Nina Simone – Nina Simone and Piano! (1969)

Nina Simone – Nina Simone and Piano! (1969)

Von Rafi Mercer

Es gibt Alben, die wie Porträts wirken – sorgfältig gemalt, gerahmt und präsentiert. Und dann gibt es Alben, die wie Spiegel wirken: unverfälscht, direkt, und sie spiegeln die Künstlerin auf eine Weise wider, die einen unbehaglich macht, weil nichts ausgelassen wird. „Nina Simone and Piano!“ gehört zu Letzteren. Das 1969 erschienene Album legt jede Schicht von Orchestrierung, Arrangement oder ensemblerischem Schliff ab. Keine Band, keine Bläser, keine Streicher. Nur Simone am Klavier, ganz allein, ihre Stimme so ungeschützt, wie sie es auf einer Aufnahme jemals sein könnte. Es ist das, was am ehesten einem Tagebuch gleicht, das sie uns anvertraut – nur dass die Tinte hier aus Klang besteht.

Es beginnt fast zögerlich, als würde sie selbst prüfen, ob die Atmosphäre im Studio eine solche Nacktheit verkraften kann. Die Klavierakkorde sind auf das Wesentliche reduziert – Blues-, Gospel- und Folk-Akkordfolgen –, und dann setzt ihre Stimme ein, rau und kraftvoll, die schon Gewicht hat, noch bevor ein Wort ausgesprochen wird. Die Aufnahme ist so intim, dass es fast schon unangenehm ist: Man hört ihren Atem, ihre Pedale, das leichte Zögern vor einer Phrase. Es ist nicht Perfektion, die diese Platte zusammenhält, sondern Präsenz.

Das Jahr 1969 war in Amerika kein Jahr der Feinheiten. Es war das Jahr nach den Attentaten auf Martin Luther King Jr. und Robert Kennedy, das Jahr, in dem Woodstock eine halbe Million Menschen auf eine Farm im Norden des Bundesstaates New York lockte, das Jahr, in dem Richard Nixon ins Weiße Haus einzog. Die Welt war in Bewegung, laut, zerrissen. Dass Simone in diesem Klima eine so karge Platte veröffentlichte, war ein Akt der Auflehnung. Wo die Kultur Spektakel verlangte, bot sie Stille. Wo die Branche Glanz und Glamour verlangte, bot sie Rohheit.

Songs wie „Who Am I?“ klingen weniger wie Lieder als vielmehr wie Geständnisse. Der Text hinterfragt Identität und Sinn, doch Simones Interpretation macht daraus etwas Größeres: eine Ausdauerprüfung, ein Abwägen der Seele in Echtzeit. „Another Spring“ vermittelt die Melancholie einer Person, die zu viele Jahreszeiten ohne Veränderung wiederholen sah. Die Akkorde sind spärlich, und doch spürt man das gesamte Gewicht der Geschichte, das zwischen ihren Fingern lastet.

Ihr Klavierspiel verdient hier ebenso viel Aufmerksamkeit wie ihre Stimme. Simone hat eine klassische Ausbildung genossen, und das zeigt sich in ihrem Anschlag – kontrolliert, präzise, niemals schlampig, selbst beim Improvisieren. Doch hier spielt sie zurückhaltend und lässt niemals zu, dass die Tasten der Stimme die Show stehlen. Die linke Hand legt das Fundament, fast wie bei einer Hymne, während die rechte Filigranes hinzufügt – plötzliche Verzierungen, die so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Die Balance ist exquisit: eine Begleitung, die sich zugleich ausreichend und unvollständig anfühlt und so die emotionale Unvollständigkeit widerspiegelt, um die sich die Lieder drehen.

