Marlena Shaw – The Spice of Life (1969)
Ein Meisterwerk des Rare Groove, in dem Soul, Jazz und gesellschaftliches Engagement bei Cadet aufeinandertreffen.
Von Rafi Mercer
Manche Alben strahlen so, als wären sie dafür geschaffen, wiederentdeckt zu werden. „The Spice of Life“, das 1969 erschien, ist eines dieser Alben, die im Rückblick nur noch an Bedeutung gewinnen. Damals war es eine weitere Veröffentlichung auf dem Label Cadet – ein starkes Chicago-Album, untermalt von der üppigen Orchestrierung von Richard Evans und Charles Stepney. Doch Jahrzehnte später hallen die Grooves dieses Albums überall nach: in Hip-Hop-Samples, in Rare-Groove-Sets, in der DNA des zeitgenössischen Soul. Was Marlena Shaw hier präsentierte, war nicht nur eine Sammlung von Songs. Sie lieferte eine Gesangsdarbietung, die es schaffte, zart, feurig, verschmitzt und gebieterisch zu sein – manchmal alles innerhalb derselben Phrase.
Das Album ist natürlich vor allem wegen „California Soul“ in Erinnerung geblieben. Shaws Version ist zu einem Eckpfeiler des Soul-Kanons geworden: knackiges Schlagzeug, mitreißende Streicher, eine Basslinie, die praktisch von selbst durch den Raum schreitet. Der von Ashford & Simpson geschriebene und ursprünglich von The Fifth Dimension aufgenommene Titel wurde von Shaw in etwas Filmisches und Zeitloses verwandelt, wobei Stepneys Arrangement ihm einen Groove verlieh, den DJs noch Jahrzehnte später schätzen sollten. Hip-Hop-Fans werden ihn in unzähligen Samples wiedererkennen; Rare-Groove-Sammler kennen ihn als einen der besten Breaks, die Ende der Sechziger entstanden sind. Doch mehr noch als der Beat ist es Shaws Vortrag – zu gleichen Teilen klar und bissig –, der den Song unauslöschlich ins Gedächtnis prägt.
Der Rest von „The Spice of Life“ beweist, dass sie kein Eintagsfliege war. „Woman of the Ghetto“ ist so kraftvoll wie kaum ein anderer Titel dieser Ära: politisch, unverblümt und reich an Gesangsimprovisationen, die Shaws Jazz-Instinkt in voller Blüte zeigen. Die Live-Versionen wurden später zu Meilensteinen für DJs und Remixer, wobei die Rhythmusgitarre und die Percussion-Loops über Generationen hinweg gesampelt wurden. „Call It Stormy Monday“ schlägt eine andere Richtung ein und offenbart ihre Fähigkeit, den Blues mit Anmut zu verkörpern. „Liberation Conversation“ sprüht vor Energie, fast schon proto-rapartig in der Phrasierung, während Shaw sich mit rhythmischer Präzision durch ihre Sozialkritik spricht und singt.
Was das Album besonders für heutige Hörer so einzigartig macht, ist die Orchestrierung. Stepney, der später den Sound von Earth, Wind & Fire und Rotary Connection prägte, besaß ein geniales Gespür dafür, Streicher und Bläser so zu schichten, dass sie den Groove nicht übertönten, sondern vielmehr hervorhoben. Die Rhythmusgruppe bleibt straff und funky, während sich die Arrangements wie Skylines auftun. Diese Spannung – erdiger Rhythmus im Kontrast zu weitläufiger Orchestrierung – verleiht dem Album seine ganz besondere Würze.
Das Hören auf Vinyl ist heute eine Offenbarung. Die Cadet-Pressung verleiht den Streichern einen leicht körnigen Schimmer, dem Schlagzeug ein staubiges Knistern, das jeden Break tiefer klingen lässt. Shaws Stimme liegt nah am Ohr, nicht zur Pop-Perfektion poliert, sondern lebendig, menschlich, facettenreich. Auf einer HiFi-Anlage, bei der der Bass richtig abgestimmt und die Höhen warm eingestellt sind, wird dieses Album mehr als nur eine Schallplatte; es prägt den Raum. „California Soul“ sorgt sofort für neue Energie, „Woman of the Ghetto“ verlangt nach Aufmerksamkeit, und die sanfteren Stücke wie „Go Away Little Boy“ runden die Ecken ab, ohne an Schärfe zu verlieren.
Am auffälligsten ist jedoch die Weitsicht, die aus den Rillen spricht. Wenn man „The Spice of Life“ hört, erkennt man die Keime zukünftiger Genres: die Breakbeats, die den Hip-Hop beflügeln sollten, den orchestrierten Soul, aus dem später die Disco hervorging, und die bewusste Lyrik, die in den Neo-Soul einfloss. Shaw hatte nicht vor, gesampelt zu werden; sie wollte die Wahrheit mit Groove zum Ausdruck bringen. Doch damit hinterließ sie eine Blaupause für Jahrzehnte des Musikschaffens.
Im „Tracks & Tales“-Hörregal hat dieses Album seinen Platz sowohl als Klassiker als auch als Gesprächsaufhänger verdient. Es ist perfekt für die Mitte eines Abends in einer Bar: funkig genug, um die Köpfe zum Wippen zu bringen, gefühlvoll genug, um das Geschwätz zum Verstummen zu bringen, politisch scharfsinnig genug, um uns daran zu erinnern, dass tiefes Zuhören nicht immer Easy Listening ist. Platten wie diese tragen die Zeit in sich. Sie erinnern uns daran, dass die Rhythmen, die wir für selbstverständlich halten, eine Geschichte haben, dass Grooves niemals nur Grooves sind, sondern Echos von Orten und Menschen.
Marlena Shaws Karriere erstreckte sich über Jazz, Soul und Pop, doch „The Spice of Life“ bleibt ihr definitives Meisterwerk. Es ist das Album, auf dem alles perfekt zusammenpasste: ihre Stimme, Stepneys Vision, Evans’ Arrangements und ein kultureller Moment, der nach Klängen verlangte, die sowohl unterhalten als auch provozieren konnten. Auch mehr als fünfzig Jahre später klingt es noch immer modern und unverzichtbar.
Wenn du also die Nadel auflegt und die einleitende Basslinie von „California Soul“ hörst, dann sei dir bewusst: Du hörst mehr als nur einen Groove. Du hörst eine Brücke über Jahrzehnte hinweg, einen Rhythmus, der durch Sampler und Lautsprecher, über Ozeane und Generationen hinweg gereist ist und dabei stets dieselbe unwiderstehliche Kraft bewahrt hat. Das ist die Würze des Lebens – Musik, die sich weigert, in ihrer eigenen Zeit zu verharren.
Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.