Midori Takada – Through the Looking Glass (1983)

Midori Takada – Through the Looking Glass (1983)

Von Rafi Mercer

Eine Glocke läutet, leise und kristallklar. Dann setzt eine Marimba ein, und die Melodien entfalten sich in endlosen Wellen, wobei jede Note der vorherigen nachjagt wie Wasser über Stein. Allmählich baut sich die Perkussion auf: Gongs, Trommeln, Woodblocks, Glocken. Der Klang ist hypnotisch, meditativ, strahlend. Das ist „Through the Looking Glass“, 1983 veröffentlicht von der japanischen Komponistin und Perkussionistin Midori Takada. Jahrzehntelang war es ein Geheimtipp, der nur Sammlern und Enthusiasten bekannt war, bis seine Neuauflage im Jahr 2017 zeigte, dass es sich um eines der großen verlorenen Meisterwerke der Minimal- und Ambient-Musik handelt.

Takada absolvierte in Japan eine Ausbildung zur klassischen Perkussionistin, wurde jedoch stark von afrikanischen Trommelrhythmen, indonesischem Gamelan und dem amerikanischen Minimalismus beeinflusst. Anfang der 1980er Jahre war sie zunehmend frustriert von der Starrheit der westlichen Orchesterwelt. „Through the Looking Glass“, ihr erstes Soloalbum, war ein Akt der Befreiung: vier lange Kompositionen, die sie vollständig selbst spielte und in denen sie Perkussion und Holzblasinstrumente zu weitläufigen Klanglandschaften aus Rhythmus und Resonanz überlagerte. Sie nahm das gesamte Album in nur zwei Tagen auf, wobei sie Dutzende von Instrumenten spielte und überlagerte. Das Ergebnis ist ein Werk von erstaunlicher Vision und Ausführung.

Der Eröffnungstitel „Mr. Henri Rousseau’s Dream“ gibt den Ton an. Auf Marimba- und Vibraphon-Motiven aufgebaut, schimmert er voller Zartheit und beschwört tropische Landschaften herauf, die durch Klänge imaginiert werden. Takada hat erklärt, sie habe sich von Rousseaus Dschungelgemälden inspirieren lassen – Werken, die der Künstler schuf, ohne Paris jemals verlassen zu haben. In ähnlicher Weise zaubert ihr Stück ferne Landschaften aus reiner Fantasie herbei und verbindet afrikanische und asiatische Rhythmik mit minimalistischen Wiederholungen.

„Crossing“ ist perkussiver und wird von afrikanisch geprägten Trommelklängen, Handpercussion und metallischen Tönen getragen. Seine Energie ist ritualistisch und tranceartig und ruft sowohl Bewegung als auch Meditation hervor. „Trompe-l'œil“ spielt mit der Wahrnehmung, indem es Klänge übereinanderlegt, die zu Drones verschwimmen, sich im Laufe der Zeit subtil verschieben und das Ohr verwirren. Der abschließende Titel „Catastrophe Σ“ ist düsterer, schwerer: Gongs und Trommeln donnern, Rhythmen häufen sich zu dichten Wellen an, bevor sie sich in Stille auflösen. Der Bogen des Albums spannt sich von Traum über Intensität bis hin zur Auflösung – eine Reise durch imaginäre Klanglandschaften.

Was „Through the Looking Glass“ so außergewöhnlich macht, ist seine Vielseitigkeit. Takada schöpft aus Traditionen verschiedener Kontinente – afrikanische Polyrhythmen, indonesischer Gamelan, japanische Hofmusik, westlicher Minimalismus –, doch das Album wirkt niemals nachahmend. Es ist ganz und gar ihre eigene Stimme, die verschiedene Einflüsse zu etwas Einzigartigem verschmilzt. Es ist Musik, die Grenzen überschreitet und eine Klangwelt schafft, die sich zugleich uralt und futuristisch, lokal und global, intim und kosmisch anfühlt.

Jahrzehntelang war das Album so gut wie unauffindbar. Es wurde in winziger Auflage bei einem japanischen Label gepresst und zirkulierte ausschließlich unter Sammlern. Doch die Gerüchte über seine Brillanz verbreiteten sich, und in den 2000er Jahren hatte es einen fast mythischen Status erlangt. Als es 2017 endlich neu aufgelegt wurde, wurde es als Offenbarung gefeiert. Kritiker lobten es als visionär, das Publikum nahm es begeistert auf, und Takada – die jahrzehntelang still und leise unterrichtet und konzertiert hatte – wurde plötzlich als eine der großen minimalistischen Komponistinnen ihrer Zeit anerkannt.

Wenn man das Album heute hört, wirkt es erstaunlich frisch. Seine Geduld, sein Fokus auf Wiederholung und Resonanz, seine Abkehr vom Spektakulären – all das passt zu den heutigen Hörgewohnheiten im Bereich der Ambient- und Meditationsmusik. Doch seine Tiefe und Disziplin heben es von anderen Werken ab. Es ist kein Hintergrund, keine Dekoration. Es ist ein immersives Erlebnis, das Präsenz fordert und Langsamkeit belohnt. Frauen und Männer, erfahrene Hörer oder neugierige Neulinge – alle können sich in seinem Klang wiederfinden. Es heißt jeden willkommen, ohne dabei an Intensität zu verlieren.

Auf Vinyl entfaltet die Platte eine ganz eigene Wirkung. Der Klang der Marimba strahlt analoge Wärme aus, die Percussion erfüllt den Raum, das Knistern der Schallplatte verschmilzt mit Takadas Klangtexturen. Das Umdrehen der Platten spiegelt das Tempo der Musik wider: Jeder Titel ist eine Welt für sich, jede Seite eine Umgebung, in die man eintauchen kann. Das Cover der Neuauflage mit Takadas Bild und dem schlichten Design unterstreicht die Aura der Intimität und zugleich der Erhabenheit.

Was an „Through the Looking Glass“ nachhaltig beeindruckt, ist seine Fantasie. Ohne Japan zu verlassen und ohne riesige Ressourcen schuf Takada eine Klanglandschaft, die sich grenzenlos anfühlt. Sie bewies, dass Percussion allein Melodie, Harmonie, Rhythmus und Atmosphäre tragen kann. Sie zeigte, dass Minimalismus strahlend, großzügig und zutiefst menschlich sein kann.

Wenn man das Stück jetzt spielt, taucht man in diese grenzenlose Welt ein. Die Marimba plätschert. Die Trommeln rollen. Die Glocken schimmern. Man ist ganz woanders – in einem erträumten Dschungel, einem imaginären Tempel, einem Horizont, der niemals endet.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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