Pharoah Sanders – Thembi (1971)
Von Rafi Mercer
Es gibt einen Moment in Pharoah Sanders’ „Thembi“, in dem sich die Musik weniger wie eine Darbietung anfühlt, sondern eher wie eine Beschwörung. Der Titeltrack beginnt mit einer zarten Basslinie von Cecil McBee, gleichmäßig und klangvoll, bevor Sanders’ Saxophon nicht mit einem Schrei, sondern mit einer sanften Melodie einsetzt – lyrisch und direkt. Im Hintergrund schimmert Perkussion, Glocken und Glockenspiele verleihen dem Raum Farbe, und plötzlich verändert sich die Atmosphäre. Das ist nicht der feurige Sanders von „Karma“ oder „Tauhid“. Das ist Sanders als Geschichtenerzähler, der einen Klang erschafft, der intim und spirituell wirkt, im Alltäglichen verwurzelt ist und doch nach etwas Größerem strebt.
„Thembi“, 1970 aufgenommen und 1971 bei Impulse! veröffentlicht, zeigt Sanders an einem Wendepunkt seiner Karriere. Er war eine der kraftvollsten Stimmen in John Coltranes späten Ensembles gewesen – ein Saxophonist, der zu vulkanischer Intensität fähig war, zu Schreien und Multiphonien, die die Luft selbst zu zerreißen schienen. Doch hier schlug er einen anderen Weg ein. Mit einer wechselnden Besetzung, zu der unter anderem Lonnie Liston Smith am Klavier, Clifford Jarvis am Schlagzeug und McBee am Bass gehörten, schuf er ein Album, das sowohl experimentell als auch zurückhaltend ist – eher eine Suite verschiedener Stimmungen als ein einziger anhaltender Ausbruch. Das Ergebnis ist eines seiner zugänglichsten und zeitlosesten Alben, das die ganze Bandbreite seines künstlerischen Schaffens zeigt.
Der Eröffnungstitel „Astral Traveling“ gibt den Ton an. Das von Lonnie Liston Smith komponierte Stück ist ein schwebendes Werk, das auf E-Piano und schimmernden Klangtexturen aufbaut, über denen Sanders’ Sopransaxophon mit Wärme und Anmut gleitet. Es wirkt schwerelos, wie Wolken, die über einen weiten Himmel ziehen – eine Meditation in Klang. „Red, Black & Green“ rückt den Rhythmus wieder in den Mittelpunkt – ein Groove, der von Jarvis’ Schlagzeugspiel und McBees Bass vorangetrieben wird, während Sanders’ Tenorsaxophon voller Biss, aber niemals schrill ist und Themen erkundet, die sowohl politisch als auch feierlich anmuten. „Morning Prayer“ ist ein weiterer Moment der Besinnung, in dem Glocken und kleine Percussion-Instrumente einen rituellen Rahmen für Sanders’ Saxophon schaffen.
Der Titelsong „Thembi“, benannt nach Sanders’ Ehefrau, ist das Herzstück des Albums. Er ist sanft, zärtlich, fast schon ein Liebeslied – die Melodie ist einfach, aber tief empfunden. „Love“ folgt mit kontrastierender Intensität: Ein Stück, das in freieres Spiel ausbricht, wobei Sanders jene Schreie und Rufe entfesselt, für die er bekannt war, die jedoch durch eine Rhythmusgruppe ausgeglichen werden, die die Musik geerdet hält. Das Album endet mit „Bailophone Dance“, einem Stück, das auf afrikanischer Percussion und Klangtextur aufbaut – eine Erkundung, die auf die globalen Einflüsse hinweist, die Sanders im Laufe seiner Karriere immer wieder aufgreifen sollte.
Auf Vinyl sind die Wärme und die Weite der Platte förmlich spürbar. McBees Bass schwingt mit körperlicher Tiefe mit, Liston Smiths E-Piano schimmert im analogen Glanz, Sanders’ Horn dringt mit Klarheit und Menschlichkeit durch. Die Produktion fängt die Intimität kleiner Gesten ein – das Läuten einer Glocke, das Schaben der Percussion – Details, die die Zuhörer dazu einladen, sich näher heranzubegeben. In einer Hörbar gespielt, verwandelt „Thembi“ den Raum. „Astral Traveling“ schafft ein Gefühl der Ruhe, ein kollektives Ausatmen. „Thembi“ selbst lädt zur Zärtlichkeit ein, Gespräche werden um die Melodie herum leiser. Selbst die intensiveren Stücke überwältigen nicht, sondern geben Energie und erinnern die Zuhörer daran, dass der Geist in der Musik viele Formen annehmen kann.
Was „Thembi“ so zeitlos macht, ist die Ausgewogenheit zwischen Leidenschaft und Sanftheit. Sanders hat seine Intensität nie aufgegeben, doch hier hat er sie in ein breiteres Spektrum eingebettet und damit gezeigt, dass es bei der Spiritualität im Jazz nicht nur um Ekstase geht, sondern auch um Zärtlichkeit, Freude und Liebe. Das Album wirkt wie ein Wendepunkt, eine Erkenntnis, dass Freiheit nicht zwangsläufig ständigen Ausbruch bedeuten muss, dass Tiefe auch in der Stille zu finden ist.
Auch nach fünfzig Jahren bleibt „Thembi“ eines der großartigsten Hörerlebnisse im Jazz. Es ist zugleich zugänglich und tiefgründig, ideal für diejenigen, die Sanders noch nicht kennen, und doch reichhaltig genug für diejenigen, die sein Werk bereits gut kennen. Es fängt den Klang eines Musikers ein, der sich vielfältigen Wegen öffnet und sich weigert, sich auf eine einzige Ausdrucksform festlegen zu lassen. Setzt man die Nadel auf, hört man nicht nur ein Saxophon, sondern eine Vision, nicht nur Improvisation, sondern eine Art, in der Welt zu sein. In seiner Sanftheit, seiner Freude, seinen Momenten der Wut und der Befreiung erinnert „Thembi“ daran, dass Musik sowohl radikal als auch menschlich, sowohl kosmisch als auch intim sein kann.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.