Secrets – Herbie Hancock (1976)
Die Lücke zwischen den Schlagzeilen
Von Rafi Mercer
Im Jahr 1976 musste Herbie Hancock kaum noch etwas beweisen.„Head Hunters“ war zu einem der erfolgreichsten Jazzalben aller Zeiten geworden. „Thrust“ und „Man-Child“ hatten Jazz, Funk und Elektronik in aufregende neue Gefilde vorangetrieben. Man hätte vielleicht einen weiteren Sprung nach vorn erwarten können.
Stattdessen wirkt „Secrets“ wie ein tiefer Atemzug.
Das ist keine Kritik. Es könnte sogar die größte Stärke des Albums sein.

Schon von den ersten Augenblicken an hat man das Gefühl, dass Hancock und seine Band nicht mehr versuchen, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen. Die Musik findet zu ihrem eigenen Rhythmus. Die Grooves sind tief, aber niemals aggressiv. Das musikalische Können ist außergewöhnlich, aber niemals protzig. Jede Note wirkt eher platziert als gespielt.
Die Band „The Headhunters“ steht nach wie vor im Mittelpunkt des Albums. Bassist Paul Jackson und Schlagzeuger Mike Clark bilden eine rhythmische Grundlage, die fast unerschütterlich wirkt. Ihr Spiel ist ein Musterbeispiel für Zurückhaltung. Der „Pocket“ ist so tief, dass die Musik darüber zu schweben scheint.
„Doin’ It“ ist vielleicht der entscheidende Moment. Der Titel, der auf einer der mitreißendsten Basslinien Jacksons aufbaut, entwickelt sich mit absoluter Selbstsicherheit. Nichts wirkt gehetzt. Nichts wirkt angestrengt. Er entfaltet sich einfach und lässt den Hörer in seinen Rhythmus eintauchen. Er zählt nach wie vor zu den großartigen Jazz-Funk-Aufnahmen des Jahrzehnts.
„People Music“ bietet etwas Besonderes. Optimistisch und offenherzig fängt es ein Gefühl ein, das viele Jazz-Funk-Alben jener Zeit anstrebten, aber nur selten erreichten — „Places and Spaces“ ist eine der wenigen, die es gefunden haben. Hier herrscht Freude, aber es ist eine reife Freude. Der Klang von Musikern, die sich vollkommen wohl in ihrer Haut fühlen.
An anderer Stelle knüpft „Spider“ an die härteren Funk-Experimente früherer Hancock-Alben an, während „Gentle Thoughts“ die ruhigere Seite des Albums offenbart. Auf dem gesamten Album wird Hancocks Fender Rhodes fast zu einer weiteren Figur in der Geschichte. Warm, rund und räumlich füllt es die Lücken zwischen der Rhythmusgruppe mit einer Ruhe aus, die das gesamte Album prägt.
Einer der überraschendsten Aspekte von „Secrets“ ist Hancocks Einsatz von Gesang. Dieser steht nicht im Mittelpunkt, sondern fungiert als weiteres Instrument innerhalb des Arrangements. Anstatt die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, trägt er zur Atmosphäre des Albums bei und verstärkt das Gefühl, dass hier alles dem Groove dient.
Was „Secrets“ so zeitlos macht, ist, dass es sich weigert, nach Bedeutung zu streben. Viele gefeierte Alben tragen die Last ihres Rufs. Sie verlangen nach einer Analyse. Sie wollen verstanden werden.
Geheimnisse wollen nur, dass man ihnen zuhört.
Vielleicht ist das der Grund, warum es so anmutig altert.
Fast fünfzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung wirkt die Platte immer noch warm, einladend und menschlich. Sie bewegt sich irgendwo zwischen Jazz, Funk, Soul und elektronischer Musik, ohne ganz zu einem dieser Genres zu gehören. Vor allem aber erinnert sie uns daran, dass Meisterschaft nicht immer in der Komplexität liegt. Manchmal zeigt sie sich vielmehr in der Zuversicht, die Dinge genau so zu lassen, wie sie sind.
In einem Katalog voller bahnbrechender Aufnahmen ist „Secrets“ vielleicht nicht das Album, das den meisten Menschen als Erstes in den Sinn kommt, wenn sie über Herbie Hancock sprechen.
Und doch ist es oft genau das, wozu sie immer wieder zurückkehren.
Ist „Secrets“ ein Jazz-Album?
Zum Teil, aber es bewegt sich mühelos zwischen Jazz, Funk, Soul und Fusion und ist damit eines von Hancocks zugänglichsten Alben.
Welcher Titel sticht besonders hervor?
„Doin’ It“ ist nach wie vor der charakteristische Groove des Albums und eines der besten Beispiele für den Jazz-Funk der 1970er Jahre.
Wo ist es im Hancock-Katalog zu finden?
Zwischen der bahnbrechenden Fusion von„Head Hunters“ und den eher elektronisch geprägten Experimenten, die in den 1980er Jahren folgen sollten.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.