Mad Professor – Dub Me Crazy!! (1982)
Von Rafi Mercer
Ein Snare-Schlag knallt wie ein Blitz, gefolgt von einer Basslinie, die so tief sinkt, dass sie den Boden zu verbiegen scheint. Dann setzen die Echos ein: Loops, die sich spiralförmig nach außen ausbreiten, Hall, der sich bis ins Unendliche ausdehnt, Fragmente von Stimmen oder Synthesizern, die auf unerwartete Weise aufeinanderprallen. Das ist „Dub Me Crazy!!“, 1982 veröffentlicht von Neil Fraser, besser bekannt als Mad Professor. Es ist nicht nur ein Dub-Album. Es ist ein Experiment, ein Manifest, eine spielerische Erklärung, dass das Studio selbst ein Labor ist, in dem Klang neu gestaltet, neu gedacht und neu erfunden werden kann.
Mad Professor gehörte zu einer jüngeren Generation, die den Dub von Größen wie King Tubby und Lee „Scratch“ Perry geerbt hatte. Doch während Tubby in Kingston arbeitete und Perry im Black Ark für Chaos sorgte, war Mad Professor in London ansässig. Sein Ariwa Studio wurde zu einer Drehscheibe für Reggae und Dub in Großbritannien, ein Echo der jamaikanischen Innovationen in der Diaspora. Sein Stil war anders: prägnanter, synthetischer, ohne Scheu vor Technologie. Während Tubby den Sound reduzierte, ließ Mad Professor ihn nach außen explodieren. „Dub Me Crazy!!“, der erste Teil einer umfangreichen Reihe, gab den Ton für seine Karriere vor: abenteuerlustig, verspielt, furchtlos.
Tracks wie „Kunte Kinte Dub“ veranschaulichen seinen Ansatz perfekt. Der Rhythmus ist beständig, doch alles drumherum wandelt sich ständig. Gitarren tauchen auf und verschwinden wieder, Stimmen lösen sich im Hall auf, hohe Frequenzen durchdringen den Klang und verflüchtigen sich dann. Es ist weniger ein Song als vielmehr eine klangliche Reise, eine Collage, die sich unter den Füßen ständig verändert. „African Communication“ ist dichter, schichtet Effekte so lange übereinander, bis sich der Track anfühlt, als würde er sich in sich selbst zusammenfalten, wobei Geschichte und Futurismus im Mix aufeinanderprallen.
Was Mad Professor auszeichnet, ist sein Umgang mit Technologie. Anfang der 1980er Jahre wurden Synthesizer, Drumcomputer und digitale Effekte immer erschwinglicher. Viele Reggae-Puristen lehnten sie ab; Mad Professor nahm sie begeistert an. Er sah Dub nicht als festgelegten Stil, sondern als Prinzip: Klang als Rohmaterial. Ob mit Bandverzögerung oder digitalem Hall – entscheidend war die Vorstellungskraft. „Dub Me Crazy!!“ fängt diesen Experimentiergeist ein. Jeder Track wirkt lebendig, unvorhersehbar, manchmal sogar chaotisch – und wird doch stets von Bass und Schlagzeug getragen.
Das Album spiegelt zudem den diasporischen Kontext seiner Entstehung wider. Im Großbritannien der frühen 1980er Jahre war Reggae mehr als nur Musik; er stand für Gemeinschaft, Identität und Widerstand. Sound-Systeme waren kulturelle Räume, Orte der Zugehörigkeit und des Überlebens. Der Dub von Mad Professor trug diese Energie in sich, filterte sie jedoch durch neue Werkzeuge, neue Städte und neue Kontexte. „Dub Me Crazy!!“ ist daher sowohl jamaikanisch als auch britisch, sowohl verwurzelt als auch nomadisch. Es ist ebenso sehr ein Dokument der Migration wie der Erfindung.
Für die Zuhörer ist die Wirkung berauschend. Dub wird manchmal als streng oder schwer zugänglich empfunden, doch Mad Professors Humor sorgt dafür, dass die Musik zugänglich bleibt. Schon der Albumtitel ist ein Augenzwinkern: wild, exzessiv, fröhlich. Das ist Dub, der ebenso sehr Freude wie Philosophie ist. Jeder – ob erfahrener Sammler oder neugieriger Neuling – kann einsteigen und sich mitreißen lassen. Seine Großzügigkeit macht es zu einer idealen Platte für alle, die zum ersten Mal mit Dub in Berührung kommen, darunter auch Frauen, die eine Welt betreten, die allzu oft als männlich kodiert ist. Es zeigt, dass Experimentieren Spaß machen kann, dass der Bass den Raum zum Beben bringen kann, ohne ihn abzuschotten.
Auf Vinyl behält das Album seine Schärfe. Die analoge Wärme verleiht den synthetischen Elementen Bodenhaftung, während die DNA des Ariwa-Soundsystems dafür sorgt, dass die Bässe stets körperlich spürbar sind. Jeder Track wirkt wie eine Live-Performance und nicht nur wie eine Aufnahme, denn Dub ist niemals statisch: Es sind Fader, die bewegt werden, Effekte, die ausgelöst werden, Entscheidungen, die in Echtzeit getroffen werden. Die Platte abzuspielen bedeutet, einen festgehaltenen Moment der Schöpfung zu hören, der jedoch noch immer lebendig ist und sich weiterbewegt.
Auch mehr als vier Jahrzehnte später klingt „Dub Me Crazy!!“ noch immer wild. Seine Verspieltheit hat nichts von ihrer Lebendigkeit eingebüßt; seine Kreativität ist zeitlos geblieben. Während manche Dub-Stücke wie heilige Texte wirken, die man nicht antasten darf, fühlt sich dieses Album wie ein Dialog an – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Jamaika und London, zwischen Rhythmus und Chaos. Es ist der Beweis dafür, dass Dub kein Relikt ist, sondern eine lebendige, sich weiterentwickelnde Kunstform.
Mad Professor arbeitete später mit Künstlern von Massive Attack bis hin zu Sade zusammen, doch „Dub Me Crazy!!“ bleibt sein authentischstes Bekenntnis. Es ist Dub als Labor, als Spielwiese, als verrückte Wissenschaft. Es lädt uns dazu ein, einen Gang herunterzuschalten, anders zuzuhören und zu erkennen, dass in Echo und Hall keine Verwirrung, sondern Möglichkeiten liegen.
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