Michał Urbaniak – Ecstasy (1978)
Bewegung vor dem Denken
Von Rafi Mercer
Manche Alben vermitteln eine These. Andere vermitteln eine Stimmung. „Ecstasy“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie – ein Album, das seine Botschaft nicht argumentativ darlegt, sondern durch Bewegung untermauert. Dieses 1978 erschienene Album zeigt Michał Urbaniak an einem Punkt, an dem Jazz, Funk und alltägliche Körperlichkeit kurzzeitig miteinander verschmolzen, bevor die folgenden Jahrzehnte sowohl die Tanzmusik als auch die Hörkultur übermäßig intellektualisierten.
Urbaniak hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere musikalische Leben hinter sich. Als klassisch ausgebildeter Geiger, der sich dem modernen Jazz zuwandte, zog er voller unstillbarer Neugier von Polen nach New York und nahm dort den elektrischen Jazz der Miles-Ära, den Funk der Straßen und den kraftvollen Optimismus der afroamerikanischen Musik der späten 70er Jahre in sich auf. „Ecstasy“ ist der Klang dieser Begegnung, die sich zu etwas Ungezwungenem entwickelt. Es ist keine Fusion als Spektakel. Es ist Fusion als Leichtigkeit.

Schon in den ersten Takten macht das Album deutlich, worauf es ankommt: Rhythmus an erster Stelle, Virtuosität an zweiter. Die Basslinien sind rund und menschlich, niemals überkomprimiert, und treiben das Album mit sanfter Beharrlichkeit voran. Das Schlagzeug hält sich gerade so weit zurück, dass es atmen kann. Darüber dominiert Urbaniaks E-Geige nicht – sie führt einen Dialog. Er spielt, als wüsste er, dass der Groove auch ohne ihn bestehen bleibt, was seinen Melodielinien paradoxerweise mehr Autorität verleiht.
Der Titelsong „Ecstasy“ ist eine Lektion in Zurückhaltung. Er jagt keinem Höhepunkt hinterher. Er schlingt sich in Schleifen, kommt zur Ruhe, wiederholt sich – im Vertrauen darauf, dass Wiederholung an sich schon ausdrucksstark sein kann. Das ist Tanzmusik im intimsten Sinne: Die Schultern lockern sich, die Füße bewegen sich, die Körperhaltung verbessert sich. Es gibt keine Aufforderung, „aufzustehen“. Man tut es einfach.
Was beim heutigen Anhören auffällt, ist, wie wenig das Album versucht, zu beeindrucken. Jazz-Funk der späten 70er Jahre wirkt oft wie gefangen zwischen Radiofreundlichkeit und technischer Überforderung. „Ecstasy“ vermeidet beides. Titel wie „Just a Funky Feeling“ und „A Day in the Park“ setzen eher auf Wärme als auf Präzision. Der Gesang – oft von Urszula Dudziak gesungen – wird eher als Textur denn als Mittelpunkt behandelt und wie ein weiteres Instrument in den Mix eingewoben, anstatt um Aufmerksamkeit zu buhlen.
Dieser Ansatz verleiht dem Album Langlebigkeit. Es gibt keine veralteten Studiotricks, die nach Kontext schreien. Stattdessen wirkt die Platte in etwas Beständigerem verankert: der Vorstellung, dass Musik anspruchsvoll sein kann, ohne steif zu wirken. Urbaniak vergisst nie, dass Jazz im Kern etwas Soziales ist. Er soll zwischen Menschen wirken und nicht auf einem Podest stehen.
Im Gesamtkontext von Urbaniaks Diskografie ist „Ecstasy“ vielleicht nicht das radikalste Statement, aber möglicherweise eines der menschlichsten. Es fängt einen Moment ein, in dem Jazzmusiker sich kurzzeitig vom Funk etwas Wesentliches beibringen ließen: dass Rhythmus kein Kompromiss ist und dass Zugänglichkeit nicht gleichbedeutend mit Verwässerung ist.
Wenn man sich „Ecstasy“ heute anhört, wirkt es auf eine ruhige Art und Weise ausgleichend. Es erinnert daran, dass nicht jede ernste Musik still sein muss und nicht jede tanzbare Musik laut sein muss. Manche Alben helfen einem einfach dabei, in den eigenen Körper zu finden und sich auf den Tag einzustimmen.
Und an einem Freitagmorgen fühlt sich das wie ein kleiner Luxus an, zu dem es sich lohnt, immer wieder zurückzukehren.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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