D’Angelo – Voodoo (2000)
Von Rafi Mercer
Der Groove beginnt nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem Schwanken, einer Lockerheit, einem Schwung, der sich lebendig anfühlt. D’Angelos „Voodoo“, das im Januar 2000 erschien, ist ein Album, das die Regeln von R&B und Soul für ein neues Jahrhundert neu definiert hat. Es ist dicht und doch organisch, intim und doch weitläufig, aufgebaut auf Live-Instrumentierung, die mit der Flexibilität einer Jam-Session und der Präzision eines Studioexperiments aufgenommen wurde. Im Mittelpunkt steht der Rhythmus – Questloves Schlagzeugspiel, das leicht hinter dem Takt zurückbleibt und ein Gefühl erzeugt, das menschlich, roh, fast schon beschwipst wirkt, aber vollkommen beabsichtigt ist. Darüber schwebt D’Angelos Stimme, vielschichtig, mehrspurig aufgenommen, zugleich verletzlich und gebieterisch.
Die in den Electric Lady Studios in New York entstandene Produktion ist legendär. Jeder Titel klingt, als wäre er in einem fast rituellen Moment eingefangen worden: warme, holzige Basslinien, schimmernde Rhodes-Klänge, zurückhaltende, aber unverzichtbare Bläser, Gesang, der sich wie ein Gewebe entfaltet. Songs wie „Devil’s Pie“, „Spanish Joint“ und „The Root“ schaffen ein Gleichgewicht zwischen Groove und Atmosphäre, schöpfen aus Funk, Gospel, Jazz und Hip-Hop, lassen sich aber von keinem dieser Genres in eine Schublade stecken. Die Single „Untitled (How Does It Feel)“ wurde zur Ikone, doch innerhalb des Albums wirkt sie wie nur ein Gipfel in einer ganzen Bergkette aus Klängen.
Auf Vinyl wird die Tiefe des Albums zu einer greifbaren Präsenz. Der Bass dröhnt am Boden, das Schlagzeug klingt schwer und doch geschmeidig, der Gesang schimmert am Rande des Mixes. In einer Hörbar abgespielt, versetzt „Voodoo“ das Publikum in kollektives Schwingen – der ganze Raum bewegt sich wie aus einem Guss, ganz im Groove versunken. Das ist keine Hintergrundmusik; sie verlangt nach Körperlichkeit, nach Bewegung, nach der Intimität des gemeinsam erlebten Klangs.
Zwei Jahrzehnte später ist „Voodoo“ nach wie vor unübertroffen, und sein Einfluss ist im Neo-Soul, im Hip-Hop und darüber hinaus deutlich zu hören. Das ist keine Nostalgie, sondern ein lebendiges Zeugnis dessen, was passiert, wenn Musiker eher dem Gefühl als der Perfektion nachjagen. Die Nadel auf die Platte zu setzen bedeutet, den Groove wie ein Ritual heraufzubeschwören und einen Raum zu betreten, in dem sich die Zeit selbst dem Rhythmus anpasst.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.