The Herbaliser – Very Mercenary (1999)

The Herbaliser – Very Mercenary (1999)

Von Rafi Mercer

Nicht jedes Album verlangt nach Stille. Manche laden zu ein wenig Bewegung ein – zum Neigen des Kopfes, zum Mitwippen der Hand im Takt, zu jener stillen Zuversicht, die ein gut ausgearbeiteter Rhythmus vermittelt. „Very Mercenary“, das 1999 von The Herbaliser veröffentlicht wurde, gehört dazu. Es ist ein Album, das in einen Raum schreitet, gekleidet in einen schicken Anzug und mit einem Grinsen, das verrät, dass es schon einiges gesehen hat.

Ich erinnere mich, dass ich den Song zum ersten Mal in der Wohnung eines Freundes in Camden gehört habe – einem Raum, der mit Schallplatten und Kabeln vollgestopft war und in dem das Sonnenlicht durch den Staub schimmerte. Jemand setzte die Nadel auf, und „Who’s the Realest?“ erklang – Bläser, Scratches, Kontrabass, Beats, die wie Schlagringe in Samt schwangen. Es klang auf eine Weise lebendig, wie es elektronische Musik damals selten tat.

The Herbaliser waren bereits dafür bekannt, Hip-Hop und Jazz zu verschmelzen, doch erst mit „Very Mercenary“ gelang es ihnen, die perfekte Balance zu finden. Jake Wherry und Ollie Teeba schufen Grooves, die sich wie Filmmusik anhörten – spannungsgeladen, facettenreich, filmisch – und überließen sie dann Rappern und Bläsersätzen, die es verstanden, diese Atmosphäre zu verkörpern. Es ging nicht um Nostalgie, sondern um Kontrolle.

Alles an dieser Platte wirkt komponiert und doch locker. Die Bläser setzen kräftig ein, bleiben aber nie zu lange im Vordergrund. Die Scratches durchschneiden die Luft mit Präzision. Das Schlagzeug klingt trocken und bedächtig, als wäre es auf einem Tonband abgemischt worden, das gerade erst warm wird. Hinter der selbstbewussten Attitüde verbirgt sich Disziplin, und genau das macht diese Platte so unendlich hörenswert.

Die Titel entfalten sich wie Filmszenen. „Mission Improbable“ beginnt mit dem Flair eines Spionagefilms – aufsteigende Streicher, kreisende Bässe, ein immer straffer werdender Rhythmus – und landet dann mitten in einem Beat, der sich endlos wiederholen könnte. „Goldrush“ strotzt nur so vor Selbstbewusstsein: Die Blechbläser stolzieren, die Flöte neckt, das Schlagzeug marschiert zielstrebig voran. Man kann fast schon die Kameraschwenks, die Zwischensequenzen und den sich im Rhythmus windenden Zigarettenrauch vor Augen sehen.

Auffällig ist, wie lebendig sich das Ganze anfühlt. The Herbaliser haben zwar Samples verwendet, aber sie haben auch selbst gespielt – echte Blasinstrumente, echten Bass, mit echtem Spielgefühl. Diese haptische Qualität verleiht „Very Mercenary“ seine Tiefe. Über gute Lautsprecher hört man die Luft um die Instrumente herum, das Rauschen des Tonbands und die Wärme der Darbietung, die gerade noch unter Kontrolle gehalten wird.

Das Tempo ist von einer gewissen Großzügigkeit geprägt. Das Album will nicht um jeden Preis beeindrucken, sondern eine Welt erschaffen. In einem Moment befindet man sich mitten in kantigem Hip-Hop, im nächsten gleitet man durch ein Noir-Jazz-Intermezzo. Es wirkt eher kuratiert als konstruiert – wie ein Dialog zwischen dem Instinkt des Crate-Digging und der Disziplin im Studio.

Damals fand die Platte ihren Platz in einem interessanten Umfeld. Trip-Hop hatte bereits den Durchbruch geschafft, Acid Jazz verlor an Schwung, und Hip-Hop spaltete sich in Underground und Mainstream. The Herbaliser fanden einen Weg, den es noch nicht gab: cineastische Groove-Musik, intelligent und doch straßennah, die man sowohl laut als auch leise hören konnte.

