Street Lady – Donald Byrd (1973): Blechbläser, Asphalt und der Klang einer Stadt in Zeitlupe
Messing, Asphalt und Hitze
Von Rafi Mercer
Manche Alben kommen ganz unauffällig daher und bleiben doch für immer in Erinnerung. „Street Lady“ ist eines davon.
Sobald die ersten Grooves erklingen, kann man es fast vor Augen sehen – das Spätsommerlicht, das von den Motorhauben der Autos reflektiert wird, das Flimmern der Hitze über dem Asphalt, eine Stadt in Zeitlupe. Das ist Donald Byrd in seiner filmischsten Form: strahlende Bläser, ein lockerer Rhythmus, alles strahlt stille Selbstsicherheit aus. Nur wenige Monate nach„Black Byrd“ veröffentlicht, griff das Album dieselbe Formel auf – Jazz-Funk, Soul-Rhythmen und den produktionstechnischen Glanz der Mizell-Brüder – und trug sie noch tiefer in die Straße hinein.
Bis 1973 hatte sich Byrd vollständig von der „Coolness“ der kleinen Clubs seiner Blue-Note-Anfänge gelöst. „Street Lady“ war sein Statement, dass Jazz auch im Freien leben könne – dass er bei Tageslicht grooven, unter der Sonne schwitzen, an einer Wand lehnen und dennoch seine Seele bewahren könne. Während „Black Byrd“ sich wie der freie Himmel anfühlte, wirkt „Street Lady“ geerdeter – lebhafter, funkiger, urbaner. Es ist der Klang von Blechbläsern, die auf Beton treffen.
Das Album beginnt mit „Priestess“ von Lansana, einem langen, sich langsam aufbauenden Stück, das direkt aus dem Asphalt selbst zu entspringen scheint. Wah-Wah-Gitarre, Rhodes-Akkorde, Congas, Bass – alles kreist sanft umher, bis Byrd einsetzt, dessen Trompete wie eine klare Horizontlinie den Dunst durchschneidet. Der Einfluss der Mizell Brothers ist allgegenwärtig: vielschichtige Percussion, hallende Gesangsstimmen, diese unverkennbare Sättigung der 70er Jahre. Es gibt Groove, aber auch Raum – Rhythmus als Architektur, mit Geduld und Feinsinn aufgebaut.
Dann stolziert Miss Kane herein – strahlende Bläser, knackige Snare, ein Bass, der wie ein Lächeln knallt. Es ist die Art von Stück, bei der Bewegung unvermeidlich ist. Man tanzt nicht, man wiegt sich. Byrds Phrasierung ist sparsam, fast neckisch, als wüsste er, wie gut die Rhythmusgruppe klingt, und würde einfach nur die Fahrt genießen. „Street Lady“, der Titelsong, verlangsamt das Tempo und strahlt mit langsamem Funk – Flöten, Gitarren, ein Hauch von Hitzeschleier. Die Melodien ziehen sich in die Länge, lässig, aber zielstrebig.
Bei „Witch Hunt“ verdichtet sich der Groove. Der E-Bass brummt tief, die Rhythmusgitarre spielt präzise, die Bläser entfalten sich wie ein Wandgemälde. Es ist instrumentales Geschichtenerzählen – Funk als Erzählung. Byrds Soli waren noch nie so spektakulär, und doch wirken sie nie überladen. Er setzt Akzente, anstatt zu predigen. Und dann beschließt „Cause I Need It“ das Album mit Leichtigkeit – die Wärme des Gospels, vermittelt durch Fender Rhodes und mehrstimmige Gesänge, die die Straße in einen Zufluchtsort verwandeln.
In der Listening Bar verwandelt „Street Lady“ den Raum. Die Hi-Hats schimmern wie Glas, der Bass erfüllt den Raum, die Bläser steigen in trägen Bögen empor und sinken wieder herab. Es ist eine Platte, die die Luft zum Leuchten bringt – nicht laut, nicht schwer, einfach nur lebendig. Bei der richtigen Lautstärke taucht sie den Raum in goldenes Licht. Die Leute reden dabei nicht viel; sie scheinen einfach nur im Takt zu atmen.
Bemerkenswert ist, wie zeitgemäß es sich noch immer anhört. Diese Grooves – schnörkellos, synkopiert, rhythmisch komplex – könnten neben modernen Produzenten wie Floating Points, Kamaal Williams oder sogar Anderson .Paak bestehen. Die Mizell-Brüder waren ihrer Zeit in Sachen Produktionsgefühl um Jahrzehnte voraus. Sie gingen bei analogen Aufnahmen wie Maler vor – mit Schichten, Lasuren und Reflexionen. Man kann ihre Fingerabdrücke fast im Hall erkennen.
Kulturell gesehen gelang es Byrd mit „Street Lady“, die Balance zwischen Kunst und Zugänglichkeit zu perfektionieren. Es war keine Hintergrundmusik, sondern raffinierte Straßenmusik – ein Sound, der den Optimismus des urbanen Lebens der Schwarzen in den 1970er Jahren einfing, seine Energie, seine Eleganz, seinen Rhythmus. Das Cover des Albums sagte alles: eine Frau in weißem Pelz, die einen Block in Harlem entlanggeht, selbstbewusst, stolz, strahlend. Der Jazz hatte endlich Selbstbewusstsein.
Und für Byrd selbst war es eine Befreiung. Er hatte ein Jahrzehnt lang als am Konservatorium ausgebildeter Trompeter, als Akademiker und Intellektueller verbracht. „Street Lady“ ließ ihn richtig in den Groove kommen. Man hört die Freude in jeder Phrase – wie er sich in eine Note hineinlehnt und dann den Rhythmus den Rest übernehmen lässt. Es ist keine Darbietung, es ist ein Spaziergang.
Ich spiele „Street Lady“, wenn es mir in der Bar zu höflich zugeht. Das lockert die Stimmung auf. Der Rhythmus findet seinen Weg in die Schultern der Leute. Die Bläser klingen wie Sonnenlicht. Und für einen Moment sind alle Teil desselben Pulses – elegant, gemächlich, lebendig.
Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.