Open This Wall – Berlioz (2023)
Berlioz’ „Open This Wall“ (2023) verwandelt Jazz in Atmosphäre – Kontrabass, mit Besen gespieltes Schlagzeug und Geduld als Gestaltungselement.
Von Rafi Mercer
Es begann, wie so viele Wiederentdeckungen, mit einer einzigen Basslinie. Eines Abends war ich auf dem Heimweg, als „Open This Wall“ aus meinen Kopfhörern erklang – der Kontrabass langsam, bedächtig, fast wie im Gespräch. Der Song hatte diese Londoner Mitternachtsenergie, aber ohne Hektik oder Unruhe. Der Rhythmus schritt nicht so sehr voran, sondern entfaltete sich vielmehr, und plötzlich schien die Stadt ihren Atem darauf abzustimmen.
Berlioz, der noch in seinen Zwanzigern ist, macht eine Art von Jazz, der sich zugleich vertraut und neu interpretiert anfühlt. Seine Stücke setzen nicht auf Virtuosität, sondern auf Zurückhaltung. Man hört Miles und Madlib, Khruangbin und KDJ, aber vor allem hört man Raum – bewusst eingesetzte Stille. „Open This Wall“, erschienen im Jahr 2023, ist kein Jazzalbum im traditionellen Sinne. Es ist eine Studie der Atmosphäre, ein Album, das zwischen Clubkultur und Kontemplation schwebt und gleichermaßen für den Spaziergang mit Kopfhörern wie für die Hörbar geschaffen ist.
Der Titelsong beginnt wie eine Tür, die leise aufgeschlossen wird. Klavierakkorde schweben zwischen Dur und Moll, mit den Besen gespielte Becken ticken sanft im Hintergrund, der Bass klingt warm und menschlich. Dann setzt dieser unverkennbare Rhythmus ein – staubige Trommeln, Vinyl-Körnung, eine schwache harmonische Schleife. Es ist der Klang von Jazz, gefiltert durch die Erinnerung, halb akustisch, halb digital, vollkommen lebendig.
Berlioz’ Stärke liegt darin, wie er durch Wiederholungen Emotionen aufbaut. „Open This Wall“ wiederholt sein Motiv wie ein Mantra, wobei sich die Klangtextur bei jeder Wiederholung leicht verändert – der Hauch von Improvisation ohne das Ego der Selbstdarstellung. Es ist Jazz für die moderne Aufmerksamkeitsspanne: hypnotisch genug, um zu fesseln, und subtil genug, um zum erneuten Anhören einzuladen.
Bemerkenswert ist die Detailtreue des Ganzen. Selbst über kleine Lautsprecher spürt man die Wucht des Mixes – jede tiefe Note ist so rund wie der Korpus des Instruments selbst. Über eine gute Anlage vertieft sich die Resonanz; der Subbass entfaltet sich wie ein Atemzug im Holz. Das ist Handwerkskunst, die sich als Leichtigkeit tarnt.
Stücke wie „No Need to Explain“ und „It’s Okay to Relax“ zeigen, wie Berlioz Jazzharmonien als emotionales Design einsetzt. Seine Akkorde sind zart, schwebend, endlos unaufgelöst. Da ist Melancholie, aber auch Trost – Traurigkeit, die sich in Sanftheit ausdehnt. Man spürt die Tradition von 4hero und Nujabes, den Einfluss der Lo-Fi-Kultur, der durch musikalisches Können neu interpretiert wird. Doch die Umsetzung ist moderner Minimalismus: alles Notwendige, nichts darüber hinaus.
In „Open This Wall“ verhält sich der Rhythmus wie Architektur. Die Trommeln sind keine Taktgeber, sondern bilden ein Gerüst. Jeder Schlag auf die Snare schafft etwas mehr Raum, jede Hi-Hat schafft Distanz. Das macht das Album in einem physischen Raum so angenehm anzuhören – es nimmt den Raum nicht ein, sondern prägt ihn. In einer Bar gleitet es unter den Gesprächen hindurch und verleiht ihnen Wärme, ohne etwas zu verlangen. In der Einsamkeit dehnt es sich aus, wie das Summen der Welt, das sich verlangsamt, um sich deinem Puls anzupassen.
Etwa in der Mitte des Albums gibt es eine Stelle – einen einfachen, gesprochenen Satz, der aus einem alten Interview gesampelt wurde: „Manchmal muss man einfach den Raum sprechen lassen.“ Das könnte das Leitmotiv für Berlioz’ gesamte Herangehensweise sein. Er lässt den Raum sprechen – durch Klang, durch Echo, durch Zurückhaltung.
Das emotionale Herzstück des Albums bildet der Titel „More Than This“. Es ist kaum mehr als ein Groove – Kontrabass, Rhodes, sanfte Besen –, doch darin steckt eine ganze Philosophie: Wiederholung als Reflexion, Groove als Verankerung. Die Melodie dreht sich um dieselben wenigen Noten und wirkt dennoch stets neu, wie ein Gespräch, von dem man nicht möchte, dass es endet.
