Sunrise – Masabumi Kikuchi (1979)

Sunrise – Masabumi Kikuchi (1979)

Eine ruhige Ausrichtung in den ersten Stunden des Jahres

Von Rafi Mercer

Der Neujahrstag hat seine ganz eigene Akustik. Die Welt ist noch nicht ganz wieder in Gang gekommen, aber sie ist auch noch nicht ganz zum Stillstand gekommen. Die Luft wirkt irgendwie dünn, und man hat das Gefühl, dass der Lärm des vergangenen Jahres für einen Moment in den Hintergrund getreten ist und Platz für etwas Bedächtigeres gemacht hat. Genau dann macht „Sunrise“ Sinn.

„Sunrise“, 1979 für ECM aufgenommen, ist kein Album, das einen sofort willkommen heißt. Es wartet. Masabumi Kikuchis Klavierspiel setzt ohne großes Aufsehen ein, die Töne werden sorgfältig gesetzt, als würde er den Raum erst einmal ausloten, bevor er sich ganz darauf einlässt. Nichts drängt sich in den Vordergrund. Nichts drängt sich auf. Die Zeit wird hier nicht am Tempo gemessen, sondern am Atem.

Kikuchi war zu diesem Zeitpunkt bereits ein etablierter Jazzpianist, doch „Sunrise“ wirkt wie das Werk von jemandem, der kein Interesse daran hat, irgendetwas zu beweisen. Das Spiel ist sparsam und bewegt sich oft am Rande der Stille. Wenn Töne erklingen, haben sie Gewicht – nicht, weil sie dramatisch sind, sondern weil sie bewusst ausgewählt wurden. Die Rhythmusgruppe treibt die Musik nicht voran, sondern gibt ihr Halt. Man fühlt sich nicht so sehr durch das Album mitgerissen, sondern eher so, als dürfe man darin verweilen.

Der Klang hat etwas unverkennbar ECM-Typisches – dieses Gefühl von Raum, von Luft um jedes Instrument herum –, doch „Sunrise“ vermeidet die Kühle, die der Ruf des Labels manchmal mit sich bringt. Das ist keine Musik, die auf Distanz bleibt. Sie wirkt menschlich, ja sogar verletzlich. Kikuchis Klavierspiel strebt nicht nach Perfektion, sondern nach der richtigen Platzierung. Eine Note setzt ein, verweilt und weicht dann wieder der Stille.

Wenn man das Album am Neujahrstag hört, wirkt diese Zurückhaltung besonders passend. Dies ist kein Moment für Vorsätze oder Erklärungen. Es ist ein Moment der Neuorientierung. „Sunrise“ vermittelt weder explizit Optimismus noch Melancholie; es vermittelt Klarheit. Das Album scheint zu sagen: Bevor du entscheidest, wohin du als Nächstes gehst, schau dir an, wo du gerade bist.

In dem Album schwingt zudem ein subtiler Eindruck des nächtlichen Stadtlebens mit. Es fühlt sich an wie auf den Straßen kurz vor Tagesanbruch, wenn die Infrastruktur noch brummt, die menschliche Aktivität sich jedoch auf wenige einsame Gestalten reduziert hat. Die Musik beschreibt keinen bestimmten Ort, lässt sich aber mühelos auf verschiedene Städte übertragen . Tokio, Stockholm, Wien – überall dort, wo Stille eher als etwas Aktives denn als Leere verstanden wird.

Was „Sunrise“ zu einem so beeindruckenden Hörerlebnis macht, ist seine Weigerung, im herkömmlichen Sinne zu unterhalten. Es gibt keine eingängigen Melodien, auf die man wartet, und keine Crescendos, die die Geduld des Hörers belohnen sollen. Stattdessen liegt die Belohnung darin, dranzubleiben. Darin, dem Album das Tempo zu überlassen, anstatt ihm eines aufzuzwingen. In einer Kultur, die von der Musik ständig verlangt, zu performen, wirkt das fast schon radikal.

An einem Tag wie diesem – dem ersten des Jahres – kommt es auf diese Herangehensweise an. Die Versuchung ist immer groß, diesen Moment festzuhalten: Vorsätze, Absichten, Geschichten darüber, was als Nächstes kommt. Der Sonnenaufgang untergräbt all das auf sanfte Weise. Er legt nahe, dass die Ausrichtung vor der Richtung kommt. Dass das Zuhören vor dem Handeln kommt.

Während sich das Album entfaltet, wirst du vielleicht feststellen, dass du fast gar nichts tust. Du sitzt einfach da. Schaut aus dem Fenster. Lässt das Licht wechseln. Das ist kein Zufall. Diese Musik konkurriert nicht mit dem Leben, sondern begleitet es. Sie versteht, dass das bedeutungsvollste Hörerlebnis oft dann entsteht, wenn nichts anderes deine Aufmerksamkeit beansprucht.

Wenn „Sunrise“ endet, fühlt es sich nicht so an, als wäre es zu Ende. Es fühlt sich vollständig an. Man verspürt keinen Drang, es sofort durch etwas anderes zu ersetzen, und auch kein Bedürfnis, einem anderen Klang nachzujagen. Der Raum wirkt auf subtile Weise verändert, als hätten sich seine Konturen aufgeweicht.

Für den Neujahrstag reicht das. Mehr als genug.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

Zurück zu den Geschichten

Der Hörclub:

Wir haben unsere Aufmerksamkeit gegen Bequemlichkeit eingetauscht.

Endlose Playlists. Unbegrenztes Überspringen. Musik ist zu etwas geworden, das im Hintergrund läuft, während wir etwas anderes tun.

Der „Listening Club“ ist eine stille Rebellion dagegen.

Ein Album pro Monat. Von Anfang bis Ende. Gemeinsam.

Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Sobald alle Plätze vergeben sind, wird diese Stufe endgültig geschlossen.

Werde Mitglied im „Listening Club“