen Grenzen ist.
Die kulturelle Bedeutung des Albums ist immens. Es trug dazu bei, Dub nicht als eine Reihe von Remix-Techniken, sondern als eigenständige Kunstform zu definieren. Ohne Perry und Alben wie „Super Ape“ würde die Entwicklungslinie, die zu Hip-Hop, elektronischer Tanzmusik und experimentellem Sounddesign führt, ganz anders aussehen. Dub war nicht nur Musik, sondern eine Philosophie: Klang als Material, das Studio als Instrument, Rhythmus als Architektur. „Super Ape“ ist nach wie vor einer der deutlichsten Ausdrucksformen dieser Philosophie.
Wenn man sich die Platte heute anhört, spürt man nicht nur Geschichte, sondern auch Lebendigkeit. Die Grooves sind nach wie vor unwiderstehlich, die Atmosphäre berauschend. Die Platte klingt keineswegs veraltet – im Gegenteil: Ihre Unvollkommenheiten verleihen ihr Leben. Das Rauschen des Bandes, die Rauheit der Black-Ark-Ausrüstung, die Ecken und Kanten des Mixes – das sind keine Mängel, sondern Texturen. Sie erinnern uns daran, dass Musik nicht nur aus Noten besteht, sondern auch aus der Umgebung, nicht nur aus der Darbietung, sondern auch aus der Präsenz.
Auffällig ist auch die Inklusivität von Perrys Vision. Dub kann von außen betrachtet abschreckend wirken – eine Welt voller obskurer Versionen und Sound-System-Kultur. Doch „Super Ape“ ist einladend. Sein Humor entwaffnet, seine Rhythmen laden ein. Ob man nun ein lebenslanger Reggae-Fan ist oder ein Neuling aus der Welt der elektronischen Musik – das Album öffnet einem seine Türen. Perry selbst war respektlos, chaotisch, unendlich einfallsreich – und diese Offenheit ist hier hörbar.
Auf Vinyl ist die Wucht der Platte förmlich spürbar. Der Bass hallt durch den Boden, die Echos hüllen den Raum ein. Das Cover mit seinem surrealen Bild eines Dschungelaffen in Militäruniform unterstreicht den mythischen, komischen Charakter der Musik. „Super Ape“ auf einer guten Anlage abzuspielen bedeutet nicht einfach nur zuzuhören; es bedeutet, in Perrys Welt einzutauchen – einen akustischen Cartoon, der irgendwie das Gewicht einer Prophezeiung in sich trägt.
Fast fünfzig Jahre später brüllt „Super Ape“ immer noch. Es ist Musik der Wurzeln und der Flügel: verwurzelt im jamaikanischen Rhythmus, doch in den kosmischen Raum entfliegend. Sie lacht, selbst wenn sie die Wände zum Beben bringt. Sie zeigt, dass Experimentieren nicht streng sein muss, dass Ernsthaftigkeit mit Freude koexistieren kann, dass Zuhören ebenso verspielt wie tiefgründig sein kann. Perry war ein Schelm, ein Prophet, ein Magier des Klangs. Und hier, in „Super Ape“, bleibt seine Vision ungezähmt.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.