Mike Oldfield – Tubular Bells (1973)

Mike Oldfield – Tubular Bells (1973)

Von Rafi Mercer

Die einleitende Klavierfigur ist mittlerweile so vertraut, dass sie fast zeitlos wirkt, als hätte sie schon immer irgendwo in der Luft geschwebt und darauf gewartet, dass jemand sie hört. Kreisförmig, eindringlich, trügerisch einfach – diese Töne schlugen eine Brücke zwischen Volksmelodie, minimalistischer Wiederholung und etwas ganz und gar Fremdem. Als „Tubular Bells“ 1973 erschien, klang es überhaupt nicht wie ein Debütalbum. Es klang wie eine Welt, die sich in ihrer ganzen Vollendung offenbarte. Dass es von dem 19-jährigen Mike Oldfield stammte, der größtenteils allein mit einer ganzen Studioausstattung an Instrumenten und einem fast schon obsessiven Sinn für Details arbeitete, macht das Staunen nur noch größer. Manche Alben entstehen in jahrelanger Zusammenarbeit, mit einer sich dahinter aufbauenden Szene und einer Kultur, die sich darauf einlässt. „Tubular Bells“ entstand fast im Alleingang – ein junger Mann in „The Manor“, Richard Bransons neu gegründetem Rückzugsort und Studio in Oxfordshire, der Spur um Spur überlagerte, bis sich um ihn herum eine Art Kathedrale erhob.

Und dieser Ort – „The Manor“ – ist für mich bis heute mehr als nur ein Punkt auf der Landkarte der britischen Musik. Jahre nach der Veröffentlichung der Platte fand ich mich dort an den langen Sommerabenden wieder, eingeladen zu den Partys, die Richard und seine Clique veranstalteten. Zelte standen auf dem Rasen, das alte Steinhaus strahlte eine Mischung aus jugendlichem Chaos und unternehmerischer Kühnheit aus, die Luft war erfüllt von Gelächter, Apfelwein und gelegentlichen nächtlichen Jam-Sessions. Diese Zusammenkünfte hatten etwas Ungezwungenes an sich. Man spürte in jeder Ecke das Potenzial, das Gefühl, dass Klang, Geschäft und Gemeinschaft zu etwas Neuem verschmelzen könnten. Auf diesem Rasen zu stehen und zu wissen, dass „Tubular Bells“ ursprünglich in genau diesen Räumen zusammengestellt worden war, verlieh der Musik eine weitere Ebene der Realität. Es war nicht nur eine Platte; es war der Klang eines Augenblicks, der an sich selbst glaubte.

Auch heute noch, Jahrzehnte später, lässt sich „Tubular Bells“ nicht in eine Schublade stecken. Es ist teils Progressive Rock, teils zeitgenössische Klassik, teils folkige Träumerei, teils Studioexperiment. Für viele wird es immer mit dem unheimlichen Auftakt von „Der Exorzist“ verbunden bleiben. Doch dieser Hollywood-Ausschnitt ist nur ein winziger Bruchteil seiner wahren Natur. Die gesamte 49-minütige Reise ist etwas ganz anderes: eine Erzählung, die sich wie das Wetter bewegt, ständig ihre Form ändert und einen immer weiter mitnimmt, als man erwartet hätte. Es ist ambitioniert, exzentrisch und auf seltsame Weise rein.

Seite eins beginnt mit jenem Ostinato am Klavier, zu dem sich bald Gitarre, Orgel und Bass gesellen – jede Klangschicht wird mit einer Geduld eingeführt, die für einen Teenager im Studio ungewöhnlich ist. Oldfield spielt fast alles selbst, die Instrumente überlagern sich, bis sie zu einem einzigen Klanggefüge verschmelzen. Motive tauchen auf, wandeln sich, treten in den Hintergrund. Akustikgitarren streifen an elektrischem Crunch vorbei, Pfeifenorgeln dröhnen wie plötzliches Sonnenlicht, Percussion rasselt wie ferne Maschinen. Es gibt keine Ohrwürmer, keine Refrains, keine Zugeständnisse. Nur ein Strom von Ideen, denen Raum gegeben wird, sich zu entfalten. Auf einer guten Anlage ist die erste Seite ein Eintauchen in Klangfarben: die Wärme des analogen Tonbands umhüllt helle Akustikgitarren, jedes Instrument hat seine eigene Atmosphäre.

