Timeless – Goldie (1995)
Von Rafi Mercer
Der Klang des flüssigen Lichts
Manche Alben lassen sich nicht so sehr einem Genre zuordnen, sondern schaffen vielmehr ein eigenes. „Timeless“, das 1995 erschien, war nicht nur ein Album – es war ein Meilenstein. Vorher war Drum & Bass ein Club-Phänomen: roh, perkussiv, underground. Danach wurde es zu etwas Filmischem, Emotionalem, fast schon Symphonischem. Goldie nahm Breakbeats und verwandelte sie in etwas Wunderschönes.
Wenn man den Titelsong zum ersten Mal hört – diese 21-minütige Suite aus schimmernden Trommeln und anschwellenden Streichern –, fühlt es sich an, als würde man in ein anderes Klima eintauchen. Der Bass brummt wie ein Motor, der im Nebel im Leerlauf läuft, die Trommeln huschen durch das Stereofeld, und dann setzt der Gesang ein: Diane Charlemagnes ätherische Stimme, die nicht schreit, sondern schwebt, und die Phrase wiederholt, die das gesamte Album prägt – „inner city life, inner city pressure“. Es geht nicht nur um London oder die Neunziger; es geht um jede Stadt, in der der Rhythmus zugleich Herzschlag und Flucht ist.
Goldie, der als Clifford Price in Walsall geboren und in den West Midlands aufgewachsen war, hatte das Chaos, das er in Worte fassen wollte, selbst erlebt. Seine Geschichte war schon von vornherein filmreif: Graffitikünstler, Breakdancer, Überlebender der Jugendclubs, Teil der ursprünglichen britischen Rave- und Jungle-Bewegung. Doch mit „Timeless“ schuf er eine Welt, die über den Club hinausging. Er wollte ein Album machen, das sich wie Architektur anfühlte – erbaut aus Beton und Melodie, mit Basslinien wie Fundamenten und Streichern wie Licht, das durch Stahl strömt.
Das Album beginnt mit „Timeless (Inner City Life / Pressure / Jah) “ – eher eine Komposition als ein einzelner Track. Es ist in Sätze unterteilt, von denen sich jeder mit einer anderen emotionalen Tiefe entfaltet. Die Breakbeats sind unerbittlich und doch fließend, aus der DNA von Hip-Hop und Jungle geschnitten, aber wie klassische Percussion sequenziert. Wenn die Streicher einsetzen – arrangiert von Rob Playford, Goldies Co-Produzent und Toningenieur –, mildern sie den Rhythmus nicht, sondern heben ihn auf eine neue Ebene. Das ist Schönheit in der Reibung.
Was „Timeless“ so außergewöhnlich macht, ist seine Dualität. Es ist zugleich menschlich und mechanisch, zugleich Tanzfläche und Traumlandschaft. Die Drums sind komplex, fast mathematisch, doch die Melodien sind voller Gefühl. Tracks wie „Saint Angel“ und „Angel“ verbinden atmosphärische Pads mit kantigen Rhythmen – eine Art von Balance, die man eher in der Brust spürt als mit den Ohren hört. „This Is a Bad“ donnert bedrohlich, während „Sea of Tears“ in Ambient-Klänge übergeht.
Dann gibt es noch „A Sense of Rage“, bei dem verzerrter Bass auf zarte Keyboardklänge trifft – die Spannung zwischen Aggression und Anmut, in Klang destilliert. Goldies Herangehensweise an die Drum-Programmierung war für seine Zeit radikal: Schneiden, Umkehren, Überlagern, Breakbeats wie Pinselstriche einsetzen. Er sequenzierte nicht, er malte.
Im Mittelpunkt des Albums steht „Inner City Life“, die Single, die zur Hymne wurde. Ihr Breakbeat rollt endlos vorwärts, wie eine Bewegung ohne Ziel. Diane Charlemagnes Gesang verwandelt das, was ein Club-Kracher hätte sein können, in ein Gebet. In dem Titel geht es nicht um Flucht, sondern um Ausdauer – darum, die Stadt zu überstehen und ihren Lärm in sich zu tragen.
