Steve Reich – Different Trains (1988)
Von Rafi Mercer
Das Geräusch eines Zuges wird zum Klang der Erinnerung. Steve Reichs „Different Trains“, 1988 für Streichquartett und Tonband komponiert, ist eines der eindringlichsten und innovativsten Werke der zeitgenössischen klassischen Musik. Es beginnt mit Reichs eigenen Kindheitserinnerungen an Zugreisen quer durch Amerika in den 1940er Jahren und stellt diese dann den Zügen gegenüber, die in denselben Jahren Juden in die Konzentrationslager Europas transportierten. Ausschnitte aus Sprachaufnahmen liefern melodische Motive, die das Kronos Quartett aufgreift und zu ineinandergreifenden Mustern ausbaut. Das Ergebnis ist zugleich mechanisch und menschlich, persönlich und historisch.
Auf Vinyl wirkt die Überlagerung hypnotisch. Das Klappern der Zuggeräusche verschmilzt nahtlos mit den Streichern, die gesampelten Stimmen sind so in die Musik eingewoben, als wären sie selbst Instrumente. Das Quartett spielt nicht über, sondern neben diesen Fragmenten und verwebt sie zu einem Gesamtgefüge, das zugleich dokumentarisch und elegisch ist. Die Wiederholung versetzt den Zuhörer in Trance, doch das Thema durchbricht diese Trance mit seiner Schwere.
In einer Hörbar ist „Different Trains“ keine Hintergrundmusik. Es ist ein Zeugnis. Die Zuhörer werden in eine Reflexion über Geschichte, den Zufall und parallele Lebenswege hineingezogen. Das Stück ist nicht im herkömmlichen Sinne traurig, doch seine emotionale Kraft ist immens. Der Rhythmus der Züge ist unerbittlich, die Stimmen unvergesslich, die Streicher eine menschliche Antwort auf das mechanische Schicksal.
Auch nach 35 Jahren ist dieses Werk nach wie vor einzigartig. Nur wenige Kompositionen haben die Schnittstelle zwischen persönlicher Erinnerung und kollektiver Tragödie so präzise eingefangen. Es ist Minimalismus mit Erzählcharakter, Wiederholung mit Bedeutung. Sobald die Nadel auf die Platte trifft, hört man nicht nur Züge, sondern auch das Gewicht der Geschichte, die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Beständigkeit der Erinnerung.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.