Terry Callier – The New Folk Sound of Terry Callier (1968)
Von Rafi Mercer
Manche Alben fallen durch Produktionstricks oder großspurige Ankündigungen auf. Terry Calliers „The New Folk Sound of Terry Callier“ macht genau das Gegenteil. Das 1964 aufgenommene, aber erst 1968 bei Prestige veröffentlichte Album ist bis auf das Wesentliche reduziert: nur Calliers Stimme, seine Gitarre und die sanfte Begleitung der beiden Bassisten Terbour Attenborough und John Tweedle. Kein Schlagzeug, keine Orchestrierung, kein Glanz. Das Ergebnis ist ein Debüt, das zeitlos wirkt – ein Dokument des Klangs an sich.
Wer über Calliers spätere Werke – die üppigen Orchestrierungen von „What Color Is Love“ oder die sozialkritische Breite von „Occasional Rain“ – zu diesem Album gelangt, für den mag die Nüchternheit hier zunächst überraschend wirken. Doch gerade in dieser Kargheit gewinnt die Platte an Kraft. Jeder Titel schwebt wie Rauch in der Luft. Calliers Gitarrenmuster sind gleichmäßig, kreisförmig, hypnotisch; die beiden Bässe bewegen sich mit geduldiger Schwere und erzeugen eine Resonanz, die den Klang erdet, ohne ihn jemals zu überstürzen. Über allem thront die Stimme. Nicht auffällig, nicht gekünstelt, sondern klangvoll und menschlich, in der sich Anklänge von Gospel, Folk und Jazz gleichermaßen widerspiegeln.
Das Repertoire stützt sich stark auf traditionelle Folk-Stücke – „900 Miles“, „Promenade in Green“, „It’s About Time“ –, doch Callier macht sich diese zu eigen, anstatt sie bloß zu covern. Seine Phrasierung dehnt die Melodielinien aus, sein Ton verwandelt bekanntes Material in eine Offenbarung. Insbesondere „900 Miles“ wird weniger zu einer Folk-Klage als vielmehr zu einer Meditation, wobei die Gitarre wie ein Rad auf einer Schiene kreist und die Bässe wie fernes Donnergrollen rollen. Wenn man die Platte auf Vinyl über eine gute Anlage abspielt, hört man das Holz der Gitarre, die Maserung der Basssaiten und den menschlichen Atem zwischen den Zeilen. Näher kann aufgenommene Musik dem Erlebnis, mit dem Interpreten in einem Raum zu sitzen, kaum kommen.
Was Callier von seinen Zeitgenossen unterscheidet, ist die Balance zwischen Intimität und Tiefe. Viele Folksänger der 1960er Jahre suchten Authentizität in der Einfachheit, doch nur wenige verfügten über den klanglichen Reichtum, um dies zu vermitteln. Callier tat es. Seine Stimme ist ein Bariton mit vielen Facetten – Wärme, Trauer, Entschlossenheit und etwas, das schwerer zu definieren ist: ein Licht, das durch die dunkleren Schattierungen hindurchscheint. Auf „The New Folk Sound“ lässt er diese Stimme in einem schmucklosen Raum erklingen und vertraut darauf, dass sie den Raum ausfüllt. Und das tut sie auch.
Dies ist kein Album mit Singles oder Vorzeigestücken. Es ist ein Album der Präsenz. Man hört es nicht wegen der Abwechslung, sondern um ganz darin einzutauchen, um zu erleben, wie die Lieder eine Atmosphäre schaffen. In einer Hörbar wirkt es wie Kerzenlicht: subtil, beständig, verwandelnd. Sobald die Nadel auf die Platte gesetzt wird, verlangsamt sich der Rhythmus im Raum. Die Gespräche werden leiser, Gläser werden sanfter angehoben. Die Menschen lassen sich vom Klang einnehmen – nicht, weil er Aufmerksamkeit einfordert, sondern weil er die Aufmerksamkeit mit sich bringt.
Ein halbes Jahrhundert später erscheint diese Aufnahme noch notwendiger denn je. In einer Welt voller komprimierter Dateien und Reizüberflutung wirkt ihre Weite geradezu radikal. Sie lehrt den Hörer, Klang vor Gestik, Geduld vor Unmittelbarkeit und Menschlichkeit vor Perfektion zu schätzen. Sie ist nicht nostalgisch. Sie wirkt heilsam.
Callier selbst sollte später noch facettenreichere Klangwelten erschaffen, in die er Soul, Jazz und Orchesterarrangements einfließen ließ, und schließlich Jahrzehnte später mit Künstlern wie Massive Attack zusammenarbeiten. Doch „The New Folk Sound of Terry Callier“ bleibt der reinste Einstieg in sein Wesen. Es ist der Geist hinter jedem späteren Titel, der Klang, der auch dann noch nachhallt, wenn er von Streichern oder Beats umgeben ist.
Wenn die Neuauflage erscheint, wird dies nicht nur eine Gelegenheit sein, in die Vergangenheit zurückzublicken. Es wird eine Einladung sein, diesen Klang wieder zu hören, in jenem Raum zu sitzen, in dem ein junger Sänger aus Chicago seine Stimme der Stille entgegenstellte und feststellte, dass dies ausreichte. Mehr als genug.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.