Stevie Wonder – Innervisions (1973)
Von Rafi Mercer
Zuerst setzt das Clavinet ein: scharf, perkussiv, funky wie eine Stadtstraße zur Hauptverkehrszeit. Dann kommt Stevie Wonders Stimme, eindringlich und schwebend, die Ungerechtigkeit mit Rhythmus und Anmut anprangert. „He’s Misstra Know-It-All…“ Mit dem 1973 erschienenen Album „Innervisions“ festigte Stevie Wonder seinen Platz nicht nur als einer der größten Songwriter seiner Generation, sondern auch als Visionär – als Künstler, der Funk, Jazz, Soul und politische Kritik zu einem nahtlosen Ganzen verweben konnte. Das war nicht einfach nur Popmusik. Es war eine Prophezeiung, unterlegt mit Groove.
Anfang der 1970er Jahre hatte sich Wonder die kreative Kontrolle von Motown erkämpft und einen bahnbrechenden Vertrag unterzeichnet, der ihm die Freiheit zum Experimentieren gab. Das Ergebnis war eine Reihe von Alben – „Music of My Mind“, „Talking Book“, „Innervisions“, „Fulfillingness’ First Finale“, „Songs in the Key of Life“ –, die in Bezug auf Ehrgeiz und Brillanz bis heute unübertroffen sind. Unter ihnen sticht „Innervisions“ durch seine klare Vision hervor: neun Titel, die die Turbulenzen Amerikas in den frühen 70er Jahren einfangen und zugleich spirituelle Hoffnung ausstrahlen.
Das Album beginnt mit „Too High“, einer Warnung, verpackt in unwiderstehlichen Funk. Wonder setzt seine eigene Stimme ein, die durch einen vocoderähnlichen Effekt bearbeitet wurde, und erzeugt so einen psychedelischen Wirbel über Bass und Schlagzeug. Der Song kritisiert den Drogenkonsum, jedoch ohne moralisierend zu wirken. Der Groove zieht einen in seinen Bann, auch wenn die Botschaft einen ernüchtert.
Es folgt „Visions“, eine ruhige Ballade, in der Wonder Akustikgitarre spielt und von aufgeschobenen Träumen singt. Ihre Zärtlichkeit bildet einen Ausgleich zur Dringlichkeit des Albums und zeigt, dass politische Kritik und Intimität nebeneinander bestehen können. Dann kommt „Living for the City“, die vielleicht kraftvollste Aussage des Albums. Über einem unerbittlichen Groove aus Moog-Bass und Drumcomputern erzählt Wonder die Geschichte eines jungen schwarzen Mannes, der von Mississippi nach New York zieht, nur um dort vom systemischen Rassismus zermalmt zu werden. Der Song enthält ein dramatisches gesprochenes Zwischenspiel: Sirenen, Schritte, Gefängnistore. Es war revolutionär – nicht nur ein Song, sondern ein Miniaturdrama, ein in Funk eingebetteter Protest.
Die zweite Seite bietet noch mehr Abwechslung. „Golden Lady“ ist pure Freude, ein Liebeslied, das von lateinamerikanischen Rhythmen und wirbelnden Keyboardklängen getragen wird. „Higher Ground“ pulsiert vor funkiger Dringlichkeit, wobei Wonders Clavinet-Riff zu den ikonischsten der Musikgeschichte zählt. Der Song, der kurz vor dem Autounfall geschrieben wurde, bei dem er beinahe ums Leben gekommen wäre, handelt von Reinkarnation, zweiten Chancen und der Dringlichkeit, ein rechtschaffenes Leben zu führen. Sein Groove ist unwiderstehlich, seine Botschaft transzendent.
„Jesus Children of America“ ist Gospel für die Straßenecke, der Heuchelei mit Mitgefühl und Leidenschaft anprangert. „All in Love Is Fair“ ist eine elegante Klavierballade, die uns an Wonders melodisches Talent erinnert. Und „He’s Misstra Know-It-All“, der Abschluss des Albums, ist verschmitzt und satirisch und richtet sich gegen politische Führer, die mit Charme manipulieren, denen es aber an Substanz mangelt.
Was „Innervisions“ so außergewöhnlich macht, ist seine Ausgewogenheit. Es ist zutiefst politisch, verliert dabei aber nie seinen Groove. Es ist spirituell, ohne belehrend zu wirken. Selbst in seiner Kritik strahlt es Freude aus. Wonder gelingt es, Synthesizer, Drumcomputer und traditionelle Instrumente zu einem Sound zu verschmelzen, der sich zugleich futuristisch und organisch anfühlt. Das Album klingt heute noch genauso frisch wie 1973, seine Themen sind leider nach wie vor aktuell.
Die kulturellen Auswirkungen waren unmittelbar spürbar. „Innervisions“ gewann den Grammy für das Album des Jahres und festigte damit Wonders Status nicht nur als Popstar, sondern auch als kultureller Prophet. Es beeinflusste Musiker aller Genres, von Funk und Soul bis hin zu Rock und Hip-Hop. Allein „Living for the City“ wurde zum Vorbild für sozial engagierte Musik, deren Erzählkunst sich nahtlos mit dem Groove verband.
Wenn man sich seine Musik heute anhört, fällt vor allem Wonders Inklusivität auf. Seine Musik schränkt niemanden aus. Sie spricht jeden an – Männer und Frauen, Jung und Alt, Reich und Arm. Seine Stimme ist zart genug, um das Herz zu berühren, kraftvoll genug, um Ungerechtigkeit anzuprangern, und fröhlich genug, um zum Tanzen zu bringen. Er zeigt, dass Funk spirituell sein kann, dass Protest melodisch sein kann und dass Zuhören sowohl Vergnügen als auch Erwachen sein kann.
Auf Vinyl strahlt die Platte geradezu. Die Wärme der Pressung passt perfekt zu Wonders vielschichtigen Keyboardklängen und dem synthetischen Bass, wobei jede Rille vor analoger Fülle nur so vibriert. Die Übergänge zwischen den Songs wirken natürlich, die Reihenfolge bewusst gewählt. Das Cover – ein surreales Porträt von Wonder mit geschlossenen Augen und zur Sonne geneigtem Kopf – unterstreicht die Essenz des Albums: Vision nicht als Sehen, sondern als innere Wahrheit.
Auch nach fünfzig Jahren fordert „Innervisions“ uns noch immer dazu auf, anders zuzuhören. Es verlangt von uns, nicht nur unseren Körper, sondern auch unseren Geist in Bewegung zu bringen. Es zeigt, dass Musik sowohl Zufluchtsort als auch Aufruf zum Handeln sein kann. Und in den Händen von Stevie Wonder beweist es, dass der Groove selbst prophetisch sein kann.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.