Pauline Oliveros – Deep Listening (1989)
Von Rafi Mercer
Die ersten Klänge von „Deep Listening“ klingen wie Echos aus einer anderen Welt. Ein tiefer Bordun summt in der Weite, eine Posaune seufzt in den Raum hinein, ein Akkordeon atmet in langen Bögen, eine Stimme schwankt – und all das hallt mit einer Nachhallzeit von 45 Sekunden von den Steinwänden einer unterirdischen Zisterne wider. Die Wirkung ist jenseitig und doch zutiefst menschlich; Klang entfaltet sich nicht als Ereignis, sondern als Umgebung. 1988 aufgenommen und im folgenden Jahr veröffentlicht, wurde Pauline Oliveros’ „Deep Listening“ mehr als nur ein Albumtitel. Es war ein Manifest, eine Praxis, eine Philosophie der Präsenz, die nicht nur die experimentelle Musik prägen sollte, sondern auch die Vorstellung davon, wie und warum wir zuhören.
Oliveros galt schon lange als radikale Persönlichkeit in den Kreisen der amerikanischen Avantgarde. In den 1960er Jahren war sie Mitbegründerin des San Francisco Tape Music Center und beschäftigte sich mit Elektronik und Improvisation zu einer Zeit, als beides noch Randphänomene waren. Doch in den 1970er und 80er Jahren wandte sie sich dem zu, was sie als „Deep Listening“ bezeichnete – einem Ansatz, der das Zuhören selbst als Kunst, als Meditation sowie als politische und spirituelle Praxis betrachtete. Das Album „Deep Listening“ war die erste Aufnahme, die ausdrücklich mit dieser Philosophie verbunden war; sie entstand gemeinsam mit dem Posaunisten Stuart Dempster und dem Sänger Panaiotis in einer stillgelegten Wasserzisterne unterhalb von Fort Worden im Bundesstaat Washington. Der Raum selbst wurde zum Instrument, sein langer Nachhall ließ jeden Klang in die Weite verfließen und zwang sowohl die Musiker als auch die Zuhörer dazu, das Tempo zu drosseln, aufmerksam zu sein und abzuwarten.
Die Musik ist improvisiert, wirkt aber dank Geduld und Achtsamkeit wie komponiert. Töne werden gehalten, dürfen aufblühen und in die Höhle verklingen, um sich mit Obertönen zu vermischen, bis sich die Grenzen auflösen. Stimmen summen, seufzen, singen. Das Akkordeon wird zur Bordunmaschine, die Posaune zu einem resonanten Nebelhorn, Elektronik sorgt für einen subtilen Schimmer. Es gibt keinen Rhythmus, den man erfassen könnte, keine Melodie, der man folgen könnte, nur Klang, der sich in Zeit und Raum entfaltet. Das Erlebnis gleicht weniger dem Hören eines Musikstücks als vielmehr dem Gefühl, sich in einem solchen zu befinden.
Auf Vinyl gewinnt die Aufnahme eine Wärme, die das Hörerlebnis noch intensiver macht. Die Drones leuchten, der Nachhall scheint endlos, die kleinsten Gesten dehnen sich bis ins Unendliche aus. Wird sie in einer Hörbar gespielt, verwandelt sie die Atmosphäre völlig. Der Raum wird nachdenklich, Gespräche verstummen, die Zeit verlangsamt sich. Es ist Musik, die nichts weiter verlangt als Präsenz, die uns daran erinnert, dass Zuhören ein Akt der Achtsamkeit, der Verbundenheit und der gemeinsamen Stille sein kann.
Was „Deep Listening“ so zeitlos macht, ist nicht nur sein Klang, sondern auch die Einladung, die darin liegt. Oliveros betonte immer wieder, dass „Deep Listening“ kein Genre, sondern eine Praxis sei, die jedem und überall offenstehe. Es bedeute, allem – Musik, Geräuschen, der Umgebung, dem Körper, der Vorstellungskraft – mit Offenheit und Achtsamkeit zuzuhören. Das Album verkörpert diese Haltung. Es geht nicht um Virtuosität oder Selbstdarstellung, sondern um Achtsamkeit, um das Wahrnehmen von Raum, Resonanz und dem subtilen Zusammenspiel der Stimmen. Damit öffnete es eine Tür für Generationen von Musikern, Klangkünstlern und Zuhörern, die darin ein Vorbild dafür fanden, wie man mit Klang leben kann.
Heute, mehr als dreißig Jahre später, wirkt „Deep Listening“ so lebendig wie eh und je. In einer Welt, die von Ablenkungen überflutet ist, bietet es einen Gegenpol: Geduld, Präsenz, Achtsamkeit. Sobald man die Nadel auflegt, wird man in eine Weite hineingezogen, die daran erinnert, dass Klang nicht nur Unterhaltung, sondern auch Umgebung ist, dass Zuhören nicht passiv, sondern aktiv ist und dass Musik eine Art des Seins sein kann. Es ist nicht einfach nur eine Schallplatte, die man abspielt; es ist eine Praxis, in die man eintaucht.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.