Max Richter – The Blue Notebooks (2004)
Von Rafi Mercer
Es beginnt mit einer Stimme. Keine Melodie, kein Rhythmus, sondern eine Stimme, die Kafka vorliest: „Ich konnte den Sinn kein einziges Wort entschlüsseln.“ Es ist die englische Schauspielerin Tilda Swinton, deren Sprechrhythmus kühl und doch intim ist, als würde sie nur für dich sprechen. Unter ihrer Stimme taucht eine zarte Klavierfigur auf, zaghaft, ein paar Noten, die mit der Sorgfalt einer Hand platziert werden, die auf einer zerbrechlichen Oberfläche ruht. Und dann beginnen die Streicher zu atmen. Das ist „The Blue Notebooks“, Max Richters Durchbruchsalbum aus dem Jahr 2004, und obwohl es eher unbemerkt erschien, ist es zu einem der prägenden Werke der Musik des 21. Jahrhunderts geworden.
Richter beschrieb das Album als Protest – als Akt des Widerstands gegen den Irakkrieg, aber im weiteren Sinne auch gegen Gewalt, Aggression und die Verrohung des öffentlichen Lebens. Doch er lehnte Parolen und Demonstrationen ab. Seine Waffe war der Klang. Er schuf ein Album, auf dem die Zerbrechlichkeit selbst zum Argument wird, auf dem Stille und Zärtlichkeit wie Formen des Widerstands wirken. Es ist keine Musik, die ihre politische Haltung lautstark verkündet, sondern Musik, die auf eine andere Art des Seins besteht.
Wenn ich mir das Album heute anhöre, fällt mir auf, wie mühelos es die Grenzen zwischen den Genres überbrückt. Richter wurde in klassischer Komposition ausgebildet und war von der Strenge Bachs und Beethovens geprägt, doch auch der Minimalismus, die Elektronik und eine Faszination für den Klang an sich haben ihn geprägt. In „The Blue Notebooks“ hört man Anklänge an Arvo Pärts sakrale Stille, die Stimmungen von Brian Eno und eine leichte Jazz-Sensibilität in der Art und Weise, wie Motive umherwandern und aus sich selbst heraus improvisieren dürfen. Das Ergebnis lässt sich nicht so einfach in eine Schublade stecken: nicht ganz klassisch, nicht ganz Ambient, nicht ganz filmisch – und doch trägt es die Schwere aller drei Genres in sich.
Das Eröffnungsstück „The Blue Notebooks“ schafft mit Swintons Stimme und einem schlichten harmonischen Klangteppich die richtige Atmosphäre. Es folgt „On the Nature of Daylight“, Richters wohl berühmteste Komposition. Ein Streichensemble setzt langsam und gemächlich ein und entfaltet Akkorde mit der Schwere der Morgendämmerung. Die Melodie ist fast schon peinlich einfach – ein Abwärtsziehen, ein Ruck der Unausweichlichkeit –, doch sie birgt eine Kraft, die sie zu einem der am häufigsten lizenzierten Werke der letzten zwanzig Jahre gemacht hat. Sie taucht in „Arrival“, in „Shutter Island“, in Fernsehdramen und Tanzaufführungen auf. Doch wenn man sie auf dem Album in ihrer Abfolge hört, wirkt sie weniger wie ein Soundtrack-Einsatz, sondern eher wie ein Gebet.
Was folgt, vertieft die Stimmung. „Horizon Variations“ ist eine Miniatur, nur Richter am Klavier, wobei die Töne wie Regentropfen auf Glas fallen. „Shadow Journal“ führt tiefe elektronische Impulse unter weiteren Kafka-Lesungen ein, wobei die Gegenüberstellung von Literatur und Klang die kontemplative Atmosphäre des Albums noch verstärkt. „Iconography“ breitet Streicherstimmen weit über das Stereofeld aus, wobei jeder Akkord wie eine Laterne im Nebel hängt.
Wenn man das Album in einer Bar hört, entfaltet es eine einzigartige Wirkung. Im Gegensatz zu eher kunstvollen Klassik-Alben verlangt „The Blue Notebooks“ keine Konzertsaal-Stille. Im Gegensatz zu Ambient-Alben löst es sich nie vollständig in der Klangtextur auf. Es schafft einen Raum dazwischen, in dem Gespräche leiser werden können, ohne zu verschwinden, und in dem sich die Zuhörer mal näher heranbeugen und mal zurücklehnen können, ohne den Faden zu verlieren. Es ist perfekt für die frühen Stunden eines Abends in einer Hörbar, wenn der Raum noch seinen Rhythmus findet, wenn man die Atmosphäre selbst in Einklang bringen möchte.
