Strange Cargo III – William Orbit (1993)

Strange Cargo III – William Orbit (1993)

Balearische Satelliten Von Rafi Mercer

Manche Alben wirken, als wären sie für die Dämmerung geschaffen worden. Weder Tag noch Nacht, weder Hintergrund noch Vordergrund – sie nehmen einen Grenzbereich ein, halb real, halb imaginär. William Orbits „Strange Cargo III“, das 1993 erschien, gehört ganz eindeutig in dieses Gebiet. Es ist elektronische Musik, ja, aber keine Clubmusik; Ambient, aber kein „Möbel-Sound“. Es ist ein Album, das zwischen den Kategorien schwebt, im balearischen Licht schimmert und einen an einen Ort entführt, den man nicht ganz benennen kann. Für mich war es wegen seiner schieren Sanftheit schon immer ein heimliches Vergnügen – so geschmeidig, so perfekt produziert, so prädestiniert für Lounges und Late-Night-Compilations. Es jedoch als reinen Lifestyle abzutun, hieße, seine stille Kunstfertigkeit zu übersehen.

Orbit ist natürlich vor allem als Produzent hinter Madonnas „Ray of Light“ bekannt sowie für unzählige Remixe, die die 90er und die frühen 2000er prägten. Doch schon vor all dem schuf er diese „Strange Cargo“-Alben – instrumentale Reisen, die einen ganz eigenen Weg durch die Elektronikmusik beschritten. „Strange Cargo III“ ist das vollendetste dieser Alben: üppig, filmisch, absolut mitreißend. Es war eine Zeit, in der die elektronische Musik vielfältige Identitäten entwickelte – Rave, House, Trance, Ambient – und Orbit schuf seine eigene: elegant, mit Balearic-Anklängen, global in ihrer Sensibilität.

Das Album beginnt mit „Water from a Vine Leaf“, das gemeinsam mit Beth Orton geschrieben wurde, deren hauchige Gesangspassagen wie Rauch über Orbits Arrangements schweben. Es ist kein Popsong, sondern eine Fata Morgana, ein Flüstern vor dem Hintergrund von Synth-Klängen und einem Dub-angehauchten Bass. Schon hier wird die Atmosphäre deutlich: Das ist Musik für den Zwischenraum. Es folgt „Into the Paradise“ mit Gitarrenlinien, die gegen sanfte Percussion-Klänge hallen – ein Titel, der sich anfühlt, als würde man in der Abenddämmerung an einer Küste entlangspazieren.

Auf dem gesamten Album nutzt Orbit Textur als sein Hauptinstrument. In „Time to Get Wize“ werden tabla-ähnliche Rhythmen mit Synth-Pads überlagert; „Best Friend, Paranoia“ führt einen drängenderen Puls ein, der jedoch weiterhin elegant geglättet ist. „A Touch of the Night“ gibt sich ganz der Ambient-Stimmung hin, während „The Story of Light“ Melodie und Rhythmus zu etwas verschmilzt, das sich zugleich intim und kosmisch anfühlt. Jeder Track bewegt sich am Rande des Vertrauten, greift Elemente aus Dub, Flamenco und Chill-out auf, behält dabei jedoch stets eine gewisse orbitale Distanz bei.

Was dem Album seine „Guilty-Pleasure“-Aura verleiht, ist zum Teil seine Assoziation. In den 1990er Jahren war „Strange Cargo III“ die Art von Platte, die man in Boutique-Hotels, Design-Läden und Balearic-Bars hörte. Es war Musik, die den Soundtrack zu einem bestimmten, erstrebenswerten Lebensstil bildete und Räume mit ihrer Eleganz veredelte. Aber es dabei zu belassen, hieße, seine Präzision zu übersehen. Orbit war – und ist nach wie vor – ein Meister der Klanggestaltung. Jede Ebene ist bewusst platziert, jeder Hallausklang fein ausgeformt, jede Bassnote abgerundet. Hört man genau hin, ist die handwerkliche Kunstfertigkeit verblüffend.

Im Rahmen einer Hörbar überrascht das Album gerade hier. Auf einer gut abgestimmten Anlage offenbart „Strange Cargo III“ seine ganze Tiefe: Basslinien mit Substanz, Percussion mit knackigen Kanten, Synth-Texturen, die aufblühen und wieder zurückweichen. Was einst wie Hintergrundmusik wirkte, wird zu einer architektonischen Komposition. Der Raum selbst scheint zu schweben, beleuchtet nicht von Lampen, sondern von klanglichem Leuchten. Es ist der Beweis dafür, dass auch „Guilty Pleasures“, wenn man ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenkt, neben den Klassikern bestehen können.

Kulturell gesehen fügt sich das Album in den weiteren Rahmen der Balearic-Musik ein – ein Sound, der auf Ibiza entstanden ist, wo DJs wie José Padilla genreübergreifend auflegten und dabei den Schwerpunkt eher auf die Stimmung als auf die Kategorie legten. Orbit hat sich diese Haltung zu eigen gemacht. Seine Musik drängt nicht zum Tanzen, zieht sich aber auch nicht in den Minimalismus zurück. Stattdessen schafft sie Raum: für das Treibenlassen, für Besinnung, für leise Bewegung. Sie ist zugleich intim und weitläufig, zugleich zugänglich und schwer fassbar.

Wenn man sich heute wieder „Strange Cargo III“ anhört, taucht man erneut in den Optimismus der frühen 1990er Jahre ein – einer Zeit, in der elektronische Musik voller Möglichkeiten schien, in der Genregrenzen verschwammen und in der ein Track gleichzeitig Ambient, Dub und Pop sein konnte und dennoch stimmig wirkte. Ja, es ist ausgefeilt, ja sogar glänzend. Doch gerade in diesem Glanz liegt sein Charme. Es ist Musik, die jede Schärfe ablehnt und stattdessen lieber streichelt. Was das „Guilty Pleasure“ angeht, ist es eines der lohnendsten – ein Beweis dafür, dass Sanftheit manchmal keine Flucht, sondern eine Einladung ist.

Ich gebe es also offen zu: Diese Platte habe ich immer griffbereit. Nicht für jeden Abend, nicht für die Abende mit reichlich Alkohol und intensiven Diskussionen, sondern für die Stunden, wenn die Dämmerung hereinbricht, wenn die Gespräche nachlassen, wenn der Raum Atmosphäre ebenso sehr braucht wie Argumente. Dann hat „Strange Cargo III“ seinen Platz verdient. Es ist kein Coltrane, es ist kein Mingus – aber es ist Luft, Licht, Schimmer. Und manchmal reicht das schon aus.

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