Wenn man genau hinhört, wird einem klar, dass es bei „Open This Wall“ ebenso sehr um das Zuhören selbst geht wie um den Jazz. Es ist Musik von jemandem, der die Stille als Mitwirkende versteht. Wenn die Instrumente innehalten, wirkt diese Pause bewusst – wie ein tiefer Atemzug, bevor man den Gedanken fortsetzt.
Das Tempo des Albums hat etwas Spirituelles an sich. Es steigt nicht an und fällt nicht ab; es schwebt dahin wie Rauch in der stillen Luft. Die Stimmung erinnert an den Downtempo der späten 90er Jahre – Thievery Corporation, der frühe Bonobo –, doch Berlioz verzichtet auf jegliche Exotik und lässt nur die Intimität übrig. Es ist keine Hintergrundmusik; es ist ein Gefühl im Hintergrund .
Auf Vinyl gewinnen die Klangtexturen an Tiefe: ein leises Knistern, Bandrauschen, jene organischen Unvollkommenheiten, die dem Klang einen lebendigen Charakter verleihen. Bei der digitalen Wiedergabe kommt die Präzision zum Vorschein – eine subtile Stereoabbildung, Subharmonien, die perfekt auf die Obertöne des Rhodes abgestimmt sind. So oder so ist das Hörerlebnis meditativ.
Das auf seine eigene, unaufdringliche Weise Radikale an „Open This Wall“ ist sein Optimismus. So viel moderner Jazz scheint von Dunkelheit oder Ironie geprägt zu sein. Berlioz lässt Licht herein. Seine Kompositionen sind zwar von Melancholie geprägt, aber auch von Sanftheit, Dankbarkeit und sogar Freude. In seiner Zurückhaltung liegt emotionale Intelligenz – eine Weigerung, Gefühle zu dramatisieren. Der Groove jagt nicht nach Aufmerksamkeit, sondern belohnt sie.
Im Verlauf des Albums spürt man einen ständigen Dialog zwischen Tradition und Zukunft. „A Space Between“ wirkt fast wie eine Hommage an die frühen 4hero – gebrochene Rhythmen, eingehüllt in üppige Akkorde –, während „Through the Clouds“ Anklänge an Spiritual Jazz und Ambient-Elektronik aufgreift. Und doch wirkt nichts davon wie eine bloße Nachahmung. Berlioz bewegt sich durch seine Einflüsse so, wie sich ein guter DJ durch seine Platten bewegt: mit Intuition, Respekt und Flow.
Und dieses Wort – „Flow“ – ist hier das A und O. Das Album enthält nicht nur Flow, es ist Flow. Jeder Track geht nahtlos in den nächsten über, die BPMs schweben im gleichen emotionalen Tempo, weder hastig noch zögerlich. Es ist ein Album, das auf Geduld setzt und davon ausgeht, dass der Hörer lieber geführt als aufgeschreckt werden möchte.
Gegen Ende schwebt „For A While“ leise herein – eine einfache Klavierloop, ein pulsierender Bass, das leise Gemurmel einer Feldaufnahme im Hintergrund. Es fühlt sich an wie die Schlussszene eines Films, von dem man nicht wusste, dass er von einem selbst handelt. Der Klang verklingt und hinterlässt nur noch Atmosphäre und Erinnerung. Man schaut auf den Player und denkt, es käme noch mehr, aber genau das ist der Punkt – Berlioz lässt keine Auflösung zu. Er lässt einen in der Schwebe, nachdenklich, ruhig.
Als ich mir den Titel später am Abend noch einmal im Auto anhörte, fiel mir auf, wie „Open This Wall“ mit Bewegung interagiert. Der Rhythmus passt sich der Bewegung an – gleichmäßig, nachdenklich, fesselnd. Er verwandelt den Verkehr in ein Tempo, Scheinwerfer in Synkopen. Das ist das Besondere daran: Es verändert die Art und Weise, wie man die Zeit erlebt.
Zwei Jahre später wirkt das Album bereits zeitlos. Es reiht sich ein in die Riege von „Creating Patterns“, „Beyond Skin“, „Vira“ und „Journey in Satchidananda“ – allesamt Teil derselben stillen Tradition: Musik, die dem Zuhörer zuhört. Es beweist, dass Jazz auch im digitalen Zeitalter noch handgemacht, gefühlvoll und präzise sein kann.
In einer Welt, die von Beschleunigung besessen ist, ist „Open This Wall“ eine Einladung zum Verweilen. Zum Aufhören mit dem Scrollen. Zum Durchatmen. Damit eine Basslinie, ein Raum, ein Moment der Resonanz dich daran erinnern, was Stille bewirken kann.
Genau das hat Berlioz hier geschaffen:
– eine Mauer, die kein Hindernis ist, sondern eine Grenze der Ruhe –
– ein Ort, an dem das moderne Leben endlich langsam genug wird, um zuzuhören.
Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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