Paul Desmond – Take Ten (1963)
Der Klang einer Entdeckungsreise durch Brasilien, ohne New York jemals zu verlassen
Von Rafi Mercer
Manchmal stößt man bei Recherchen auf ein Album. Manchmal durch Erinnerungen. Und manchmal durch einen seltsamen kleinen Faden, dem man gedanklich folgt, ohne ganz zu verstehen, warum.
Ein Rhythmus. Ein Wort. Ein Gefühl.
Ich bin auf „Take Ten“ gestoßen, als ich über Salvador nachdachte.

Nicht direkt. Nicht absichtlich. Ich hatte über die Straßen dort nachgedacht – über die Percussion, die Bewegung, die Offenheit des brasilianischen Rhythmus an sich. Salvador hat die Fähigkeit, die Art und Weise zu verändern, wie man Wiederholungen wahrnimmt. Die Trommeln geben nicht einfach nur den Takt vor; sie scheinen aus der Bewegung heraus eine Atmosphäre zu schaffen. Alles fühlt sich mit dem Körper verbunden an. Das Gehen wird rhythmisch. Das Gespräch wird rhythmisch. Selbst die Stille fühlt sich an, als wäre sie sorgfältig zwischen den Taktschlägen platziert.
Und irgendwie führte mich dieser Gedankengang hierher – zu Paul Desmond und „Take Ten“.
Was eigentlich seltsam ist.
Denn dieses Album wurde 1963 in New York von einem der coolsten und zurückhaltendsten Altsaxophonisten aufgenommen, den der Jazz je hervorgebracht hat. Doch hinter seiner maßgeschneiderten amerikanischen Eleganz verbirgt sich der unverkennbare Einfluss Brasiliens, der wie warme Luft durch ein offenes Fenster in die Jazzkultur zu strömen beginnt.
Das hört man sofort.
Nicht auf lautstarke oder theatralische Weise. Dafür war Desmond zu subtil. Sondern in der Bewegung des Rhythmus, der Lockerheit der Phrasierung, der Sanftheit an den Rändern. Die Platte scheint weniger daran interessiert zu sein, für den Hörer eine Show abzuziehen, als vielmehr, ihn an einen ruhigeren Ort einzuladen.
Schon allein der Titelsong macht deutlich, warum dieses Album so wichtig ist.
„Take Ten“ war in gewisser Weise eine spielerische Fortsetzung von Desmonds früherem Erfolg mit dem Stück „Take Five“, das er gemeinsam mit dem Dave Brubeck Quartett geschrieben hatte. Doch während „Take Five“ von Spannung und Ecken und Kanten geprägt war, wirkt „Take Ten“ fließend. Entspannt. Die ungewöhnliche Taktart verschwindet fast unter der Eleganz des Spiels. Das ist eine von Desmonds größten Gaben: Komplexität, die sich hinter Leichtigkeit verbirgt.
Und dann ist da noch Jim Hall.
Ohne Jim Hall wäre diese Platte nicht zu dem geworden, was sie geworden ist.
Hall spielt Gitarre wie ein Architekt des leeren Raums. Winzige Akkordfolgen. Zarte harmonische Schatten. Töne, die auftauchen und wieder verschwinden, bevor man sie ganz erfassen kann. Moderne Musiker verwechseln Raffinesse oft mit Dichte, doch Hall hat das Gegenteil verstanden. Er lässt Raum zum Nachdenken. Raum für Luft. Raum für Desmonds Alt saxophon, das über den Arrangements schwebt wie Rauch am späten Abend in einem schummrig beleuchteten Raum. Es ist dieselbe Qualität, die die besten Hörräume auszeichnet – dem Akt des Zuhörens wird seine volle Würde verliehen, wo Stille keine Leere, sondern Struktur ist.
Wenn man sich dieses Album heute anhört, wird einem bewusst, wie zeitgemäß diese Zurückhaltung wirkt.
In einer Welt, in der fast alles um Aufmerksamkeit buhlt, erhebt Take Ten niemals die Stimme.
Vielleicht ist das der Grund, warum es sich heute so emotional intensiv anfühlt.
Der brasilianische Einfluss wird bei „Theme from Black Orpheus“ und „Samba de Orfeu“ noch deutlicher. Diese Stücke sind von Bedeutung, weil sie genau den Moment einfangen, in dem amerikanische Jazzmusiker begannen, sich in Bossa Nova und Samba-Rhythmen zu verlieben – sie nicht einfach nur zu übernehmen, sondern sich durch sie zu verfeinern.
