Rahsaan Roland Kirk – The Inflated Tear (1968)

Rahsaan Roland Kirk – The Inflated Tear (1968)

Kirks zugänglichstes Meisterwerk – gefühlvoll, lyrisch, schelmisch und überraschend sanft – ein perfekter Einstieg in die Welt der Jazzimprovisation der 60er Jahre.

Von Rafi Mercer

Es gibt einen Moment ganz am Anfang von„The Inflated Tear“, in dem Rahsaan Roland Kirk nicht nur in sein Instrument zu blasen scheint, sondern direkt in den Raum hinein. Es ist ein leises Ausatmen, ein Hauch von Luft, und doch verändert es alles. Plötzlich wird einem klar, dass man nicht einem Virtuosen zuhört, der versucht, einen zu beeindrucken – man hört einem Mann zu, der einem allein durch seinen Klang genau vermittelt, wer er ist.

Kirk konnte explosiv sein. Er konnte exzentrisch sein. Er konnte drei Blasinstrumente gleichzeitig spielen und einen dazu bringen, die Physik des Klangs in Frage zu stellen. Doch hier, auf seinem beliebtesten Album, setzt er auf etwas Ruhigeres: Menschlichkeit. Der Titelsong trägt eine emotionale Note in sich, die so zart ist, dass sie fast zerbrechlich wirkt – inspiriert von einem Unfall in seiner Kindheit, der ihn erblinden ließ. Das ist kein Selbstmitleid. Es ist eine Offenbarung – eine Art zu sagen: So klingt die Welt für mich, und du bist herzlich eingeladen, daran teilzuhaben.

Was macht Die aufgeblasene Träne Das Besondere an einem so zugänglichen Klassiker ist seine Ausgewogenheit. Die Melodien sind warm und unverkennbar lyrisch, manchmal fast bluesartig. Selbst wenn die Musik unvorhersehbar wird – Kirk wechselt zwischen Manzello, Stritch, Flöte und Sirenenpfeife hin und her –, bleibt der emotionale rote Faden stets erhalten. Die Platte vermittelt das Gefühl, als würde ein Geschichtenerzähler seine Stimmen wechseln, ohne jedoch jemals die Geschichte selbst zu ändern.

Auch hier kommt Humor zum Tragen – jene Art von Humor, die von einem Künstler ausgeht, der sein Handwerk voll und ganz beherrscht. „A Laugh for Rory“ schreitet mit einem in der Phrasierung eingebauten Grinsen voran. „Lovellevelliloqui“ bewegt sich mit einem Schwung, der an Gospel, Straßenecken und verrauchte Bars erinnert, in denen Musiker in den frühen Morgenstunden Geheimnisse austauschen. Und dabei bietet ihm seine Band – Ron Burton, Steve Novosel und Jimmy Hopps – genau die rhythmische Grundlage, die es ermöglicht, dass aus Risiko Poesie wird.

In den späten Sechzigern entwickelte sich der Jazz in neue Richtungen: die elektrische Energie von Miles; der spirituelle Aufschwung in Coltranes letzten Jahren; die völlige Befreiung von Don Cherry und Ornette Coleman. Kirk existierte neben all dem, stand jedoch etwas abseits – eine Welt für sich. „The Inflated Tear“ zeigt, wie diese Welt in ihrer offensten und einladendsten Form aussah. Das Album ist verspielt, ohne chaotisch zu sein, emotional, ohne sentimental zu wirken, und einfallsreich, ohne den Hörer in technischem Feuerwerk unterzugehen.

Hör sie dir an einem ruhigen Morgen an oder spät in der Nacht, wenn im Haus alles still geworden ist. Es ist eine Platte, die sich wie ein Gespräch anfühlt – eines, das dir noch lange nachklingt, nachdem die letzte Note verklungen ist.


Kurze Fragen

Ist dies der beste Einstieg in das Werk von Rahsaan Roland Kirk?
Ja – es ist sein zugänglichstes und emotional direktestes Album.

Ist es eher melodisch oder experimentell?
Melodisch, mit Einblicken in seine charakteristische, multi-instrumentale Kreativität.

Warum ist das heute von Bedeutung?
Es offenbart das zarte, lyrische Herz eines Künstlers, der oft fälschlicherweise als rein exzentrisch angesehen wird – eine Erinnerung daran, dass Innovation und Intimität wunderbar nebeneinander bestehen können.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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