The Orb – Adventures Beyond the Ultraworld (1991)
Von Rafi Mercer
Es beginnt mit einem Ausschnitt aus der Stimme des Astronauten John F. Kennedy, der durch einen Schleier aus Soundeffekten und anschwellenden Synthesizerklängen schwebt. Dann setzt langsam ein Beat ein – gemächlich, stark vom Dub geprägt, weitreichend. Schon befindet man sich an einem anderen Ort. „Adventures Beyond the Ultraworld“ von The Orb, erschienen 1991, ist kein Album im herkömmlichen Sinne. Es ist eine Reise, eine klangliche Odyssee, die Ambient-Drift, Dub-Schwere, Dancefloor-Puls und kosmische Fantasie miteinander verschmilzt. Für viele markierte es den Moment, in dem es bei elektronischer Musik nicht mehr nur um Clubs ging, sondern um ganze Welten.
The Orb – gegründet von Alex Paterson, dem sich hier Jimmy Cauty und spätere Mitstreiter anschlossen – waren Kinder der Rave-Kultur, aber auch des Dub, der Psychedelia und der Soundcollage. Ihr Genie lag darin, sich Grenzen zu verweigern. Während House und Techno auf straffen Rhythmus und funktionale Energie setzten, dehnten The Orb ihre Tracks zu ausufernden, zwanzigminütigen Odysseen aus, gefüllt mit Samples, Witzen, Umgebungsgeräuschen und plötzlichen Wendungen. Sie nannten es Ambient House, doch in Wirklichkeit war es etwas Größeres: Musik als Raumfahrt.
Das Album beginnt mit „Little Fluffy Clouds“ und seinem mittlerweile berühmten Sample, in dem Rickie Lee Jones den Himmel ihrer Jugend beschreibt. Darüber entfalten sich ein gleichmäßiger Rhythmus und sich wiederholende Synthesizerklänge. Diese Gegenüberstellung – eine nostalgische, gesprochene Erinnerung über futuristischer Elektronik – fängt die Ästhetik von The Orb perfekt ein. Sie waren keine Futuristen im kalten Sinne; sie waren Träumer, die Maschinen in Landschaften der Erinnerung und der Fantasie verwandelten.
„Earth (Gaia)“ verwebt Samples von Radio-Gesprächen, Chorstimmen und elektronischen Klangtexturen zu etwas, das zugleich kosmisch und intim wirkt. „Supernova at the End of the Universe“ ist eine zwanzigminütige Reise durch Echo und Delay, wobei ein Dub-Bass eine ganze Galaxie von Klängen zusammenhält. Der Titel ist geduldig, weitläufig, bisweilen absurd und dennoch absolut fesselnd. Das war keine Musik für Radio-Singles; es war Musik für lange Nächte, für späte Stunden, in denen sich die Zeit selbst zu dehnen scheint.
Das Herzstück des Albums, „A Huge Ever Growing Pulsating Brain That Rules from the Centre of the Ultraworld“, verkörpert ihre Vision. Ursprünglich als Single erschienen, wird der Titel hier zu einem ausgedehnten Hörerlebnis, dessen hypnotischer Beat und Samples aus Minnie Ripertons „Lovin’ You“ sich fast bis ins Unendliche ausdehnen. Der Track ist zugleich verspielt und ehrfürchtig, absurd und erhaben. Beim Hören fühlt man sich, als würde man in der Umlaufbahn schweben und durch die Schichten der Atmosphäre auf die Erde zurückblicken.
Was „Adventures Beyond the Ultraworld“ auszeichnet, ist sein Gespür für Größenverhältnisse. Während die meisten elektronischen Alben jener Zeit bloße Sammlungen von Titeln waren, schuf The Orb eine ganze Klangwelt. Das Album fließt wie eine durchgehende Suite, deren Titel ineinander übergehen und von wiederkehrenden Motiven und Samples geprägt sind. Es ist keine Setlist, sondern ein Universum. Wer es betritt, gibt die normale Zeit auf und lässt sich durch eine Weite treiben, die von Echo und Delay geprägt ist.
Für Hörer, die noch keine Erfahrung mit elektronischer Musik hatten, war das Album befreiend. Es zeigte, dass man nicht tanzen musste, um sich darauf einzulassen, dass elektronischer Sound weiträumig, verspielt und kontemplativ sein konnte. Für erfahrene Raver bot es einen Soundtrack für die Zeit nach dem Club, bei dem der „Comedown“ als kosmisches Dahintreiben dargestellt wurde. Für diejenigen, die sich überhaupt nicht für die Clubkultur interessierten, bot es etwas ganz anderes: ein psychedelisches Hörerlebnis, das in Dub, Collage und Fantasie verwurzelt war. Seine Offenheit machte es inklusiv. Jeder konnte einsteigen.
Kulturell gesehen erschien das Album genau zum richtigen Zeitpunkt. Großbritannien war Anfang der 1990er Jahre von der Rave-Kultur überschwemmt, aber auch von einer Gegenbewegung geprägt. The Orb boten eine Alternative: Musik, die die Euphorie des Rave in sich trug, diese aber verlangsamte, ausdehnte und öffnete. Ihr Einsatz von Humor – Schafblöken, absurde Samples, bewusst übertriebene Titel – verhinderte jede Anmaßung. Das war ernsthafte Musik, die sich selbst nicht allzu ernst nahm.
Auf Vinyl wird das Hörerlebnis noch intensiver. Die Titel, die eine ganze Plattenseite einnehmen, erfordern Geduld, und das Umdrehen der Platte wird Teil des Rituals. Das Oberflächengeräusch verschmilzt mit den Rausch- und Brummtönen von The Orb und macht das Hörerlebnis greifbar, körperlich spürbar. Es ist keine Hintergrundmusik. Es verändert den Raum, in dem man sich befindet, und verwandelt ein Wohnzimmer in einen Kosmos.
Was an „Adventures Beyond the Ultraworld“ Bestand hat, ist seine Großzügigkeit. Es stellt keine Zugangsbarrieren auf, gibt sich nicht wichtig. Es lädt ein. Seine Welt ist groß genug für alle: für Träumer, für Tänzer, für Zuhörer, die sich einfach nur mitreißen lassen wollen. Es ist verspielt genug, um zu unterhalten, tiefgründig genug, um die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, und weitläufig genug, um jeden willkommen zu heißen. Deshalb hat es Bestand, deshalb bleibt es ein Maßstab.
Wenn man es heute auflegt, wird einem bewusst, dass Musik mehr sein kann als nur ein Produkt. Sie kann eine Atmosphäre schaffen. Sie kann eine Reise sein. Sie kann ein Ritual sein. Sie kann, wie The Orb es formulierten, ein Abenteuer sein – nicht jenseits der Welt, sondern in die Art und Weise, wie wir sie hören.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.