Seite zwei ist noch seltsamer. Der Abschnitt „Master of Ceremonies“ – in dem Glockenspiel, Mandoline und „zwei leicht verzerrte Gitarren“ vorgestellt werden – hätte eine Farce sein können. Stattdessen wirkt er sowohl verspielt als auch monumental, wobei das Studio selbst zum Theater wird. Dann ertönt die Glocke, die mit autoritärer Wucht hereinbricht, wobei ihre metallische Resonanz wie Wellen rollt. Das Stück schwingt zwischen Folk-, Rock- und quasi-choralartigen Passagen hin und her, bevor es mit einer Erhabenheit endet, die immer noch verblüffend wirkt. Wenn die Nadel abhebt, bleibt das Gefühl zurück, irgendwo gewesen zu sein – nicht nur unterhalten, sondern entführt worden zu sein.

Was diese Platte so außergewöhnlich macht, ist nicht nur ihr Klang, sondern auch die Überzeugung, die sie verkörperte. Virgin Records war kaum mehr als ein Unternehmen, als Branson diese Platte als erste Veröffentlichung auswählte. Das hätte das Label schon im Keim ersticken können. Stattdessen wurde sie zu einem Phänomen, verkaufte sich millionenfach, gewann Preise und bewies, dass das Unerwartete nicht nur überleben, sondern sogar florieren konnte. Für diejenigen von uns, die erst Jahre später zu Virgin kamen, war das Cover – diese gegen das Meer geneigte Chromglocke – mehr als nur ein Cover. Es war ein Banner.

Auf Vinyl strahlt die Platte heute die ganze Wärme ihrer Ära aus. Die Glocken läuten nicht nur, sie hallen nach, ihre Obertöne tanzen in der Luft. Akustikgitarren vermitteln die Maserung des Holzes. Orgeln atmen mit kirchlicher Würde. Der Bass ist fest, aber niemals aufdringlich. Wer sie auf einer sorgfältig abgestimmten Anlage hört, wird daran erinnert, wie analoges Tonband menschliche Nuancen transportierte und wie Stille Teil der Komposition war. Sie verdient es, vollständig abgespielt zu werden: erst Seite eins, dann Seite zwei. Lassen Sie die Glocken den Abend ausklingen und ihr Echo im Raum zurücklassen.

Für eine Heim-Hörrunde ist „Tubular Bells“ zugleich ein Geschenk und eine Herausforderung. Es erfordert Zeit. Es bietet keine einzelnen Songs, in die man einfach hineinhören kann; es verlangt, dass man sich neunundvierzig Minuten lang ganz darauf einlässt. Doch im Gegenzug bietet es Größe, Dramatik, Humor und Aufrichtigkeit. In einem Raum gespielt, in dem die Menschen bereit sind zuzuhören, kann es die Stimmung völlig neu gestalten. Wird es allein gespielt, wird es zu einer Gesellschaft der besonderen Art: die furchtlose Vision eines jungen Mannes, die auch nach fünfzig Jahren noch nichts von ihrer Intensität eingebüßt hat.

Manchmal denke ich an diese Partys im „The Manor“ zurück – an die Zelte, die in der Abenddämmerung von Oxfordshire leuchteten, an die Musik, die aus dem Haus drang, und an die Stimmen, die bis spät in die Nacht hallten. Es war ein Ort der Anfänge. Für Oldfield war „Tubular Bells“ einer davon. Für Virgin war es ein weiterer. Für mich, der ich mir das Album heute anhöre, bleibt es eine Erinnerung daran, wie eine einzige Platte einen Raum, ein Label, ja sogar ein ganzes Leben auf einen neuen Kurs bringen kann.

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