Suzuki – Tosca (1999)

Suzuki – Tosca (1999)

Wiens gemächlicher Rhythmus

Von Rafi Mercer

Manche Alben scheinen dazu bestimmt zu sein, nicht mit einem Paukenschlag, sondern eher mit einem leisen Flüstern anzukommen. „Suzuki“, das Debütalbum des österreichischen Duos Tosca aus dem Jahr 1999, ist eines dieser unauffälligen Juwelen – eine sich langsam entfaltende Mischung aus Downtempo, Dub und Ambient-Elementen, verwoben zu etwas, das sich wie das Echo einer späten Nacht anfühlt. Es verlangt nie nach Aufmerksamkeit, und doch neigt sich der Raum ihm entgegen, sobald es erklingt. Im Kanon der „guilty pleasures“ hat es seinen Platz nicht, weil es an Qualität mangelt, sondern weil es so mühelos, so diskret wirkt – ganz so, wie die Musik, zu deren Liebe man sich eigentlich nie bekennen sollte. Und doch erweist es sich in der richtigen Bar, auf der richtigen Anlage, nicht als Hintergrund, sondern als Präsenz.

Tosca war das Nebenprojekt von Richard Dorfmeister und Rupert Huber. Dorfmeister war bereits als eine Hälfte von Kruder & Dorfmeister bekannt, deren „K&D Sessions“ den Wiener Downtempo-Sound Ende der 1990er Jahre prägten. Doch mit Tosca änderte sich die Stimmung. Während Kruder & Dorfmeister von schweren Basslines und der Remix-Kultur lebten, war Tosca intimer und organischer. „Suzuki“ wurde nach Shunryu Suzuki benannt, dem Zen-Mönch, dessen Schriften über den „Anfängergeist“ eine Philosophie der Offenheit vermittelten. Das Album spiegelt dieses Ethos wider: Es bewegt sich ohne Eile, ohne Schwere und lässt jeden Klang so ankommen, als wäre es das erste Mal.

Das Album beginnt mit „Fuck Dub, Pts. 1 & 2“. Eine langsame Bassline setzt ein, Beats knistern leise, Samples flackern wie Licht durch Jalousien. Es ist keine Aggression, sondern Witz – eine spielerische Provokation, gekleidet in Samt. Von dort aus gleitet das Album durch Stücke wie „Annanas“ und „Busenfreund“, in denen sich Rhodes-Klänge, dezente Bläser und Dub-Echos miteinander verflechten. „Chocolate Elvis“, der vielleicht bekannteste Track, schafft einen Ausgleich zwischen absurdem Humor und unwiderstehlichem Groove: Ein zerhackter Gesang, der Unsinn wiederholt, über tiefem Bass und schimmernden Pads. Es ist Musik, die vor sich hin lächelt, während der Zuhörer sich davon treiben lässt.

Was Suzuki ausmacht, ist die Textur. Die Beats sind niemals scharf, sondern an den Rändern abgeschwächt. Samples dienen nicht als Spektakel, sondern als Atmosphäre. Wenn Gesang auftaucht, ist er oft nur halb präsent – gesprochene Phrasen, Fragmente, Atemzüge. Es ist Musik, die sich anfühlt, als sei sie aus Schatten zusammengesetzt, und die eher dazu gedacht ist, aufgenommen als analysiert zu werden. Und doch steckt hinter dieser Leichtigkeit eine akribische Produktion. Dorfmeister und Huber platzieren jedes Element mit Sorgfalt und schaffen so eine Klanglandschaft, die sich zugleich ungezwungen und makellos anfühlt.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung fügte sich Suzuki nahtlos in den oft als „Chill-out“-Boom bezeichneten Trend ein – Compilations, Lounges, der Soundtrack eines gewissen europäischen Kosmopolitismus. Diese Assoziation hat dem Album schon immer seinen Status als „Guilty Pleasure“ verliehen: Es war Musik, die man in Boutique-Hotels, Concept Stores und Designer-Cafés hören konnte. Doch wie „Moon Safari“ von Air oder „Strange Cargo III“ von Orbit überdauert es den jeweiligen Kontext. Seine Atmosphäre ist zu sorgfältig gestaltet, zu fein abgestimmt, um als bloßer Hintergrund abgetan zu werden.

In der Hörbar gewinnt Suzuki an Tiefe. Dank eines ausgefeilten Systems entfaltet sich der Bassbereich, ohne zu überwältigen, die Dub-Echos ziehen wie Rauch durch den Raum, und die Rhodes-Akkorde leuchten warm an den Rändern. Tracks, die einst wie ein Dahintreiben wirkten, offenbaren plötzlich ihre Tiefe: das Spiel der Hallschwänze, die Überlagerung der Percussion, das sanfte Wechselspiel von Tempo und Rhythmus. Was einst Chill-out war, wird zur Architektur, zu einem räumlichen Erlebnis, bei dem der Klang selbst den Raum prägt.

Kulturell gesehen gehört Suzuki zu einer besonderen Epoche, in der Wien für kurze Zeit zur Hauptstadt der elektronischen Stimmung wurde. Neben Kruder & Dorfmeister stellte Tosca eine Alternative zur Intensität des Techno oder zur Härte von Drum and Bass dar. Es war Musik, die sich aus Reggae, Jazz und Funk speiste, aber alles verlangsamte, in Samt hüllte und als Atmosphäre präsentierte. Sie war kosmopolitisch, aber unprätentiös, stilvoll, aber auf ruhige Weise subversiv. In einem Jahrzehnt, in dem elektronische Musik oft bis ins Extreme ging, war Toscas Zurückhaltung eine ganz eigene Form der Rebellion.

Wenn man sich jetzt wieder Suzuki zuwendet, wird einem der Wert der Sanftheit wieder bewusst. Nicht jede Platte muss konfrontieren. Manche Platten wirken beruhigend, nicht als Flucht, sondern als Einladung – zum Atmen, zum Entspannen, zum andersartigen Zuhören. Für mich bleibt es ein heimliches Vergnügen, nicht weil es minderwertig wäre, sondern weil es sich so mühelos in den Lebensstil, in den Soundtrack einfügt. Und doch offenbart es, wenn man es bewusst hört, seine stille Brillanz.

Das ist die Lehre von Suzuki: Die Atmosphäre kann genauso viel Gewicht haben wie Virtuosität. Manchmal reichen schon ein Dub-Echo, ein Rhodes-Akkord oder ein geflüstertes Gesangsfragment aus, um die Stimmung im Raum zu verändern. In einer Hörbar, in der dem Klang Raum gegeben wird, entfalten diese Fragmente ihre ganze Strahlkraft. Ob schuldig oder nicht – diese Platte sollte man sich auf jeden Fall zulegen.

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