Das ist die tiefere Geschichte hinter „Take Ten“.
Der Jazz befand sich Anfang der 1960er Jahre im Wandel. Der Hard Bop war zwar nach wie vor von Dringlichkeit und Tempo geprägt, doch es eröffnete sich ein neuer Weg: eine Musik, die anders atmete. Eine Musik, die auf Atmosphäre, Intimität, Dialog und Leichtigkeit basierte. Brasilien bot den Jazzmusikern eine neue emotionale Dimension.
Und vielleicht ist das der Grund, warum diese Platte in meinen Gedanken eine Verbindung zu Salvador herstellte.
Denn Brasilien verändert die eigene Beziehung zum Rhythmus an sich.
Nicht alles muss aggressiv vorantreiben. Manchmal kann Rhythmus eher schwingen als treiben. Manchmal kann Raffinesse eher sonnig als intellektuell wirken. Manchmal kann Musik Freude und Melancholie in einem Atemzug vereinen.
Desmond hat das instinktiv verstanden.
Der Klang seines Altsaxophons wird oft mit einem trockenen Martini verglichen – kühl, elegant, raffiniert –, doch dahinter verbirgt sich auch eine gewisse Wärme. Eine Art nachdenkliche Distanz. Er klingt weniger wie jemand, der versucht, Eindruck zu schinden, sondern eher wie jemand, der die Welt still aus einer Ecke des Raumes beobachtet.
Diese Eigenschaft verleiht „Take Ten“ eine außergewöhnliche Langlebigkeit.
Es altert wunderbar, weil es nie Trends oder Effekthascherei hinterhergelaufen ist. Selbst die Aufnahme selbst wirkt zurückhaltend. Aufgenommen 1963 in der Webster Hall in New York, ist der Klang klar, ohne schrill zu wirken. Connie Kays Schlagzeugspiel ist durchweg feinfühlig und zutiefst musikalisch, während die Arrangements jegliche Überfrachtung vermeiden. Pat Metheny verstand ein Jahrzehnt später dasselbe Prinzip – dass die wahre Gabe der Gitarre nicht darin liegt, was sie spielt, sondern darin, was sie bewusst weglässt.
Es strahlt die Zuversicht aus, wie wenig das Album braucht.
Und vielleicht ist es genau das, was mir nach dem Anhören am meisten in Erinnerung bleibt.
Nicht die technischen Details. Nicht die Jazzgeschichte. Nicht einmal der Bezug zum Samba.
Es ist das Gefühl der Leichtigkeit.
Das Gefühl, dass das Zuhören selbst leichter werden kann.
Man legt diese Platte auf, in der Erwartung, Hintergrundmusik zu hören, und merkt nach und nach, dass sie den Rhythmus der eigenen Gedanken verändert hat. Der Raum verlangsamt sich ein wenig. Die Atmung verändert sich. Die Aufmerksamkeit kehrt zu sich selbst zurück.
Das kommt selten vor.
Und vielleicht war diese seltsame Reise von Gedanken an Salvador zu Paul Desmond letztendlich gar nicht so seltsam. Musik hat diese Wirkung manchmal. Ein Rhythmus öffnet eine weitere Tür. Eine Stadt hallt leise in einer anderen nach. Ein Samba-Rhythmus aus Brasilien findet irgendwie seinen Weg in eine coole New Yorker Jazz-Session aus dem Jahr 1963.
Das beste Zuhören funktioniert genau so.
Nicht als Information.
Als Assoziation. Als Gefühl. Als Atmosphäre, die über die Zeit hinweg weitergegeben wird.
Kurze Fragen
Was macht „Take Ten“ so besonders?
Seine Eleganz und Zurückhaltung. Paul Desmond und Jim Hall schaffen ein weitläufiges, äußerst stimmungsvolles Jazzalbum, das die Raffinesse des Cool Jazz mit brasilianischen Rhythmen verbindet.
Ist das ein Samba- oder ein Bossa-Nova-Album?
Nicht ganz, aber brasilianische Musik prägt Teile des Albums stark, insbesondere Titel wie „Samba de Orfeu“ und „Theme from Black Orpheus“.
Warum wirkt das Album immer noch modern?
Weil es jegliche Übertreibung vermeidet. Die luftige Produktion, das zurückhaltende Spiel und die emotionale Zurückhaltung passen perfekt zu modernen Hörern, die nach ruhigen, bewussten Hörerlebnissen suchen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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