Robert Ashley – Private Parts (1978)
Von Rafi Mercer
Eine Männerstimme setzt ein, ruhig, gleichmäßig, ohne Eile. Sie beschreibt Gegenstände – ein Glas Wasser, einen Raum, einen Gedanken – in einem Tonfall, der zugleich alltäglich und seltsam hypnotisch wirkt. Im Hintergrund pulsieren Orgelfiguren à la Terry Riley, während Tabla-Rhythmen sich in langsamer Wiederholung drehen. Das ist Robert Ashleys „Private Parts“, erschienen 1978, der erste Teil dessen, was er später als seinen Opernzyklus Perfect Lives. Und doch ist es eine Oper wie keine andere: keine Arien, keine Ouvertüre, keine Bühne. Es ist eine Oper des Denkens, der Sprache, des Bewusstseins selbst.
Ashley zuzuhören ist, als würde man in die Gedankenwelt eines anderen eintauchen. Die Worte sind alltäglich und doch poetisch, beiläufig und doch voller Bedeutung. Er spricht in langen, schwungvollen Sätzen, wobei seine Vortragsweise irgendwo zwischen Erzählung und Gesang liegt. Die Musik im Hintergrund ist minimalistisch, zyklisch, fast hypnotisch und bildet eine Grundlage, auf der die Stimme schwebt. Die Wirkung ist unheimlich: Man wird in den Bann gezogen, eingelullt, ist sich aber nie ganz sicher, wohin man geführt wird. Es ist nicht dramatisch im herkömmlichen Sinne, aber zutiefst theatralisch – das Drama entfaltet sich im Akt des Zuhörens selbst.
Auf Vinyl ist die Intimität beeindruckend. Ashleys Stimme wirkt ganz nah, als würde er dich direkt in deinem eigenen Zimmer ansprechen. Jede Pause, jeder Atemzug hat Gewicht. Die Tablas schwingen voller Wärme mit, die Orgel dröhnt geduldig vor sich hin. In einer Hörbar gespielt, hat die Platte die Kraft, einen Raum ohne Bühnenkunst in ein Theater zu verwandeln. Das Publikum wird zur Bühne, das Zuhören zur Aufführung. Die Gespräche verstummen nicht, weil die Musik laut ist, sondern weil sie in ihrer Stille so eindringlich wirkt.
„Private Parts“ war 1978 radikal und ist es bis heute geblieben. Das Stück stellte die Frage, was Oper sein könnte, was Musik sein könnte und was Zuhören bedeuten könnte. Ashley erweiterte die Möglichkeiten der Erzählung durch Klang und verwischte dabei die Grenzen zwischen Sprache und Gesang, Komposition und Improvisation, Aufführung und Leben. Sein Einfluss lässt sich über Generationen von experimentellen Sängern, Klangkünstlern und Performern nachverfolgen, die verstanden haben, dass die Stimme selbst – ganz einfach gesprochen – Musik sein kann.
Die Nadel auf „Private Parts“ bedeutet, in eine Welt einzutauchen, in der Worte Klang sind, in der Gedanken Performance sind, in der Zuhören Offenbarung ist. Es ist nicht einfach, kein Hintergrundgeräusch, keine Unterhaltung. Es ist etwas Selteneres: ein Kunstwerk, das die Tür zu einer anderen Art des Hörens, zu einer anderen Art des Da-Seins öffnet.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.