Wenn man „Timeless“ in einer Hörbar abspielt, verändert sich die Atmosphäre. Die Eröffnungsakkorde schweben wie Nebel in der Luft. Die tiefen Frequenzen entfalten sich voll und körperlich. Das Schlagzeug schimmert an den Rändern des Raums – nicht laut, aber allgegenwärtig. Es ist eine Platte, die den Raum einnimmt, anstatt ihn zu dominieren – Musik als Architektur. Auf einer Anlage mit echter Tiefe abgespielt, fühlt es sich an, als stünde man mitten im Klang selbst.
Goldies Produktion war für das Jahr 1995 ambitioniert – vielschichtig, filmisch, unglaublich detailreich. In Zusammenarbeit mit Playford in den Strongroom Studios verband er analoge Wärme mit digitaler Präzision. Die Klangwelt des Albums schöpfte ebenso aus Jazz und Soul wie aus der Rave-Kultur: gesampelte Streicher, Rhodes-Piano, Ambient-Zwischenspiele. Was er schuf, war kein „intelligenter“ Drum & Bass – es war emotionaler Drum & Bass, der im Rhythmus verwurzelt war, aber nach Transzendenz strebte.
„Timeless“ wird von einer Erzählung durchzogen, auch wenn sie wortlos ist. Es geht um das Überleben in der Stadt und das Innenleben, darum, Schönheit inmitten von Druck zu finden. Die Rhythmen wecken Unruhe, doch die Melodien versprechen Erleichterung. Es ist Musik für Körper und Geist.
In kultureller Hinsicht hat „Timeless“ alles verändert. Es erreichte Platz sieben der britischen Albumcharts – was für ein so komplexes Album beispiellos war – und wurde zu einem der ersten Drum-&-Bass-Alben, das von der Mainstream-Kritik gefeiert wurde. Aber darüber hinaus hat es die Grenzen dessen erweitert, was elektronische Musik sein kann. Es hat gezeigt, dass ein von Breakbeat geprägter Sound Emotionen, Struktur und sogar Anmut in sich tragen kann.
Seinen Einfluss lässt sich überall nachverfolgen: auf LTJ Bukems „Logical Progression“, Roni Sizes „New Forms“, Photeks „Modus Operandi“ und sogar in den späteren Werken von Massive Attack. Und doch klingt nichts ganz so wie „Timeless“. Es hat seine eigene Temperatur, seine eigene Luftfeuchtigkeit, seine eigene Logik.
Bemerkenswert ist, wie gut das Album die Zeit überstanden hat. Auch drei Jahrzehnte später wirkt „Timeless“ nicht veraltet, sondern geradezu unvermeidlich. Die Beats sind lebendig, der Mix strahlend, die Emotionen ungebrochen. Es ist eines dieser Alben, die sich scheinbar immer wieder neu erfinden – spielt man es in einem modernen Raum über High-End-Lautsprecher ab, wirkt es aktuell, fast schon vorausschauend.
Ich habe „Timeless“ einmal spät in der Nacht in einer kleinen Bar in Shoreditch gespielt – nur die Titelsuite, von Anfang bis Ende. Die Atmosphäre im Raum veränderte sich. Die Gespräche verstummten, die Leute drehten den Kopf, ohne so recht zu wissen, warum. Nach etwa zehn Minuten waren alle still. Der Beat rollte weiter, die Streicher schwollen an, und es war, als würde die Stadt selbst durch die Wände atmen. Genau das hat Goldie eingefangen – den Puls eines Ortes, den Klang des Überlebens, die Vorstellung, dass Schönheit und Druck nebeneinander existieren können.
Wenn es endet – dieses lange Ausklingen in Echo und Luft –, hinterlässt es einen seltsamen Frieden. Der Rhythmus ist verschwunden, doch der Herzschlag bleibt. „Timeless“ ist kein Dokument einer Szene, sondern ein Artefakt der Gefühle. Es ist das, was geschieht, wenn jemand Chaos in Zusammenhang verwandelt und es Liebe nennt.
Deshalb gehört es in die Hörsammlung. Es ist Musik, die man nicht nur hört, sondern in der man ganz und gar aufgeht.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.