Wenn man sich das heute anhört, übersieht man leicht, wie gewagt das damals war. Sie schufen Songs wie „Wall Crawl“ und „Sly Intro“ mit der Eleganz von Library-Musik, aber der Selbstsicherheit des Rap. Es war Funk, der zu Architektur wurde – Schichten aus Blechbläsern, Vibraphon, Bassline und Scratches, alles eingebettet in die Geometrie eines Loops. Das konnte einen Raum ausfüllen oder sich perfekt in den Hintergrund der Gedanken einfügen.

„Road of Many Signs“ ist vielleicht das stille Herzstück des Albums. Der Song ist langsamer, rauchig, fast schon nachdenklich – eine Erinnerung daran, dass Raffinesse keine Geschwindigkeit braucht. Die Melodie steigt und fällt wie ein Gespräch nach Mitternacht. In diesen wenigen Minuten hört man, was The Herbaliser von ihren Kollegen unterscheidet: Zurückhaltung. Sie hätten angeben können; stattdessen haben sie einfach ihren Groove gefunden.

Der Titelsong „Very Mercenary“ rundet das Ganze ab – eine selbstbewusste Erklärung, verpackt in Ironie. Der Groove ist straff, die Bläser makellos, doch hinter all dem verbirgt sich Humor: ein Augenzwinkern an das Genre, ein wissendes Grinsen über die Coolness selbst. The Herbaliser verstanden Stil als Haltung, nicht als Kostüm.

Über eine High-Fidelity-Anlage offenbart das Album seine handwerkliche Kunstfertigkeit. Das Stereobild ist breit, ohne jedoch übertrieben zu wirken. Der Bass ist tief und dennoch kontrolliert; die Becken klingen funkelnd, ohne grell zu wirken. Das erinnert daran, dass gutes Abmischen eine Frage der Gestaltung ist – Architektur in der Frequenzwelt. Die Platte wurde so konzipiert, dass sie edel, aber dennoch „gelebt“ klingt, wie Walnussvertäfelungen, die durch die Zeit poliert wurden.

Was ihr Langlebigkeit verleiht, ist ihr Klang. Jede Note strahlt eine gewisse ruhige Autorität aus – verspielt, aber präzise, elegant, aber geerdet. Man könnte sie unter „Trip-Hop“ einordnen, aber das würde am Kern der Sache vorbeigehen. Es ist Musik, bei der es um Ausgewogenheit geht: analoge Wärme trifft auf digitale Präzision, Groove trifft auf Zurückhaltung.

Und jeder Takt strahlt Persönlichkeit aus. Man spürt, dass die Produzenten in erster Linie Plattensammler, in zweiter Linie Musiker, vor allem aber Zuhörer waren. Sie haben verstanden, dass Zuhören nichts Passives ist – sondern eine aktive Teilnahme. Der Rhythmus zieht einen in seinen Bann, fordert zum Mitgehen auf, hält aber gleichzeitig den Kopf auf Trab.

Auch Jahrzehnte später wirkt „Very Mercenary“ noch immer aktuell. Man kann es in einer Bar mit guter Musik auflegen, und es fügt sich wunderbar in den Mix ein – ein Album, das Aufmerksamkeit belohnt, ohne sie einzufordern. Die Klangtexturen sind nach wie vor zeitlos: Bläser, die durch den Rauch atmen, ein Bass, der Gesprächen folgt, und Beats, die ihren eigenen Weg gehen.

Was The Herbaliser hier erreicht haben, war mehr als nur Fusion; es war Kohärenz. Jeder Track, egal ob filmisch oder straßennah, spricht dieselbe Sprache – Groove als Grammatik, Klang als Wahrheit. Sie haben bewiesen, dass Raffinesse swingen kann und dass Rhythmus, wenn man behutsam damit umgeht, einen immer noch überraschen kann.

Wenn die letzten Töne verklingen, bleibt einem die stille Zufriedenheit, etwas richtig Gutem geschaffen zu haben – ein Album, dessen Nähte zwar sichtbar, aber stabil sind, ein Sound, der seine handwerkliche Kunstfertigkeit unaufdringlich zur Schau stellt. Es jagt weder der Vergangenheit noch der Zukunft hinterher; es ist einfach da.

Genau das macht „Very Mercenary“ zu einem Album, das man sich ganz bewusst anhören muss. Es geht nicht um das Fehlen von Lärm oder die Heiligkeit der Stille. Es geht um Präsenz – um Musik, die aufrecht steht, die Schultern gerade hält und genau weiß, wie gut sie klingt.

Nicht alle Alben, die man sich in Ruhe anhören sollte, sind leise. Manche, wie dieses hier, haben einen Puls, der zum Lächeln bringt.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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