Logischer Aufbau – LTJ Bukems klassischer Drum-&-Bass-Mix erklärt

Logischer Aufbau – LTJ Bukems klassischer Drum-&-Bass-Mix erklärt

Von Rafi Mercer

Rhythmus als Horizont

Manche Alben prägen nicht nur eine Szene, sie verkörpern eine ganze Philosophie. LTJ Bukems „Logical Progression“ ist eines davon – eine Sammlung, die Drum & Bass in etwas Leuchtendes, Luftiges, fast Schwereloses verwandelte. Das 1996 auf seinem eigenen Label Good Looking Records erschienene Album fasste die frühen 12-Zoll-Veröffentlichungen des Labels zu einer fließenden Suite zusammen und enthüllte damit eine andere Seite der elektronischen Musik: elegant, weitläufig, zutiefst menschlich.

Zu einer Zeit, als der Großteil der britischen Jungle-Szene noch schweißtreibend und energiegeladen war – Rave-Hallen, Piratensender, Lichtblitze auf Beton –, stellte sich Bukem etwas Architektonischeres vor. Bei seinem Sound ging es nicht um Raserei, sondern um Flug: Breakbeats, die sich wie Flügel ausbreiteten, Basslinien, die eher summten als dröhnten, Akkorde, die in der Höhe schimmerten. Er nannte es „intelligent Drum & Bass“, doch das wird der Seele dieses Sounds nicht gerecht. Was „Logical Progression“ wirklich einfing, war emotionale Disziplin – Rhythmus als Ruhe.

Das Album beginnt mit „Above and Beyond“ von PHD, dessen erste Takte bereits eine Art Leitgedanke darstellen: fließende Akkorde, sanfte Hi-Hats, ein Bass, der wie Ebbe schnurrt. Dann folgt „Horizons“ von LTJ Bukem – vielleicht sein charakteristischster Track. Er beginnt mit diesem endlosen Pad, wie eine aus der Höhe gesehene Morgendämmerung, bevor sich der Breakbeat entfaltet – leicht, aber eindringlich. Der Rhythmus rollt, doch nichts prallt aufeinander. Man könnte tanzen oder einfach nur atmen. Es ist Musik für jede Art von Bewegung, sei es aus dem Zugfenster oder auf einer Stadtstraße um 3 Uhr morgens.

Bukem, geboren als Daniel Williamson in Watford, fand über den Jazz zu diesem Sound. Seine frühe Klavierausbildung und seine Faszination für Herbie Hancock und Lonnie Liston Smith verhalfen ihm zu einem Gehör für Akkorde, die eher gleiten als stochern. Als er Ende der 80er Jahre als DJ in die Londoner Rave-Szene einstieg, nahm er diese Sensibilität mit. Während andere Amen-Breaks in Stücke zerhackten, schichtete Bukem sie übereinander und fand Anmut in der Wiederholung. Das Ergebnis war ein Hybrid: die treibende Kraft des Jungle, verbunden mit der Harmonie des Jazz, der Geduld des Ambient und einem Hauch der Melancholie des Soul.

Was „Logical Progression“ so besonders machte, waren nicht nur die Titel – es war die Art und Weise, wie sie angeordnet waren. Das Album wirkte wie eine Reise, ein einziger ununterbrochener Übergang von Euphorie zu Besinnung. Jeder Titel ging in den nächsten über, so mühelos wie die Flut, die an das Ufer zieht. Die zweite Hälfte des Albums – mit Stücken wie „Travelling“ von Appaloosa, „Drift to the Centre“ von Aquarius und „Music Takes You“ von Blame – wirkt weniger wie eine Zusammenstellung als vielmehr wie ein langer Ausatmungszug.

Bukems Produktionen zeichnen sich durch ein Gefühl für Geometrie aus. Die Snares setzen mit chirurgischer Präzision ein, doch nichts wirkt mechanisch. Er nutzt den Raum als Instrument – die Nachhallschwänze, die Stereobreite, die Art und Weise, wie ein Pad eine Millisekunde länger nachklingt als erwartet. Es ist elektronische Musik, die zum intensiven Hören gedacht ist. Über gute Monitore dröhnt der Bass nicht, sondern atmet. Die oberen Mitten schimmern wie mit einem Besen gespielte Becken. Alles bewegt sich in langsamen, kreisenden Bewegungen.

