Orchestra Baobab – Pirate’s Choice (1982)
Dakars Mitternachtsorchester und die sanfte Eleganz des afro-kubanischen Rhythmus
Von Rafi Mercer
Manche Platten wirken wie Städte nach Mitternacht.
Die Straße hat sich geleert, die Luft ist etwas abgekühlt, und der Rhythmus des Abends hat sich zu etwas Sanfterem und Nachdenklicherem verlangsamt. Irgendwo in der Ferne erklingt eine Gitarre, eine Basslinie schwebt sanft darunter, und eine Stimme erhebt sich mit der Geduld eines Menschen, der versteht, dass Musik nicht dazu da ist, sich zu beeilen.
„Pirate’s Choice “ ist eine dieser Platten

Das Album, das Anfang der 1980er Jahre in Dakar aufgenommen wurde, fängt einen Moment ein, in dem die westafrikanische Musik die Klänge aufnahm, die Jahrzehnte zuvor den Atlantik überquert hatten. Kubanischer Son, Rumba und Latin Jazz hatten im Senegal bereits durch importierte Schallplatten und Radiosendungen Fuß gefasst. Lokale Musiker hörten aufmerksam zu, lernten die Strukturen dieser Rhythmen kennen und integrierten sie dann behutsam in ihre eigenen Traditionen.
Das Ergebnis ist der außergewöhnliche Hybrid-Sound von Orchestra Baobab.
Während viele afrikanische Bands jener Zeit zu schnellen, tanzorientierten Arrangements neigten, setzte das Orchestra Baobab auf Geduld. Die Grooves auf „Pirate’s Choice“ verlaufen langsam, fast zeremoniell, und lassen jedem Instrument Raum zum Atmen.
Gitarren gleiten über sanfte Percussion-Klänge. Die Bläser klingen wie warmes Sonnenlicht, das durch die Wolken bricht. Die Basslinien schreiten eher mit ruhiger Zuversicht als mit Dringlichkeit voran.
Es ist der Rhythmus eines Raums, der genau weiß, was er tut.
Wenn man sich das Album heute anhört, fällt vor allem die Zurückhaltung auf. Nichts wird übertrieben gespielt. Nichts wirkt überladen. Jede musikalische Phrase ist sorgfältig in das Arrangement eingebettet, als hätte die Band instinktiv verstanden, dass gerade der Raum selbst Teil des Grooves ist.
Dieser Ansatz verleiht der Platte etwas Hypnotisches.
Die Stücke gehen weit über die Erwartungen an eine herkömmliche Pop-Struktur hinaus und lassen die Melodien sich allmählich entfalten, während Percussion und Gitarre subtile Variationen um den zentralen Rhythmus herum verweben. Die Musik lädt dazu ein, noch ein wenig länger zu verweilen, genauer hinzuhören und die kleinen Veränderungen wahrzunehmen, die sich innerhalb des Grooves vollziehen.
Man kann sich leicht vorstellen, in welchem Ambiente diese Auftritte ursprünglich erlebt wurden – in den Nachtclubs von Dakar, wo die Musiker bis spät in die Nacht spielten, während sich die Gespräche zwischen den Tischen hin und her trugen und der Rhythmus langsam durch den Raum schwebte.
In dieser Umgebung hätte sich die Zeit ausgedehnt.
Und diese Erweiterung ist nach wie vor in der Datensatzdatei enthalten.
Das Album ist zudem von einem Gefühl des kulturellen Dialogs durchzogen. Die kubanischen Einflüsse sind unverkennbar, überschatten jedoch niemals die senegalesische Identität der Band. Vielmehr wirken die Rhythmen so, als würden sich zwei Geschichten sanft mitten auf dem Atlantik begegnen.
Afrika bringt seine Musik in die Welt hinaus und erlebt, wie sie verwandelt zu ihm zurückkehrt.
Für die Hörer von heute bietet „Pirate’s Choice“ etwas, das immer seltener wird: eine Platte, die Aufmerksamkeit belohnt, ohne sie einzufordern. Sie kann einen Abend lang leise im Hintergrund laufen, wobei ihre warmen Gitarrenklänge und geduldigen Rhythmen eine Atmosphäre schaffen, die sich zugleich entspannt und zutiefst musikalisch anfühlt.
Wenn man sich jedoch näher hinhört – wenn man den subtilen Veränderungen im Schlagzeug oder der feinfühligen Phrasierung der Blechbläser folgt –, offenbart das Album eine Detailschicht nach der anderen.
Das ist das stille Genie von Orchestra Baobab.
Sie wissen, dass Rhythmus nicht laut sein muss.
Manchmal ist der kraftvollste Groove der, der einfach weiteratmet.
Kurze Fragen
Welchen Musikstil verfolgt „Pirate’s Choice“?
Eine Mischung aus senegalesischen Rhythmen und afrokubanischem Son, gespielt mit außergewöhnlicher Geduld und Eleganz.
Warum ist das Orchestra Baobab so bedeutend?
Sie haben einen der unverwechselbarsten Band-Sounds Westafrikas geschaffen und dabei eine Brücke zwischen lateinamerikanischer Musik und senegalesischer Tradition geschlagen.
Ist es eine Tanzplatte oder eine Platte zum Genießen?
Beides – doch ihre wahre Magie entfaltet sich erst, wenn man sie auf einer guten Anlage aufmerksam anhört.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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