Was dieses Album für aufmerksame Hörer so besonders macht, ist das Gefühl, dass es auf ganz bewusste Weise unvollendet ist. Es handelt sich hier nicht um endgültige Versionen der Songs. Es sind offene Skizzen, angelehnte Türen. Simone tritt nicht für uns auf; sie lässt uns vielmehr zufällig mithören. Dieser Unterschied ist entscheidend. Wenn dieses Album in einer Hörbar auf einer hochwertigen Anlage gespielt wird, hat man das Gefühl, als würde der Raum selbst zum Komplizen. Das Publikum plaudert nicht, sondern beugt sich nach vorne. Gläser werden etwas leiser abgestellt. Man unterbricht „Nina Simone and Piano!“ genauso wenig, wie man einen Freund unterbrechen würde, der einem plötzlich die Wahrheit erzählt, die er seit Jahren für sich behalten hat.

Der Einfluss des Gospels ist allgegenwärtig. Auch ohne Chor gelingt es Simone, einen heraufzubeschwören. Ihre Akkorde erinnern an die Kirche, ihre Phrasierung lehnt sich an Predigten an. Doch dies ist keine aufmunternde Sonntagsstimmung. Es ist ein Bekenntnis am Samstagabend. Das Spirituelle ist hier nicht triumphierend, sondern suchend. Songs wie „The Desperate Ones“ oder „Everyone’s Gone to the Moon“ strahlen eine Trostlosigkeit aus, die nur durch ihre Ehrlichkeit gemildert wird. Die Wahrheit, so schmerzhaft sie auch sein mag, ist dennoch befreiend.

Wenn man über moderne Lautsprecher hört – etwa über Beolab 50, die so abgestimmt sind, dass der Raum gleichmäßig mit Klang erfüllt wird –, ist die Detailfülle überwältigend. Man hört die Klangfarbe des Klavierholzes, die Tiefe der tiefen Töne, die Luft um die Stimme herum. Es ist, als säße Simone direkt neben einem im Raum, unangenehm nah. Und doch ist es gerade dieses Unbehagen, das das Erlebnis so außergewöhnlich macht. In einer Welt des digitalen Glanzes wirken die Unvollkommenheiten wie Balsam für die Seele.

Aus pädagogischer Sicht ist „Nina Simone and Piano!“ ein Paradebeispiel dafür, wie wenig es braucht, damit Musik Bedeutung erlangt. Kompositionsstudenten können aus den Auslassungen ebenso viel lernen wie aus den Noten. Für Historiker markiert das Album einen Wendepunkt: eine Künstlerin, die sich von der öffentlichen Pracht früherer Aufnahmen zurückzieht und sich etwas zutiefst Persönlichem zuwendet. Und für die Zuhörer ist es eine Erinnerung daran, dass Tiefe in der Musik keine Komplexität erfordert. Sie erfordert Ehrlichkeit.

Es gibt auch Optimismus, auch wenn man danach suchen muss. Hinter der Traurigkeit verbirgt sich Widerstandskraft. Hinter den Bekenntnissen verbirgt sich die Tatsache des Überlebens. Das ist Simones Gabe: Raum für Verzweiflung zu schaffen, ohne sich ihr hinzugeben. Allein am Klavier zu sitzen und dennoch die Präsenz eines Orchesters, eines Satzes, eines Volkes heraufzubeschwören. Ihre Stimme bricht, beugt sich, seufzt – doch sie verschwindet nie. Sie bleibt noch lange nach der letzten Note in der Luft, ein Geist, der eher Begleiter als Schreckgespenst ist.

Im Sinne von „Tracks & Tales“ gehört dieses Album zum Kanon – nicht, weil es makellos ist, sondern weil es furchtlos ist. Es ist ein Klang, der Zerbrechlichkeit zulässt und dadurch an Stärke gewinnt. Er definiert Intimität als Architektur neu. Ob in einer Bar oder zu Hause – wenn man ihm seine volle Aufmerksamkeit schenkt, vollbringt es das, was nur die größten Alben vermögen: Es verändert die Art und Weise, wie man die Zeit erlebt.

Also legt die Schallplatte auf, dämpft das Licht und lasst Nina zu Wort kommen. Erwartet keine Perfektion, erwartet keinen Komfort. Erwartet Präsenz. Erwartet Wahrheit. Erwartet, dass ihr verändert nach Hause geht. Genau das bewirkt „Nina Simone and Piano!“ seit 1969, und genau deshalb ist es auch heute noch von Bedeutung.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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