Wissenschaftler – Befreit die Welt vom bösen Fluch der Vampire (1981)
Von Rafi Mercer
Ein Donnerschlag hallt. Eine Basslinie dringt tief und bedrohlich in den Vordergrund. Dann setzen die Echos ein: Snare-Schläge, die in die Ferne hallen, Synth-Stabs, die wie gespenstisches Gelächter widerhallen. Es ist theatralisch, karikaturhaft und doch todernst. Das ist „Scientist – Rids the World of the Evil Curse of the Vampires“, erschienen 1981, eine der ikonischsten Dub-Platten aller Zeiten. Bis heute ist sie der Beweis dafür, dass Dub ebenso sehr aus Fantasie wie aus Rhythmus besteht – ein Genre, in dem das Mischpult gleichzeitig zur Bühne, zum Labor und zum Spukhaus wird.
Scientist, geboren als Hopeton Brown, war gerade einmal Anfang zwanzig, als er diese Platte aufnahm. Er wurde von King Tubby ausgebildet, eignete sich die Techniken seines Meisters an, fügte ihnen jedoch seine eigene Note hinzu: heller, kühner, verspielter. Während Tubby ein Toningenieur und Philosoph war, war Scientist ein Toningenieur und Showman. Bei seinen Mixes ging es nicht nur um Raum, sondern auch um Dramatik. Er liebte Themen, Spektakel und Erzählungen, und nirgendwo wird das deutlicher als hier, in seiner von Halloween inspirierten Dub-Suite.
Das Album basiert auf Rhythmen, die von den Roots Radics, Jamaikas führender Begleitband jener Zeit, eingespielt wurden. Ihre Grooves sind straff, unerbittlich und auf Bass, Schlagzeug und spärliche Gitarrenklänge reduziert. Auf dieser Grundlage macht sich Scientist an die Arbeit. Mit Hall, Echo, Phasing und EQ verwandelt er jeden Track in eine neue Welt. Die Songs tragen Titel wie „Dance of the Vampires“, „The Mummy’s Shroud“, „Your Teeth in My Neck“ und „Plague of Zombies“. Die Wirkung ist zugleich humorvoll und unheimlich. Man fühlt sich, als befände man sich in einem jamaikanischen Sound System, das von B-Movie-Phantomen heimgesucht wird.
„Dance of the Vampires“ ist Atmosphäre pur: Eine Basslinie, die wie ein Herzschlag pocht, Hi-Hats, die sich in Rauch auflösen, Gitarren- und Orgelfragmente, die wie Schatten hin und her huschen. „The Mummy’s Shroud“ verlangsamt das Tempo, sein Rhythmus ist schwer und schwerfällig, Echos ziehen sich in den höhlenartigen Raum hinein. „Your Teeth in My Neck“ ist schärfer, zerklüfteter, mit plötzlichen Höhenausbrüchen, die wie Reißzähne durch den Mix schneiden. Durchgehend ist Scientists Hand am Mischpult zu hören – Instrumente, die ein- und ausklingen, Klänge, die bis zur Unkenntlichkeit verzerrt sind, Stille, die als Waffe eingesetzt wird.
Was dieses Album so fesselnd macht, ist sein theatralischer Charakter. Dub hatte schon immer einen performativen Charakter, doch hier lässt sich Scientist voll und ganz darauf ein. Das Horror-Thema gibt ihm die Freiheit, zu übertreiben, Effekte bis zum Äußersten zu treiben und das Mischpult in eine Bühnenkulisse zu verwandeln. Und doch ist die musikalische Leistung hinter all dem Spiel makellos. Die Roots Radics halten die Grooves stabil, sodass Scientist sie ausdehnen kann, ohne dass sie zerbrechen. Das Ergebnis ist Musik, die zugleich humorvoll und hypnotisch, verspielt und tiefgründig ist.
Für Hörer, die sich noch nicht mit Dub auskennen, ist „Rids the World of the Evil Curse of the Vampires“ der perfekte Einstieg. Die Themen sind vertraut, die Atmosphäre filmisch, die Grooves unwiderstehlich. Man muss die Feinheiten der Reggae-Geschichte nicht kennen, um das Album zu genießen. Man kann es als Horror-Soundtrack, als experimentelle Elektronik oder als basslastige Partymusik betrachten. Seine Inklusivität liegt in seiner Zugänglichkeit: Es unterhält und ist gleichzeitig innovativ.
Kulturell gesehen ist das Album mittlerweile legendär. Es erschien auf dem Höhepunkt des Dub, doch sein Ruf ist seitdem nur noch gewachsen. Sammler schätzen es, DJs legen es nach wie vor auf, und sein Einfluss lässt sich bis in den Hip-Hop, Drum and Bass, Dubstep und darüber hinaus zurückverfolgen. Es zeigte, dass Dub ein Konzeptalbum, ein Spektakel, eine Geschichte sein kann – nicht nur eine reduzierte Version, sondern eine weitläufige Welt.
Auf Vinyl wirkt die Platte besonders lebendig. Der Bass ist körperlich spürbar und lässt die Dielen vibrieren. Die Echos wirbeln durch den Raum, das Knistern der Schallplatte verschmilzt mit den Effekten von Scientist, bis die Grenze zwischen Wiedergabe und Live-Auftritt verschwindet. Das Cover – eine grelle Karikatur aus Vampiren und Särgen – spiegelt die Musik perfekt wider: farbenfroh, übertrieben, aber mit Biss.
Der Wissenschaftler wurde zu seiner Zeit oft unterschätzt und eher als Techniker denn als Künstler abgetan. Doch wenn man sich diese Platte anhört, ist die Kunstfertigkeit unbestreitbar. Er malt mit Klängen, formt mit Stille und erzählt Geschichten mit Echos. Er beweist, dass es beim Dub nicht nur um Rhythmus geht, sondern auch um Fantasie – darum, wie Klang allein ganze Welten heraufbeschwören kann.
Auch mehr als vierzig Jahre später hat das Album nichts von seiner Kraft verloren. Es lässt die Lautsprecher nach wie vor beben, zaubert immer noch ein Lächeln auf die Gesichter und lädt nach wie vor zum langsamen, aufmerksamen Hören ein. Es ist der Beweis dafür, dass Dub kein Relikt der Vergangenheit ist, sondern eine lebendige, atmende Kunstform, die die Zukunft des Klangs weiterhin prägt.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.