SAULT – 5 (2019)
Von Rafi Mercer
Manche Alben werden mit großem Tamtam angekündigt, andere schleichen sich durch die Hintertür herein.
„5“, das Debütalbum des geheimnisvollen britischen Kollektivs SAULT, erschien 2019 fast ohne Vorwarnung – ohne Biografien, ohne Pressekampagne, ohne Gesichter auf dem Cover. Nur ein schlichtes schwarzes Cover mit der Zahl fünf in Weiß.
Was darauf zu hören war, war eine Offenbarung. Funk, Soul, Afrobeat, R&B, Dub und Post-Punk verschmolzen zu etwas Schlankem, Prägnantem und Dringlichem. Es klang wie eine Band, die man schon seit Ewigkeiten kannte, und wie eine, die man noch nie zuvor gehört hatte – beides zugleich.
Das Geheimnisvolle trug zwar zum Reiz bei, doch die Musik allein reichte schon völlig aus. SAULT wählte die Anonymität als ästhetisches Mittel, nicht als Werbegag. Es wird vermutet, dass das Projekt von dem Produzenten Dean „Inflo“ Josiah Cover geleitet wird, zusammen mit Cleo Sol und einer wechselnden Riege von Mitwirkenden. Sie lehnten Interviews ab, traten selten live auf, und dennoch verbreitete sich ihre Musik schnell durch Mundpropaganda. In einer Zeit, die von gestreamten Singles und Überpräsenz geprägt ist, bot SAULT Seltenheit. Entweder man hörte genau hin, oder man verpasste es.
Was bei „5“ sofort ins Auge fällt, ist der Rhythmus. Das Album beginnt mit „Up All Night“, einem Titel, der wie geschaffen für eine Kellerbar wirkt: knackiges Schlagzeug, flinker Bass, Gesang, der eher dahinschleicht als sich in die Höhe zu schwingen.
Die Produktion ist minimalistisch, aber unwiderstehlich – jedes Element hat Gewicht, nichts ist überflüssig. „Don’t Waste My Time“ treibt diese Philosophie noch weiter voran: ein Funk-Track, der so straff ist, dass man das Gefühl hat, die Luft sei rund um den Groove vakuumversiegelt worden. Diese Tracks breiten sich nicht aus, sie treffen mitten ins Schwarze.
Aber auch hier gibt es Raum. „Masterpiece“ öffnet sich der Tradition von Soul und Gospel, wobei der Gesang über warme Akkorde schwebt. „We Are the Sun“ verändert die Stimmung erneut und verwebt Percussion zu einem gemeinschaftlichen Gesang – im Rhythmus Afrobeat, in der Produktion jedoch eindeutig modern. „Why Don’t You“ fügt Reggae-Anklänge in den Mix ein. Der rote Faden ist der Rhythmus, doch die Klangpalette ist weit gefasst. SAULT machen Musik, die ihre Vorläufer kennt, sich aber weigert, sich von ihnen in eine Schublade stecken zu lassen.
Was „5“ so bemerkenswert macht, ist die Ausgewogenheit zwischen Dringlichkeit und Geduld. Die Titel überschreiten selten die Drei-Minuten-Marke, wirken aber dennoch in sich geschlossen. Die Band hat die Songs auf das Wesentliche reduziert, liefert genau das, was nötig ist, und macht dann weiter. Diese Prägnanz verleiht dem Album eine ungewöhnliche Energie. Man lehnt sich immer nach vorne, ist stets aufmerksam, denn nichts zieht sich unnötig in die Länge. Und doch wirkt das Album, wenn man es der Reihe nach hört, weitreichend. Es entwirft in 35 Minuten eine ganze Welt.
Bei einer Hi-Fi-Anlage lohnt es sich, der Produktion genau zuzuhören. Der Bass ist warm und rund, das Schlagzeug hat Druck ohne zu spritzen, die Stimmen klingen trocken und stehen im Mix im Vordergrund. Es wirkt intim, fast schon verschwörerisch, als hätte sich jemand über den Tisch gebeugt, um dir etwas Dringendes zuzuflüstern. In einer Hörbar verwandelt sich diese Intimität in ein gemeinschaftliches Erlebnis. Köpfe nicken, Füße wippen, Gespräche schwingen im Groove mit. Der ganze Raum gibt sich dem Rhythmus hin.
Für mich ist es vor allem die Ehrlichkeit, die „5“ so unverzichtbar macht. Es gibt keine Selbstinszenierung, keine Übertreibung, keine Glättung um der Glättung willen. Es ist roh, aber präzise – der Sound von Musikern, die genau wissen, was ein Track bewirken soll. Es trägt den Geist der Funk-Kollektive der Siebziger in sich, gehört aber ganz der Gegenwart an. In einem Regal, in dem Miles Davis, Nina Simone, Fela Kuti und Donald Byrd stehen, wirken SAULT wie deren natürliche Erben: Künstler, die den Groove nicht nur zum Vergnügen nutzen, sondern um ein Statement zu setzen, um Verbindung herzustellen, um zu überleben.
Die Hintergrundgeschichte verstärkt die Wirkung. Inflo sollte später für Michael Kiwanuka, Little Simz und Adele produzieren, doch hier, mit SAULT, schlug er einen anderen Weg ein: unabhängig, geheimnisvoll, kompromisslos. Cleo Sols Gesang – sanft, aber kraftvoll, lässig, aber eindringlich – wurde zur Stimme des Projekts und verlieh den Grooves eine intime Note. Gemeinsam schufen sie nicht nur Songs, sondern einen Mythos. In einer kulturellen Zeit, in der alles übermäßig geteilt wurde, wirkte „5“ wie ein Akt des Widerstands.
Spielt man sie in der eigenen Hörbar ab, ist der Effekt sofort spürbar. Das Schlagzeug prägt den Raum, der Bass verankert ihn, die Stimmen schweben knapp über Augenhöhe. Es ist Musik, die den Wohnraum in einen geselligen Ort verwandelt, den privaten Raum in eine Tanzfläche. Und wenn „B.A.B.E.“ mit seinem schwungvollen Beat und dem gesangsartigen Refrain einsetzt, fühlt man sich nicht nur unterhalten, sondern auch einbezogen. SAULT haben schon immer Musik gemacht, die ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Mit „5“ fängt das an.
Warum hat es Bestand? Weil es uns daran erinnert, dass Musik kein Spektakel braucht, um Bedeutung zu haben. Was sie braucht, sind Schwung, Ehrlichkeit und handwerkliches Können. Weil es Funk und Soul – Genres, die oft von Nostalgie belastet sind – wieder unmittelbar macht. Weil es beweist, dass Geheimnisvolles befreiend sein kann, dass man nicht alles wissen muss, um alles zu fühlen. „5“ ist nicht nur ein Album. Es ist eine These: dass Musik direkt und kollektiv sein und dennoch tiefgründig sein kann.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.