Expansions – Lonnie Liston Smith und der Sound des Spiritual Jazz (1975)
Von Rafi Mercer
Es gibt Alben, die wie zufällige Begegnungen in dein Leben treten, und andere, die wie Portale auftauchen. Lonnie Liston Smiths „Expansions“, das 1975 erschien, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Es ist ein Album, das nicht einfach nur abgespielt wird – es öffnet sich, entfaltet sich, dehnt den Raum um dich herum aus, bis sich die Wände weniger fest anfühlen. Schon der Titel ist eine Art Manifest: keine Kontraktion, keine Begrenzung, sondern Expansion. Und genau das liefert es auch, mit einem Klang, der sich zugleich kosmisch und geerdet anfühlt.
Smith hatte das Jahrzehnt vor „Expansions“ damit verbracht, in den Tempeln des Jazz-Modernismus zu lernen. Er spielte mit Art Blakey, Pharoah Sanders, Rahsaan Roland Kirk und vor allem mit Miles Davis in dessen frühen elektrischen Jahren. Von diesen Giganten erbte er nicht nur die Technik, sondern auch das Gefühl, dass Musik mehr als nur Unterhaltung war. Sie konnte Befreiung, Meditation, Revolution sein. Als er seine Gruppe „The Cosmic Echoes“ gründete, war Smith bereit, seinen eigenen Raum zu betreten – und dieser Raum wurde nicht in Metern, sondern in Galaxien gemessen.
Der Eröffnungstitel, der ebenfalls „Expansions“ heißt, ist derjenige, den die meisten kennen – ein siebenminütiger Aufruf zur Bewusstwerdung, der sowohl zu einem Club-Klassiker als auch zu einer „Rare-Groove“-Hymne wurde. „Expand your mind“, skandiert der Gesang, als gäbe er Anweisungen, wie man die Musik hören soll. Der Groove ist trügerisch einfach: Der Bass pulsiert wie ein beständiges Mantra, das Schlagzeug rollt ohne Eile, ein Fender-Rhodes-Keyboard glitzert wie Sternenlicht. Darüber legt Smith Improvisationen, die sich weniger wie Soli, sondern eher wie Erkundungen anhören, während die Cosmic Echoes mit ruhiger Dringlichkeit singen und harmonieren. Es ist Musik als Anleitung: Entspanne dich, öffne dich, lass zu.
Wird „Expansions“ über ein Soundsystem mit Substanz und Klarheit abgespielt – etwa über ein Paar Beolab 50, die auf Wärme abgestimmt sind –, offenbart der Titel seine Körperlichkeit. Der Bass pulsiert nicht nur, er verankert. Das Rhodes funkelt nicht nur, es strahlt vor harmonischer Textur. Die Percussion ist präzise, jeder Beckenschlag verweilt gerade lange genug in der Luft, um daran zu erinnern, dass Zeit nicht linear, sondern zyklisch ist. In einer Listening-Bar entfaltet der Track eine fast alchemistische Wirkung. Gespräche verstummen, Körper beginnen zu schwingen, der Raum findet einen gemeinsamen Puls. Es ist die Art von Track, die DJs aufheben, wenn sie eine Nacht von Ablenkung in einen Flow überführen wollen.
Doch das Album ist weit mehr als nur seine Eröffnungshymne. Es folgt „Desert Nights“, ein Stück, in dem sich Funk und Mystik miteinander verflechten. Der Bass schreitet mit einer Lockerheit dahin, die sich anfühlt wie eine lange Straße in der Abenddämmerung, während Smiths Keyboardklänge Horizonte aus Klang malen. Man hört Anklänge an Herbie Hancocks „Headhunters“-Phase, doch während Hancock auf urbane Dichte setzte, tendiert Smith eher zur Weite. In diesen Stücken ist immer Platz – Platz für Luft, für Stille, damit sich die Fantasie entfalten kann.
„Summer Days“ ist ein Stück Wärme, das auf Vinyl gepresst wurde. Die Gitarre klingt entspannt, die Percussion verspielt – das Ganze ist eine Meditation über Groove ohne Übertreibung. Smith hat verstanden, dass die tiefgründigste Botschaft manchmal nicht in der Komplexität, sondern in der Zurückhaltung liegt. „Flight to Love“ mit seinen schwebenden Melodien ist ein weiteres Beispiel: teils Liebeslied, teils kosmische Hymne – ein Titel, der es schafft, zugleich intim und universell zu sein.