In der Listening Bar verändert „Logical Progression“ die Atmosphäre. Der Track kündigt sich nicht an; er stimmt die Stimmung neu ab. Wenn „Horizons“ einsetzt, verstummen die Gespräche und gehen in ein Flüstern über. Der Bass drückt sanft gegen die Dielen; die Hi-Hats flackern am Rande des Bewusstseins. Die Leute hören auf zu reden, nicht aus Ehrfurcht, sondern aus Instinkt – ihr Puls hat sich dem Rhythmus angepasst. Das ist Bukems wahres Können: eine Balance, die so präzise ist, dass sie unsichtbar wird.

Kulturell gesehen markierte „Logical Progression “ einen Wendepunkt. Es nahm eine Szene, die im Underground verwurzelt war, und verlieh ihr Form, Eleganz und Erzählkraft. Das Cover – dieser himmlische Globus aus Licht und Bewegung – spiegelte den Sound wider: urban, aber kosmisch. Das war Musik für Reisende, Denker und Träumer. Man konnte zwar immer noch dazu tanzen, musste es aber nicht. Zum ersten Mal hatte Drum & Bass ein Publikum, das es vorzog, zu sitzen, zuzuhören und die Musik sich wie das Wetter entfalten zu lassen.

Die von Bukem hier kuratierten Künstler waren Teil dieser Vision. Peshays „Piano Tune“ strahlt Optimismus aus – eine Melodielinie, die scheinbar endlos ansteigt, ohne sich jemals aufzulösen. Blames „Planet Dust“ (Jahre bevor Bad Company den Titel wiederverwendete) entwickelt sich aus Fragmenten der Jazzflöte zu einer Art himmlischem Swing. Chameleons „Link“ verschmilzt Pads und Percussion, bis Rhythmus und Harmonie zu einer einzigen Textur werden. Nichts davon schreit. Alles atmet.

Und dann, etwa in der Mitte, vollzieht sich ein Wandel. „Space Funk“ von KMC und „Sonic Winds“ von Seba bewegen sich in dunklere Gefilde – metallische Drums, ein mechanischerer Bass –, bevor Bukem den Mix wieder ins Licht zurückführt. Dieser Bogen verleiht der Compilation ihre emotionale Tiefe. Es ist keine statische Atmosphäre, sondern eine Reise und eine Rückkehr.

Am Ende – wenn der letzte Titel „Demonstration of Style“ langsam ausklingt – wird einem bewusst, dass man sich in etwas befunden hat, das sich eher wie eine Umgebung als wie ein Album anfühlt. „Logical Progression“ ist keine Playlist, sondern Architektur.

Man vergisst leicht, wie radikal das 1996 klang. Der Mainstream sah elektronische Musik entweder als Rave-Chaos oder als Chill-out-Lounge. Bukem schuf einen Mittelweg: intellektuell, aber warmherzig, tanzbar, aber introspektiv. Er und seine „Good Looking“-Crew bauten ein globales Netzwerk von Hörern auf, die Klangtreue und Gefühl gleichermaßen schätzten. Sie veranstalteten im Londoner „Speed Club“ Partys, die wie Tempel des Tempos wirkten – Räume voller Menschen, die zuhörten, statt zu schreien.

Der Einfluss war weitreichend. Anklänge von „Logical Progression“ lassen sich in den frühen Werken von Bonobo, in Nujabes’ Lo-Fi-Jazz-Beats und bei den atmosphärischen Produzenten erkennen, die später die Streaming-Algorithmen prägen sollten. Das Album lehrte eine ganze Generation, dass Rhythmus sanft sein und Bewegung meditativ wirken kann.

Wenn ich „Logical Progression“ im Studio oder in einer Bar spiele, lasse ich den Track normalerweise von Anfang bis Ende laufen. Er lässt sich nicht unterbrechen. Sein Fluss hat etwas Ritualhaftes – die Art, wie sich die Tracks überlagern, das Gefühl eines kontinuierlichen Aufstiegs. Es ist, als würde man den Sonnenaufgang in Zeitlupe beobachten.

Auch nach fast dreißig Jahren hat der Sound nichts von seiner Faszination eingebüßt. Die Technik hat sich gewandelt – Laptops statt Sampler, Algorithmen statt Labels –, doch die Stimmung bleibt bestehen. Diese Pads wirken immer noch unendlich, diese Snares gleiten nach wie vor dahin. Es ist der Sound einer Szene, die gelernt hat zu atmen.

Bukem nannte sein Label „Good Looking“, doch um Schönheit ging es dabei nicht. Was er schuf, war Ausgewogenheit – zwischen Chaos und Ruhe, Kopf und Herz, Stadt und Himmel. Deshalb hat „Logical Progression“ bis heute Bestand. Es ist keine Nostalgie. Es ist eine Erinnerung.

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