Mulatu Astatke – Ethiopian Jazz, Band 4 (1974)
Von Rafi Mercer
Ein Vibraphon schimmert, seine Töne schweben in der Luft wie Laternen in der Abenddämmerung. Dahinter findet die Rhythmusgruppe zu einem gleichmäßigen, hypnotischen Puls: der Bass tief und rund, das Schlagzeug prägnant und präzise, die Congas flüstern am Rande. Ein Horn setzt ein und trägt eine Melodie, die zugleich vertraut und völlig neu klingt – pentatonisch und doch modal, afrikanisch und doch modern, traurig und doch schwungvoll. Das ist der Klang von Mulatu Astatkes „Ethiopian Jazz Volume 4“, erschienen 1974, dem Album, das den Ethio-Jazz prägte und Addis Abeba auf die weltweite Musiklandkarte brachte.
Astatke, geboren 1943, absolvierte seine Ausbildung in London, New York und Boston, wo er sich mit klassischer Musik, Jazz und lateinamerikanischen Traditionen beschäftigte, bevor er nach Äthiopien zurückkehrte. Was er mitbrachte, war eine hybride Form: äthiopische Tonarten (bekannt als „Qenet“) verschmolzen mit Jazz-Improvisation, afro-lateinamerikanischen Rhythmen und Funk-Grooves. Der Ethio-Jazz war geboren. „Volume 4“ ist das ikonischste Dokument dieses Genres – eine Platte, die die rauchigen Nächte der Clubs in Addis in den 1970er Jahren einfängt und gleichzeitig auf eine Zukunft hinweist, in der Musik sowohl verwurzelt als auch grenzenlos sein konnte.
Der Opener des Albums, „Yèkèrmo Sèw“, ist wohl das bekannteste Stück darauf. Ein absteigendes Horn-Riff, hypnotisch und melancholisch, schwebt über einem langsamen, schweren Groove. Die Melodie wirkt uralt, doch das Arrangement ist modern und wird von Astatkes Vibraphon und der elektrischen Orgel getragen. Es ist meditativ und treibend zugleich – ein perfektes Beispiel für die Balance zwischen Stille und Bewegung im Ethio-Jazz.
„Metche Dershe“ bringt mehr Energie, die Bläser stechen mit funkiger Intensität über einen schwungvollen Rhythmus. „Gubèlyé“ verlangsamt das Tempo wieder, seine traurigen Bläserlinien reichen bis in den Blues hinein. „Asmarina“ hat einen beschwingten, fast lateinamerikanischen Charakter – ein Beweis dafür, dass Astatke während seiner Jahre in New York Salsa und kubanischen Jazz in sich aufgenommen hat. Jeder Titel schafft eine Balance zwischen äthiopischen modalen Tonleitern, dem improvisatorischen Geist des Jazz und den Polyrhythmen Afrikas.
Was „Ethiopian Jazz Volume 4“ so außergewöhnlich macht, ist seine Atmosphäre. Die Arrangements sind sparsam und dennoch stimmungsvoll, die Grooves tief, aber gemächlich. Die Bläser tragen Melodien, die über Jahrhunderte hinweg zu sprechen scheinen, während das Vibraphon eine schimmernde, moderne Textur beisteuert. Es ist Musik, die sich zugleich lokal und universell anfühlt, in Addis verwurzelt ist, aber überall Anklang findet. Man hört sie in schummrig beleuchteten Clubs, auf den Straßen der Stadt, in einsamen Hörräumen. Sie ist weltgewandt und intim zugleich.
Der kulturelle Kontext ist von entscheidender Bedeutung. Äthiopien stand Anfang der 1970er Jahre am Rande eines Umbruchs: Die Monarchie stand kurz vor dem Sturz, und das Militärregime des Derg sollte die Macht übernehmen. Addis war eine weltoffene Stadt mit einem pulsierenden Nachtleben, in der Musiker experimentierten. Astatkes Musik verkörperte diesen Kosmopolitismus und verband lokale Tradition mit globaler Moderne. Nach der Revolution wurde ein Großteil dieser kulturellen Blüte unterdrückt, doch „Volume 4“ blieb als Zeugnis erhalten und wurde zu einem Leuchtfeuer für spätere Generationen.
Das Album, das in den 1990er- und 2000er-Jahren durch Kompilationen wie „Éthiopiques“ international wiederentdeckt wurde, beeinflusste Künstler weit über Äthiopiens Grenzen hinaus. Von Jim-Jarmusch-Filmen bis hin zu Hip-Hop-Samples, von Jazz-Revivalisten bis hin zu Elektronik-Produzenten – sein Sound hallte über Kontinente hinweg nach. Es zeigte, dass äthiopische Tonarten neben Funk, Jazz und Ambient bestehen konnten und dass Addis seinen eigenen Platz in der globalen Klanglandschaft einnahm.
Wenn man das Album heute hört, wirkt es zugleich zeitlos und aktuell. Seine Grooves sind beständig und zugänglich, seine Melodien unvergesslich. Man muss weder etwas über Qenet noch über die Geschichte Äthiopiens wissen, um sich davon mitreißen zu lassen. Der Klang fesselt einen sofort. Frauen und Männer, neue Hörer und erfahrene Jazzliebhaber gleichermaßen fühlen sich in dieser Atmosphäre zu Hause. Seine Inklusivität liegt in seiner Ausgewogenheit: ernst, aber nicht abweisend, tiefgründig, aber niemals schwerfällig.
Auf Vinyl erstrahlt die Platte in vollem Glanz. Die analoge Wärme verstärkt den Schimmer des Vibraphons, die Tiefe des Basses und den klagenden Klang der Bläser. Das Knistern der Schallplatte verschmilzt mit der rauchigen Textur der Musik, als wäre sie in einem von Kerzenlicht schwach erhellten Club aufgenommen worden. Das Cover mit seiner schlichten Typografie und dem Porträt von Astatke unterstreicht das Gefühl von lokalem Stolz und globalem Ehrgeiz zugleich.
Auch fast fünfzig Jahre später ist „Ethiopian Jazz Volume 4“ nach wie vor das maßgebliche Werk des Ethio-Jazz. Es ist nicht nur ein historisches Artefakt, sondern ein lebendiger, atmender Klang, der nach wie vor gesampelt, aufgeführt und gehört wird. Es beweist, dass lokale Traditionen modern sein können, dass Jazz ebenso afrikanisch wie amerikanisch klingen kann und dass das Zuhören sowohl tiefgründig als auch einladend sein kann.
Wenn man diese Platte heute hört, taucht man in eine ganz andere Atmosphäre ein: langsam, rauchig, modal, hypnotisch. Man erlebt Addis auf dem Höhepunkt seiner Kreativität, Astatke in höchster Inspiration und Jazz in seiner grenzenlosesten Form. Man hört Musik, die nicht nur Kulturen verbindet, sondern eine neue schafft.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.