Parliament – Mothership Connection (1975)

Parliament – Mothership Connection (1975)

George Clintons umwerfendes Meisterwerk und die Freude an der Transzendenz durch den Groove.

Von Rafi Mercer

Manche Alben kommen nicht einfach nur heraus – sie schlagen ein. „Mothership Connection“ von Parliament landete 1975 nicht einfach still und leise in den Regalen; es stieg aus dem Orbit herab, mit blinkenden Lichtern, dröhnenden Bläsern und Basslinien, die so kraftvoll waren, dass sie den Mond zum Beben brachten. George Clinton hat keine Funk-Platte aufgenommen. Er schuf eine ganze Kosmologie – eine, in der Rhythmus Freiheit war, der Groove Gospel und die Tanzfläche eine Art kosmische Kirche.

Ich habe es schon unzählige Male gehört, und doch fühlt es sich bei jedem Anhören wieder wie eine Entdeckung an. Vielleicht liegt es daran, dass jeder Titel ein eigenes Universum ist, das jedoch durch diese eine unmögliche Idee verbunden ist – dass Funk ein Mythos sein könnte. Die Bläser klingen wie Raumschifftriebwerke, der Gesang wie Predigt und Satire zugleich, und die Texte … nun, die Texte sind pures Theater. Clinton hat weniger Lieder geschrieben als vielmehr Szenen – interplanetare Manifeste über Freude, Befreiung und das Recht auf Groove.

„Star Child (Mothership Connection)“ beginnt mit dieser unvergesslichen Ansage: „Bürger des Universums, aufzeichnende Engel …“ – und plötzlich ist man nicht mehr auf der Erde. Die Basslinie rollt wie eine Parade durch den tiefen Weltraum, Bootsy Collins grinst hinter jeder Note, und die Bläser (arrangiert von Fred Wesley und Maceo Parker) schneiden durch den Sound, als kämen sie direkt aus James Browns Werft. Aber das ist kein Soul auf Lohnbasis; das ist Funk als Freiheit.

Über eine gute Anlage – vor allem eine mit echter Wärme und Substanz – wirkt das Album dreidimensional lebendig. Der Bass ist elastisch, die Snares knackig, die Stimmlagen kreisen ständig umeinander. „P-Funk (Wants to Get Funked Up)“ baut sich wie ein Ritual auf: langsam, gesprochen, kühl wie eine Prophezeiung. Clintons Predigerstimme erzählt eine ganze Philosophie der Schwingung – eine, die beim Körper beginnt und irgendwo in der Nähe der Erlösung endet.

Was mich nach wie vor verblüfft, sind die Texte – witzig, absurd, tiefgründig. Zeilen wie „Put a glide in your stride, and a dip in your hip“ sind mehr als nur Schlagworte; sie sind Anleitungen dafür, wie man in einer Welt, die deinen Glanz trüben will, mit Stil durchs Leben geht. Hinter dem Humor verbirgt sich Widerstand – die Idee, dass Tanzen, Lachen und das Bekenntnis zur Freude politische Handlungen sein können. „Mothership Connection“ war kein Realitätsflucht; es war Transzendenz, getarnt als Funk.

„Give Up the Funk (Tear the Roof Off the Sucker)“ ist pure kollektive Befreiung – ein Groove, der so kraftvoll ist, dass er eine kleine Stadt mit Strom versorgen könnte. Jeder Bläserstich, jeder Schrei fühlt sich wie ein Exorzismus an. Dann folgen „Handcuffs“, verschmitzt und subversiv, und „Unfunky UFO“, eine Satire, die zugleich ein Fest der Zugehörigkeit ist. Clinton hat immer wieder Erwartungen auf den Kopf gestellt – wo andere die Zukunft in der Technologie sahen, sah er sie in der Freiheit.

Das Geniale an diesem Album ist, wie es kosmische Fantasie mit irdischem Groove verbindet. Im Jahr 1975 war die Aneignung des Weltraums durch schwarze Künstler nicht nur eine kreative Laune – es war ein Akt des Widerstands. Damit wurde gesagt: Wir sind überall präsent, auch wir gestalten die Zukunft mit. Afrofuturismus war damals noch kein Genre; „Mothership Connection“ hat ihn zu einem solchen gemacht.

Jedes Mal, wenn ich die Platte auflege, wird mir wieder bewusst, wie körperlich sie ist. Man hört sie nicht nur; man taucht in sie ein. Der Bass durchströmt einen, die Stimmen umkreisen die Gedanken, das Lachen überrascht einen unvorbereitet. Clinton verstand die Geometrie des Funk – wie Rhythmus die Zeit verzerren kann, wie Wiederholung zur Offenbarung werden kann.

Und doch gibt es hier trotz aller Prahlerei auch Zärtlichkeit. Eine tiefe Liebe zur Gemeinschaft, zur Band selbst und zum Publikum, das sie einlädt, an Bord zu kommen. Das „Mothership“ war nicht nur eine Spielerei – es war eine Metapher für den gemeinsamen Flug. Jeder war willkommen, solange er den Funk mitbrachte.

Ein halbes Jahrhundert später klingt es immer noch unerschrocken. Die Platte war Vorläufer des Hip-Hop-Samplings (Public Enemy, Dre, Kendrick), der elektronischen Klangüberlagerungen und sogar der Live-Mix-Ästhetik, nach der moderne Produzenten noch heute streben. Doch nichts hat ihre Wärme ganz eingefangen – diese seltsame, menschliche Mischung aus Absurdität und Aufrichtigkeit.

„Hörst du das? Das ist der Sound des Funk, der von ganz weit her kommt.“

Spielt es laut oder spielt es spät, aber spielt es in voller Länge. Alben wie dieses verblassen nicht; sie kreisen um uns herum. „Mothership Connection“ erinnert uns daran, dass Freude selbst Architektur sein kann – dass Lachen, Bass und Fantasie Welten erschaffen können.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

Zurück zu den Geschichten

Keine Playlist.

Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

JETZT MITMACHEN