Richters Stärke ist das Gespür für Proportionen. Er weiß genau, wie lange eine Phrase dauern muss, wie viel Wiederholung nötig ist, um Vertrautheit in Hypnose zu verwandeln, und wann er ein Muster durch eine subtile Veränderung durchbrechen muss. Es ist jene Art von handwerklichem Können, die Jazzmusiker zu schätzen wissen: die Disziplin, in einem Modus zu bleiben, bis jeder Aspekt ausgelotet wurde. Auf Vinyl wird dies noch greifbarer. Die Streicher erblühen in warmer Klangfülle, das Klavier hat eine Textur, die man förmlich spüren kann, und die tiefen elektronischen Klänge brummen wie ferne Maschinen. Es ist Musik, in die man eintauchen kann.
Einer der oft übersehenen Reize des Albums ist sein Tempo. Viele Alben platzieren ihren kraftvollsten Titel gleich zu Beginn und lassen dann nach. „The Blue Notebooks“ baut sich eher wie ein Roman auf. Es beginnt mit Gesang und Stille, steigert sich zur fast überwältigenden Schönheit von „On the Nature of Daylight“ und kehrt dann wieder zur Intimität zurück. Die zweite Hälfte – „Arboretum“, „Vladimir’s Blues“, „Organum“ – wirkt wie eine Reihe privater Skizzen, wie zufällig mitgehörte Fragmente. Erst am Ende, mit „Written on the Sky“, kehrt Richter zu etwas zurück, das einem Abschluss ähnelt: ein Solo-Klavierstück, das so karg ist, dass es sich anfühlt wie ein Raum, nachdem alle gegangen sind.
Was „The Blue Notebooks“ meiner Meinung nach so zeitlos macht, ist, dass es zugleich uralt und modern klingt. Die Streicharrangements könnten aus einem Kammermusikstück des 19. Jahrhunderts stammen; die Elektronik und die Samples sind hingegen durch und durch zeitgenössisch. Die Stimmung ist zeitlos. Man kann sich diese Platte genauso gut in einer von Kerzen beleuchteten Bar in Tokio vorstellen wie in einer Galerie in Berlin oder einem Schlafzimmer in New York. Sie gehört zu all diesen Orten, weil sie kein Spektakel, sondern Raum schafft.
Ich persönlich greife immer wieder zu diesem Album, wenn mir die Welt zu viel wird. Es wirkt weder im oberflächlichen Sinne beruhigend, noch betäubt es. Es schafft Klarheit. Es verleiht der Traurigkeit Gestalt, ohne in Verzweiflung zu versinken. In diesem Sinne ist es der perfekte Begleiter für das „Tracks & Tales“-Ethos: langsames Zuhören als Form der Resilienz, Klang als eine Art Architektur, in der man sich aufhalten kann.
Zwei Jahrzehnte später hat Richter zwar längere Werke (Sleep) und großartigere (Voices) komponiert, doch „The Blue Notebooks“ hat nichts von seiner besonderen Kraft eingebüßt. Es war sein Durchbruch – nicht nur, weil es erfolgreich war, sondern weil es eine neue Sprache fand, die unzählige Komponisten beeinflusst hat, von Jóhann Jóhannsson bis Nils Frahm, von Ólafur Arnalds bis Hania Rani.
Wenn Sie jemals einen Beweis dafür brauchen, dass Musik auch ohne Parolen politisch sein kann, hören Sie sich noch einmal an, wie Swinton Kafka vor dem Hintergrund von Richters Klavier vorliest. In den Worten geht es um Entfremdung, darum, den Sinn der Dinge nicht zu begreifen. Und doch beharrt die Musik trotzdem auf Bedeutung. Sie ist zerbrechlich, aber sie hält an.
Leg die Nadel auf „The Blue Notebooks“ im richtigen Raum auf. Lass die Klänge anschwellen. Beobachte, wie sich das Licht verändert, wie sich die Schultern entspannen, wie die Menschen von selbst verstummen. Das ist die Kraft dieser Musik. Kein Protest als Lärm, sondern Protest als Atmosphäre. Eine Erinnerung – nach wie vor dringlich –, dass Zärtlichkeit eine ganz eigene Art von Stärke ist.
Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.