Madlib – Shades of Blue (2003) – Ein privates Gespräch über Jahrzehnte hinweg
Von Rafi Mercer
Manche Platten fangen gar nicht erst an. Sie laufen einfach schon, wenn man hereinkommt.
Auf „Shades of Blue“ gibt es keinen großen Auftakt. Keine Ankündigung, keine Absichtserklärung. Das Album beginnt einfach, ein wenig unscharf, als wäre man in einen Raum getreten, in dem die Musik schon seit einiger Zeit läuft. Das Schlagzeug schwankt. Die Bläser schweben. Die Stille bleibt unberührt. Und in dieser Zurückhaltung versteht man sofort, dass es sich hier nicht um eine Übung in Ehrfurcht oder Revisionismus handelt – es ist ein Akt des Zuhörens.
Als Madlib Zugang zum Katalog von Blue Note Records erhielt, wäre ein respektvolles, hochglanzpoliertes Remix-Projekt der naheliegende Weg gewesen. Stattdessen ging Madlib an das Archiv heran, wie er an die Platten in seinem eigenen Zuhause herangeht: unvollkommen, greifbar, lebendig. Samples werden nicht in den Vordergrund gestellt, sondern verinnerlicht. Das Ergebnis ist weder Jazz, der für Hip-Hop neu verpackt wurde, noch Hip-Hop, der sich die Autorität des Jazz zu eigen macht, sondern etwas Ruhigeres und Persönlicheres.

Fragmente von Herbie Hancock, Wayne Shorter, Bobby Hutcherson, Donald Byrd und anderen schweben wie halb vergessene Gespräche durch das Album. Sie zu erkennen, ist Sache des Hörers. Die emotionale Anziehungskraft ist es jedoch nicht. Madlib ist nicht daran interessiert, dich daran zu erinnern, woher die Klänge stammen – ihn interessiert vielmehr, wie sie sich anfühlen, wenn die Erinnerung ihre Kanten abgeschliffen hat.
Die Produktion ist durchweg bewusst menschlich gehalten. Die Beats setzen verspätet ein oder rücken in den Vordergrund. Das Bandrauschen bleibt erhalten. Der Raumklang wird beibehalten. Bei Titeln wie „Slim’s Return“ und „Please Set Me at Ease“ wirkt die Musik weniger konstruiert als vielmehr lebendig, als wäre jedes Stück eher ein kleiner, schummrig beleuchteter Raum als ein fertiger Song. „Stepping Into Tomorrow“ nimmt das Versprechen seines Titels auf und filtert es durch einen Schleier, wodurch Optimismus eher in Nachdenklichkeit als in Schwung umgewandelt wird.
Hier kommt es auf den Kontext an. Im Jahr 2003 wurde Hip-Hop noch weitgehend an seiner Wirkung und Unmittelbarkeit gemessen, während Jazz oft als Teil des kulturellen Erbes betrachtet wurde. „Shades of Blue“ lehnte beide Ansätze ab. Es jagte weder nach Aktualität, noch beschönigte es die Vergangenheit. Stattdessen verlangsamte es alles. Das Album fordert den Hörer auf, sein Tempo anzupassen und ihm dort zu begegnen, wo es gerade ist – und nicht dort, wo es den Erwartungen zufolge hingehen sollte.
Dieses Album markiert zudem einen aufschlussreichen Moment in Madlibs gesamter kreativer Entwicklung. Zu dieser Zeit verdichtete er verschiedene Welten in sich selbst – Jazzstudien, Beat-Wissenschaft, private Obsessionen –, bevor er sie an anderer Stelle in expliziterer Form veröffentlichte. Hier bleibt das Werk innerlich. Es gibt keine Energie einer Live-Performance, kein Gefühl für ein Publikum. Es klingt, als wäre eine Person ganz allein mit ihren Platten und würde eher ihrem Instinkt als Anweisungen folgen.
Auch zwei Jahrzehnte später hat „Shades of Blue“ nichts von seiner Aktualität eingebüßt, da es nie an eine bestimmte Epoche gebunden war. Sein Wert liegt in der Achtsamkeit: darin, wie aufmerksam es zuhört, wie behutsam es Dinge neu gestaltet und wie selbstbewusst es Raum unberührt lässt. Es bleibt ein Album, das man am besten spätabends bei geringer Lautstärke hört, wenn der Raum selbst Teil des Mixes wird.
Das ist kein modernisiertes Blue Note.
Es ist eine Erinnerung an Blue Note – langsam, unvollkommen und mit Sorgfalt.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.