Quincy Jones – You’ve Got It Bad Girl (1973)
Von Rafi Mercer
Manche Alben erscheinen im Stil ihrer Zeit. Andere sind für die Zukunft gemacht. „You’ve Got It Bad Girl“, Quincy Jones’ Album aus dem Jahr 1973, vereint beides. Das Cover – lebhaft, modernistisch, mit einem Titel, der einem Stevie-Wonder-Stück entlehnt ist – versprach etwas Elegantes, Zeitgemäßes, ja sogar Verspieltes. Doch die Musik auf dem Album ging tiefer und schlug eine Brücke zwischen Soul, Funk, orchestralem Jazz und den Experimenten, bei denen das Studio selbst als Instrument diente – Experimente, die die kommenden Jahrzehnte prägen sollten. Wenn man es heute, fünfzig Jahre später, hört, wird einem klar, wie mühelos Quincy das geschafft hat.
Bereits 1973 war Jones eine Legende. Er hatte für Sinatra arrangiert, Filmmusik komponiert, Popmusik produziert und bewegte sich mühelos zwischen Orchestergraben und Regieraum. Doch „You’ve Got It Bad Girl“ fängt ihn in einer besonders fruchtbaren Schaffensphase ein, in der er den Klang nicht nur arrangierte, sondern regelrecht formte – dabei schöpfte er aus der elektrischen Klangpalette der Fusion, dem Groove von Motown und den sich eröffnenden Möglichkeiten der Studiotechnik. Was diese Platte so zeitlos macht, ist ihre Klarheit: Nichts wirkt hier überladen. Jede Bläserlinie, jede Streicherphrase, jedes Wah-Wah-Gitarrenlick kommt genau dort an, wo es hingehört.
Der Titelsong, eine Komposition von Stevie Wonder, ist vielleicht der naheliegendste Einstieg. Wonders Version aus dem Album „Talking Book“ (1972) war intim und persönlich, voller Atem und Zittern. Jones interpretiert den Song neu im Breitbildformat und unterlegt ihn mit üppiger Orchestrierung, ohne dabei seinen melancholischen Kern zu verwässern. Er wird weniger zu einem Bekenntnis als vielmehr zu einer gemeinsamen Stimmung, zu einem Lied, das einen Raum ausfüllen soll. In einer Hörbar ist die Wirkung unmittelbar spürbar: Die Gespräche werden leiser, die Köpfe neigen sich zurück, und selbst die Luft scheint in Einklang zu sein.
An anderer Stelle offenbart das Album Jones’ Genie für die Auswahl seines Repertoires. „Summer in the City“, ursprünglich ein Hit der Lovin’ Spoonful, ist kaum wiederzuerkennen – umgestaltet zu einem langsamen, funkgetränkten Instrumentalstück, das später zu einem der am häufigsten gesampelten Tracks im Hip-Hop werden sollte. Der Breakbeat, den Bernard Purdie mit ruhiger Souveränität spielt, tauchte bereits bei Künstlern von The Pharcyde bis Nas auf, doch nichts kommt an die coole Gelassenheit des Originals heran. Der Track hat es nicht eilig. Er gleitet in seinen Groove wie ein langer Ausatmer, während die Streicher wie Sonnenlicht durch Jalousien hereinströmen.
Auch „Superstition“, ein weiterer Klassiker von Stevie Wonder, erhält eine Neuauflage. Quincy widersteht der Versuchung, das raue Clavinet-Riff des Originals nachzuahmen. Stattdessen gestaltet er den Song neu als Jazz-Funk-Landschaft, in der die Bläser wie Interpunktionszeichen einsetzen und die Rhythmusgruppe stetig, aber niemals aufdringlich spielt. Es geht weniger um die Rauheit des Funk als vielmehr um dessen Struktur. Diese Version weiß, wie man sich in Szene setzt.
Doch die Überraschungen reichen tiefer als die Coverversionen. „Chump Change“, das gemeinsam mit Bill Cosby als Titelsong für eine Fernsehserie geschrieben wurde, ist zugleich verspielt und messerscharf – ein Beweis dafür, dass Jones selbst aus einem kleinen Auftragswerk eine Groove-Maschine machen konnte. „Manteca“, Dizzy Gillespies afro-kubanischer Klassiker, erhält ein neues Gewand, voller rhythmischer Farbe und bläseriger Prahlerei. Und dann ist da noch „Sanford and Son Theme (The Streetbeater)“, das es schafft, sowohl wie eine Straßenparade als auch wie ein akribisch ausgearbeitetes Studiokonstrukt zu klingen – keine geringe Leistung.
Das Bemerkenswerte an „You’ve Got It Bad Girl“ ist seine Kohärenz. Auf dem Papier hätte das Ganze ein Durcheinander sein können – Coverversionen, TV-Titelsongs, Jazz-Standards –, doch Jones’ Gespür für Arrangements und Produktion hält alles zusammen. Die Bläser klingen kraftvoll, ohne jemals aufdringlich zu wirken, die Streicher schwingen mit, ohne zu übertönen, und die Rhythmusgruppe lässt stets Raum zum Atmen. Er lässt diese eklektische Mischung wie etwas Selbstverständliches wirken.
Auf Vinyl entfaltet die Platte eine Lebendigkeit, die digitalen Neuauflagen manchmal fehlt. Die Basslinie in „Summer in the City“ hat eine abgerundete Wärme, die Streicher schimmern mit einer sanften Körnigkeit, und die Percussion trägt winzige Luftpausen zwischen jedem Schlag in sich. Auf einer fein abgestimmten Anlage offenbart das Album seinen wahren Charakter: funkig, aber niemals hektisch, üppig, aber niemals überladen. Im Grunde genommen ist es Ausgewogenheit, die auf Band festgehalten wurde.
Im Rahmen der „Tracks & Tales“-Hörauswahl spielt diese Platte eine ganz bestimmte Rolle. Es ist ein Album für den frühen Abend – eines, das man auflegt, wenn sich der Raum langsam füllt, es aber noch nicht laut ist, wenn man Groove ohne Aufdringlichkeit und Raffinesse ohne Anmaßung sucht. Es eignet sich für Bars, in denen Gespräche genauso wichtig sind wie die Musik, belohnt aber dennoch diejenigen, die innehalten, um genau hinzuhören. Man hört Anklänge an die Pioniere des Jazz-Funk, die Weitsicht der Hip-Hop-Sampling-Kultur und die Eleganz orchestraler Arrangements. Nur wenige Platten sind so großzügig.
Für Jones selbst war „You’ve Got It Bad Girl“ ein weiteres Kapitel in einer Karriere voller Kapitel. Später produzierte er „Off the Wall“ und „Thriller“ und prägte damit die Popmusik auf höchstem Niveau neu. Doch hier hört man ihn im Dialog mit seinen eigenen Wurzeln und mit dem Klang einer sich wandelnden Welt. Es ist das Werk eines Mannes, der sich vollkommen wohlfühlt und zugleich unermüdlich kreativ ist.
Wenn Sie es zu Hause abspielen, werden Sie vielleicht feststellen, dass Ihr Wohnzimmer größer klingt, als es ist. Wenn Sie es in einer Hörbar abspielen, werden Sie sehen, wie mühelos es die Atmosphäre verändert. Das ist Quincy Jones’ Gabe: nicht nur zu komponieren oder zu arrangieren, sondern den Raum selbst neu zu kalibrieren.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.