The Pointer Sisters – The Pointer Sisters (1973)

The Pointer Sisters – The Pointer Sisters (1973)

Groove vor Glanz, Rhythmus vor Ruf

Von Rafi Mercer

Es ist ein ganz besonderes Vergnügen, ein Album zu entdecken, das ohne jegliche Erwartungen auf einen zukommt – ohne Mythos, ohne kulturelle Last, die auf ihm lastet –, sondern einfach nur Klang, der sich langsam und ehrlich offenbart. Genau das passiert, wenn man die Nadel auf „The Pointer Sisters“ setzt. Es kündigt sich nicht an. Es lässt sich einfach ein. Und dann, fast ohne Vorwarnung, merkt man, dass man ganz anders zuhört.

Die meisten Menschen lernen die Pointer Sisters durch ihre spätere, strahlendere Inkarnation kennen – mit Pop-Soul-Präzision, Selbstbewusstsein in den Charts und Songs, die genau wissen, wohin sie wollen. Diese Platte ist etwas ganz anderes. Sie stammt aus einer Zeit vor dieser Gewissheit. Aus einer Zeit, in der Jazz, Soul, Funk und die Lässigkeit der Westküste sich noch überschneiden und noch um ihren Platz ringen.

Das Erste, was einen in seinen Bann zieht, ist der Rhythmus. Kein großer Rhythmus – kein markanter Rhythmus –, sondern ein funktionierender Rhythmus. Das Schlagzeug dominiert nicht, es führt einen Dialog. Gailard Birch spielt mit der Geduld eines Musikers, nicht mit dem Ego eines Performers. Die Snare klingt trocken. Die Kick ist warm. Jeder Schlag ist von Luft umgeben. Er treibt den Song nicht so sehr voran, sondern sorgt vielmehr dafür, dass der Boden unter ihm fest bleibt. Es ist die Art von Schlagzeugspiel, in die sich Produzenten später verlieben würden, gerade weil es nicht versucht, einprägsam zu sein – es fühlt sich einfach richtig an.

Und genau darum geht es. Dieses Album versteht es, sich zurückzuhalten.

Die Arrangements sind elegant, wirken aber niemals überladen. Die Bläser treten in Erscheinung, erfüllen ihre Aufgabe und treten dann wieder in den Hintergrund. Die Klavierlinien dienen eher der Skizzierung als der Verzierung. Der Bass bewegt sich zielgerichtet, ohne aufdringlich zu wirken. Alles lässt Raum – für die Stimmen, für den Groove, für den Zuhörer. Die Herkunft ist deutlich zu erkennen: Jazzclubs statt Arenen, späte Abendstunden statt Radio-Rotationen.

Auch der Gesang wirkt hier anders. Er ist harmonisch eingebunden, gesprächig und geerdet. Es gibt keinen Versuch, die Band zu übertönen oder mit ihr zu konkurrieren. Stattdessen sind die Stimmen Teil der Rhythmusgruppe – ein weiteres Instrument, das die Atmosphäre im Raum prägt. In einer Zeit, in der die Dominanz des Gesangs im Vordergrund steht, wirkt dieser Ansatz heute fast schon radikal.

Was dieses Album zu einer stillen Offenbarung macht, ist, wie aktuell es sich noch immer anhört. Man hört, warum es auch Jahrzehnte später noch Crate-Digger und Beat-Maker anzieht. Nicht, weil es offensichtlich ist, sondern weil es verfügbar ist. Die Grooves atmen. Das Tempo liegt angenehm in jenem goldenen Mittelbereich, in dem sich die Bewegung natürlich und nicht erzwungen anfühlt. Wenn du dich jemals gefragt hast, warum manche Platten endlos sampletauglich wirken, auch wenn sie selten als Quelle genannt werden, dann ist dies die Antwort: Sie lassen Raum für die Zukunft.

Das Cover trifft den Nagel genau auf den Kopf. Natürliches Licht. Ernsthafte Mienen. Keine Kostüme, kein Konzept, kein Versprechen außer der eigenen Kompetenz. Es vermittelt Vertrauen – in die Musik, in die Musiker, in den Zuhörer. Noch bevor eine einzige Note erklingt, wird einem klar: Hier geht es nicht um Spektakel. Hier geht es um das Gefühl.

Wenn man es jetzt in einer ruhigeren Umgebung hört – in einem Ausstellungsraum, einem Wohnzimmer, an einem späten Nachmittag, an dem die Welt scheinbar ganz woanders ist –, ergibt das Album vollkommen Sinn. Es verlangt keine Aufmerksamkeit. Es belohnt sie. Das ist Musik, die versteht, dass Selbstbewusstsein keine Lautstärke braucht und Groove keiner Erklärung bedarf.

Als Moment der Entdeckung erinnert uns dies daran, warum Zuhören nach wie vor wichtig ist. Nicht die Suche nach dem Nächsten, sondern die Begegnung mit etwas, das schon immer da war und nur auf die richtigen Ohren, den richtigen Tag und das richtige Tempo gewartet hat.

Manche Alben wirken wie Statements.
Andere wirken wie Räume, von denen man gar nicht wusste, dass man sie braucht.

Dieser hier gehört zur zweiten Kategorie.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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