Silver Linings – Fliegen fangen (2019)

Silver Linings – Fliegen fangen (2019)

Manche Alben drängen sich nicht in dein Leben, sondern fügen sich einfach darin ein – sanft, leise und ohne ihre eigene Bedeutung in den Vordergrund zu stellen. „Silver Linings“ von Catching Flies ist eines dieser Alben. Es kündigt sich nicht groß an. Es schwebt herein wie das Licht am späten Nachmittag, sanft und schräg, und ehe man sich versieht, ist das Album zu einem Teil des eigenen Gefühlslebens geworden.

Was mich an diesem Album nach wie vor überrascht – selbst nachdem ich es mir über Jahre hinweg immer wieder angehört habe –, ist, wie menschlich es wirkt. Nicht im herkömmlichen Sinne: Es gibt keinen bekennenden Gesang, keine autobiografischen Texte, keine Anspielungen auf das Theatralische. Stattdessen liegt seine Menschlichkeit in etwas Subtilerem: in den Klangtexturen, im Raum zwischen den Elementen, in der Zurückhaltung eines Menschen, der weiß, dass Emotionen keine Lautstärke brauchen, um echt zu sein.

Catching Flies macht elektronische Musik, die sich wie Atem anfühlt – ruhig, warm, mit bedächtigem Tempo.

Und„Silver Linings “ ist vielleicht das deutlichste Beispiel für diese Kunst.

Die ersten Takte von „Yŭ“ geben sofort den Ton an. Da ist eine Sanftheit, ein Flackern, das Gefühl, als würde sich ein Gedanke formen – nicht in Worten, sondern in einer Stimmung. Der Track baut sich nicht so auf, wie es bei elektronischer Musik oft der Fall ist; er kreist, schlingt sich in Schleifen und dehnt sich sanft aus, ganz so, als würde sich der Geist am Ende eines langen Tages zur Ruhe kommen lassen.

„New Gods“ folgt derselben emotionalen Geometrie. Wiederholungen dienen hier nicht dazu, zu hypnotisieren, sondern um Ruhe zu stiften und einen Rhythmus zu erzeugen, der sich fast wie langsames Atmen anfühlt. Es ist Musik, die sich Zeit lässt – und dich auffordert, es ihr gleichzutun.

Bei „Satisfied?“ wird das Album introspektiver. Es fühlt sich an wie eine innere Bestandsaufnahme, wie jene stillen Dialoge, die man nur mit sich selbst führt, wenn der Rest der Welt aufgehört hat, Aufmerksamkeit einzufordern. Es ist nachdenklich, aber niemals bedrückend. Man hat das Gefühl, dass Catching Flies es versteht, Gefühle zu bewahren, ohne sie zu erdrücken.

Und dann ist da noch der Titelsong „Silver Linings“ – der emotionale Kern des Albums. Er kommt einer These des Albums am nächsten: eine stille Entschlossenheit, ein sanftes Beharren darauf, Sanftheit zu finden, selbst wenn die Welt versucht hat, einen abzuhärten. In den tiefen Tönen liegt Wärme, in den hohen Klangfarben Zerbrechlichkeit, und in den Zwischenräumen ruht etwas, das der Hoffnung sehr nahekommt.

Selbst „The Haunt“ mit seinen schattenhaften Konturen wirkt wie ein notwendiger Kontrapunkt – eine Erinnerung daran, dass Melancholie nicht das Gegenteil von Frieden ist, sondern oft dessen Begleiter.

Was dieses Album so einzigartig macht, ist seine Zurückhaltung. Es verzichtet auf Drama. Es verzichtet auf Spektakel. Es widersetzt sich dem Druck, immer weiter zu eskalieren. Stattdessen tut es etwas Mutigeres: Es hört zu. Es schafft Raum. Es lädt dazu ein, sich auf eine ruhigere Gefühlsebene einzulassen – jene, die das Leben selten zulässt und fast nie belohnt.

Vielleicht fühlt es sich deshalb so menschlich an.
Weil es die Art und Weise widerspiegelt, wie wir Emotionen tatsächlich erleben:

  • leise
  • intern
  • schichtweise
  • in den Pausen zwischen den Gedanken
  • in dem Atemzug vor dem nächsten Schritt

Manche Alben sind für Ausgehabende gedacht.
Manche Alben sind zum Autofahren gedacht.
„Silver Linings“ ist für Momente gedacht, in denen man versucht, wieder ins Gleichgewicht zu kommen – für jene Momente, in denen man Musik braucht, die einen sanft zu sich selbst zurückführt.

Das ist die Art von Platte, über die man nicht einfach so hinwegredet.
Das ist die Art von Platte, über die man erst hinterher spricht.

Und in einer Welt, die uns mit ihrem ständigen Lärm nach außen zieht, ist dieses Album eines der wenigen, das uns nach innen zieht – hin zu jenem sanfteren menschlichen Kern, den wir nur allzu leicht aus den Augen verlieren.

Das ist „Slow Listening“ in seiner reinsten Form.
Das ist Raum als Fürsorge.
Das ist Stimmung als Bedeutung.

Und vielleicht ist genau das das stille Genie von „Catching Flies“: die Fähigkeit, elektronische Musik zu schaffen, die sich wie Haut anfühlt.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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