Dann folgt „Rainbow Rays“, ein Titel, der genau das einfängt, was die Musik bewirkt: Klangstrahlen, die sich in Farben brechen. Die Bläserarrangements heben den Track in den Himmel, während Smiths Keyboardklänge den Boden zum Leuchten bringen. Es ist kein Realitätsflucht, sondern eine Erweiterung der Wahrnehmung – Musik, die darauf besteht, dass das Alltägliche erstrahlen kann, wenn man ihm Aufmerksamkeit schenkt. „Peace“ beschließt das Album mit einer Gelassenheit, die sich verdient anfühlt. Nach all den Reisen, den Gesängen, den Höhenflügen ist hier die Stille – nicht die Stille im Sinne von Schweigen, sondern der ruhige Mittelpunkt, an dem sich Ausdehnung in Präsenz auflöst.
Was „Expansions“ zeitlos macht, ist seine Weigerung, sich eindeutig einer bestimmten Kategorie zuzuordnen. Jazz-Puristen mögen sich an seiner Einfachheit stören, Funk-Fans könnten es als zu luftig empfinden, Soul-Hörer würden sich vielleicht mehr Biss wünschen. Und doch funktioniert das Ganze, gerade weil es sich keiner einzigen Tradition unterwirft. Es ist Musik, die auf Durchlässigkeit setzt. Sie blickt auf Jazz, Funk, Soul, Gospel und Avantgarde und fragt: Warum nicht alles davon nehmen? In diesem Sinne war Smith seiner Zeit voraus. Jahrzehnte später sollten DJs und Produzenten ganze Bewegungen auf dieser Idee der gegenseitigen Befruchtung aufbauen, doch 1975 war er bereits dort angelangt.
Die kulturelle Geschichte von „Expansions“ handelt auch vom Überleben. Obwohl das Album damals nur bescheidene Chartplatzierungen erreichte, fand es durch Hip-Hop-Sampling und die britische Rare-Groove-Szene der 1980er Jahre ein zweites Leben. DJs entdeckten den Titelsong wieder und bauten ihn neben Roy Ayers und Donald Byrd in ihre Sets ein, da sie seine Kraft erkannten, das Publikum ohne Aggression mitzureißen. Später übertrugen Produzenten die Grooves in neue Kontexte und zeigten damit einmal mehr, dass „Expansion“ nicht nur ein Konzept, sondern gelebte Praxis war.
Wenn man sich „Expansions“ heute, fast fünfzig Jahre später, anhört, wirkt es immer noch prophetisch. Sein Aufruf, den Horizont zu erweitern, könnte genauso gut an die heutige Kultur des schnellen Scrollens gerichtet sein, in der die Aufmerksamkeit zersplittert und Tiefe selten ist. Dieses Album zu hören bedeutet, sich diesem Sog zu widersetzen. Es bedeutet, langsamer zu werden, durch Wiederholungen Nuancen zu entdecken und zu verstehen, dass der Groove selbst eine Philosophie sein kann.
In einer privaten Hörumgebung eignet sich das Album perfekt für den frühen Abend, wenn der erste Drink eingeschenkt wird und sich die Gäste langsam versammeln. Setzen Sie die Nadel auf den Titelsong und lassen Sie den Gesang den Ton angeben. Spätestens bei „Rainbow Rays“ werden Sie spüren, wie der Raum um Sie herum größer wird. Am Ende, bei „Peace“, werden Sie feststellen, dass Sie nicht nur unterhalten, sondern auch verändert wurden. Das ist das Geniale an Smiths Vision.
Lonnie Liston Smith wurde zwar nie so bekannt wie Miles oder Coltrane, doch in den Musikkreisen, auf die es ankommt – in den Bars, bei den DJs und unter den Sammlern –, ist sein Einfluss immens. Erweiterungen ist nicht nur eine Platte; sie ist ein Ritual, ein Werkzeug, ein Raumschöpfer. Und im Sinne von „Tracks & Tales“ ist genau das das Wichtigste. Musik, die die Geometrie eines Raumes verändert. Musik, die nicht nur die Klangbühne, sondern auch den Zuhörer selbst erweitert.
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Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.