Play – Moby (1999)
Der Geist in der Maschine
Von Rafi Mercer
Von Zeit zu Zeit findet ein Album, von dem man einst dachte, man sei ihm entwachsen, wieder seinen Weg zurück in das eigene Leben. Für mich ist „Play“ von Moby genau dieses Album. Es steht mit einer seltsamen Hartnäckigkeit im Regal der „Guilty Pleasures“ – zu kommerziell für die Puristen, zu aufrichtig für die Zyniker, zu ausgefeilt für die Underground-Szene und doch unmöglich zu ignorieren. Man hört sie und erinnert sich daran, warum sie wichtig war. Man erinnert sich an jenen Moment, als die elektronische Musik wieder lernte, menschlich zu wirken.
Das 1999 erschienene Album „Play“ war ein seltsames Phänomen – ein Album, das aus alten Blues- und Gospel-Samples zusammengesetzt war, gefiltert durch Computer, Loops und die Melancholie der späten 90er Jahre. Es war allgegenwärtig: in der Werbung, in Filmen, in Cafés, auf Flughäfen, einfach überall. Eine Zeit lang war es so allgegenwärtig, dass die Leute aufhörten, wirklich hinzuhören. Doch wenn man sich von dieser Überflutung distanziert, ist es immer noch eine wunderschöne, geisterhafte Platte – eine, die eine ganz besondere Spannung einfängt: digitale Perfektion, die analogen Schmerz in sich trägt.
Das Album beginnt mit „Honey“, jenem unverkennbaren Sample von Bessie Jones aus den Feldaufnahmen von Alan Lomax, das über einen zerklüfteten Hip-Hop-Beat geloopt wird. Es ist zugleich fröhlich und gespenstisch – eine Beschwörung aus einem anderen Jahrhundert, die in elektronischen Schaltkreisen wieder zum Leben erweckt wurde. Diese Kombination prägt das Album: alte Seelen, eingenäht in neue Maschinen. Es folgt „Find My Baby“, ein weiterer Loop aus Vintage-Gospel, der durch die Wiederholung etwas Unheimliches an sich gewinnt. Dann „Porcelain“, der vielleicht zerbrechlichste Track von allen – der Moment, in dem Moby hinter seinen Samples hervortritt und mit dieser zerbrechlichen, halb gesprochenen Stimme singt, verloren und aufrichtig.
Was dieses Album zusammenhält, ist seine emotionale Beständigkeit. Die Musik bewegt sich zwischen Ekstase und Wehmut, ohne dabei jemals das Gleichgewicht zu verlieren. „Natural Blues“ erhebt eine Feldaufnahme von Vera Hall in den Himmel, während „Why Does My Heart Feel So Bad?“ einen einfachen Klavierrefrain in eine Hymne stiller Verzweiflung verwandelt. Es ist spirituelle Musik für säkulare Zeiten, eine Art digitaler Gospel für Menschen, die vergessen hatten, wie Gospel klingt.
Die Ironie dabei ist natürlich, dass Moby nie vorhatte, einen Blockbuster zu produzieren. Der Erfolg des Albums stellte sich erst langsam ein – monatelang waren die Verkaufszahlen gering, bis es durch eine Synchronisationsverwendung nach der anderen unübersehbar wurde. Es wurde zum Soundtrack einer globalen Stimmung: Angst vor der Jahrtausendwende, gemischt mit zerbrechlichem Optimismus. Im Nachhinein betrachtet ist es einer jener kulturellen Zufälle, die sich unvermeidlich anfühlen. Die Welt wurde immer digitaler, und da war ein Album, das sowohl wie eine Maschine als auch wie ein Gebet klang.
In der Hörbar gewinnt „Play“ eine neue Tiefe, wenn man es durch die Brille der High-Fidelity betrachtet. Die komprimierten Radioversionen, mit denen wir aufgewachsen sind, werden dem Album nicht gerecht. Auf einer guten Anlage brummt der Bass von „Natural Blues“ wie ein Herzschlag, das Gospel-Sample schwebt hoch und geisterhaft, und „Porcelain“ entfaltet eine unerwartete Wärme. Der Raum füllt sich gleichermaßen mit Licht und Sehnsucht. Die Menschen verstummen. Sie erinnern sich.
Auch die Unvollkommenheiten des Albums haben etwas zutiefst Menschliches an sich. Man hört die Grenzen der Technologie der späten 90er Jahre – die abgeschnittenen Samples, den leicht metallischen Hall –, und doch verleihen gerade diese Makel dem Album seinen Charakter. Es ist der Klang eines Musikers, der versucht, seine Maschinen und seine Erinnerungen miteinander in Einklang zu bringen. In diesem Sinne gehört „Play“ in dieselbe Reihe wie Alben wie „Endtroducing…“ oder „Blue Lines“ – Platten, die neue Emotionen im Loop entdeckt haben.
Und vielleicht bleibt es deshalb in meiner Sammlung. Nicht, weil es im Trend liegt, sondern weil es etwas Universelles über jenen Moment einfängt, als die Technologie noch neu genug war, um fremdartig zu klingen, und die Menschen noch lernten, wie man durch sie Gefühle empfindet. In dieser Musik steckt keine Ironie, keine Distanziertheit. Sie tut weh.
Ich liebe „Porcelain“ immer noch. Ich höre mir spät in der Nacht immer noch „Natural Blues“ an, manchmal nur, weil das Gospel-Sample sich so durch den Lärm hindurchhebt – wie eine Erinnerung durch Rauschen. Es ist heute leicht, sich über Mobys Ernsthaftigkeit lustig zu machen, aber wenn man genau hinhört, steckt darin eine Art Mut – der Mut, mit einem Laptop nach Transzendenz zu streben, der Glaube, dass alte Stimmen auch heute noch die moderne Einsamkeit heilen können.
Also ja, „Play“ ist ein heimliches Vergnügen, aber es ist auch ein Dokument – der Geist in der Maschine, das Echo einer anderen Welt, das weitergetragen wird. Behaltet eure Ironie. Ich behalte das hier.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.