Chill Out – The KLF und der Klang einer Reise durch die Nacht (1990)

Chill Out – The KLF und der Klang einer Reise durch die Nacht (1990)

Von Rafi Mercer

Jede Generation glaubt, sie hätte die Ruhe erst erfunden. Doch manchmal blickt man zurück und stellt fest, dass jemand anderes schon Jahrzehnte zuvor dort angekommen war – und zwar auf seltsamere, tiefgründigere Weise und mit mehr Überzeugung als jeder andere seitdem. „Chill Out“ von The KLF ist eine solche Platte. Es ist nicht nur ein Ambient-Album. Es ist eine Reise, die sich als solche tarnt. Ein Roadtrip durch Amerika, der deine Lautsprecher nie verlässt, ein Fiebertraum, zusammengesetzt aus Samples, Rauschen, Gospelchören und dem langen, leisen Summen der Möglichkeiten.

Das Album erschien 1990, lange bevor „Chillout“ zu einem Klischee in Playlists wurde – es war etwas Reineres. Bill Drummond und Jimmy Cauty schufen keine Hintergrundmusik; sie schufen Atmosphäre als Erzählung. Die Platte entfaltet sich als ein einziges, durchgehendes Stück – keine Beats, keine Pausen zwischen den Titeln –, nur Feldaufnahmen, Steel-Gitarren, Ausschnitte von Elvis, tuwinischer Kehlkopfgesang, Zugpfeifen, blökende Schafe und Fragmente aus dem nächtlichen Radio, die durch imaginäre Luft schweben. Man hört sie sich nicht Titel für Titel an; man reist durch sie hindurch.

Das Konzept war schon damals gewagt: eine nächtliche Autofahrt entlang der US-Golfküste, bei der der Radiosender zum Instrument wird und das Land selbst zu einer Klangcollage. Aufgenommen in London, aber geistig irgendwo zwischen Texas und dem Weltraum angesiedelt, verwandelte es die „Cut-and-Paste“-Logik des Samplings in eine Meditation. Man kann fast das Bandrauschen der offenen Straße hören, während sich die Scheinwerfer über eine endlose Autobahn erstrecken.

Auf einer guten Anlage wirkt „Chill Out“ unendlich. Der Bass ist warm, aber distanziert, wie das Geräusch von Reifen auf Asphalt. Die hohen Frequenzen schweben knapp oberhalb der Wahrnehmungsgrenze. Stimmen tauchen auf und verschwinden wieder wie Träume, an die man sich fast erinnert. Es ist ein Album, das Stille belohnt – nicht, weil es leise ist, sondern weil es lebendig ist. Jeder Winkel des Klangraums ist mit kleinen menschlichen Spuren gefüllt: Atem, Lachen, Hall, das Geräusch einer langsamer werdenden Tonbandspule.

Und genau das macht es so zeitlos. Es basiert auf Vergänglichkeit – Kurzwellensignale, gestohlene Samples, Momente, die rechtlich gesehen gar nicht zusammen existieren dürften – und dennoch wirkt es stimmiger als die meisten Studioalben. Die KLF waren vom Konzept her Anarchisten, in der Umsetzung jedoch Mönche. Sie samplten das Chaos, um Frieden zu finden.

Das Faszinierende daran ist, wie radikal es sich heute wieder anfühlt. Im Zeitalter des Streamings, in dem Musik eher dazu dient, Stille zu füllen, als sie zu würdigen, verlangt „Chill Out“ nach etwas Seltenem – nach Zeit. Es beginnt und endet nicht klar und deutlich. Es ist einfach da. Man taucht hinein, so wie man vielleicht in den Nebel hineingeht: Die Orientierung schwindet, die Sinne kehren auf andere Weise zurück.

Diese Bilder haben mich nie losgelassen – die Autoscheinwerfer, die den Nebel durchschneiden, der langsame Rhythmus der Steel-Gitarre über dem Rauschen, Elvis, der aus einem phantomhaften Radiosender herüberflüstert. Es ist melancholisch, nostalgisch, aber niemals traurig. Es ist der Klang des Dazwischenseins – auf halbem Weg nach Hause, halb schlafend, halb wach.

Auch das Cover ist perfekt: eine idyllische, fast mythische Landschaft – Schafe, grüne Wiesen und der Himmel –, die dennoch irgendwie futuristisch wirkt. Diese Gegenüberstellung sagt alles über das Genie der KLF aus: Sie hatten verstanden, dass Zukunft und Vergangenheit lediglich parallele Frequenzen sind.

Wenn man zu Ende gehört hat, fühlt sich die Stille, die darauf folgt, wie elektrisiert an. Man war irgendwo – kann aber nicht genau sagen, wo. Das Album findet keinen Abschluss; es verflüchtigt sich. Und noch lange nach seinem Ende hört man es weiter – das ferne Echo von Zugsignalen, das Brummen eines Motors auf einer leeren Straße.

Es ist schwer vorstellbar, dass „Chill Out“ heute entstehen würde. Es lässt sich keiner Kategorie zuordnen, es dient keinem Messwert und es jagt nicht nach Aufmerksamkeit. Es ist ein Album, das auf dich wartet – und wenn du es endlich entdeckst, wird dir klar, wie selten diese Geduld geworden ist.

Manche Alben wollen einen beeindrucken. Dieses hier erinnert einen einfach daran, wie man zuhört.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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