Timeless (The Remixes) – Goldie (2023)

Timeless (The Remixes) – Goldie (2023)

Die Neugestaltung eines Denkmals

Von Rafi Mercer

Manche Alben sind fertig, wenn sie erscheinen. Andere sind nie fertig – sie warten einfach darauf, dass die Welt, die Technik und der Künstler aufholen. „Timeless (The Remixes)“ gehört ganz klar zur zweiten Kategorie. Es erschien 2023, fast drei Jahrzehnte nachdem das Originalalbum „Timeless“ die britische Musikszene revolutioniert hatte, und ist weder eine Siegesrunde noch eine Jubiläums-Eitelkeit. Es ist eine Neuinterpretation von jemandem, der genau versteht, was er geschaffen hat – und was daraus noch werden kann.

Das ursprüngliche „Timeless“ war nie nur eine Drum-&-Bass-Platte. Es war orchestral, emotional, architektonisch. Goldie betrachtete Jungle nicht als Club-Material, sondern als eine Sprache, die Zärtlichkeit, Trauer, Romantik und Größe ausdrücken kann. Deshalb hat es die Zeit überdauert. Und deshalb machte es 2023 Sinn, sich erneut damit zu beschäftigen – nicht, um es zu modernisieren, sondern um es noch einmal anzuhören.

Entscheidend ist, was dieses Remix-Projekt erst möglich gemacht hat. Goldie hat diese Tracks nicht an trendorientierte Produzenten weitergegeben, die sie „auf den neuesten Stand bringen“ wollten. Stattdessen wurde das Projekt als Restaurierung und Neuinterpretation angegangen, ähnlich wie bei der Aufarbeitung einer Partitur in der klassischen Musik. Die Stems wurden mit moderner Klarheit neu aufbereitet. Der Raum wurde neu überdacht. Die Dynamik wurde gewahrt. Die emotionale Intention wurde als etwas Heiliges behandelt.

Die Remixe erweitern „Timeless“ eher in die Breite als in die Tiefe. Die Rhythmen werden gelockert oder neu gestaltet, aber nicht verzerrt. Der Bass ist tiefer, wärmer und kontrollierter – zugeschnitten auf moderne Soundsysteme, die endlich das wiedergeben können, was sich die Studios der frühen 90er Jahre nur vorstellen konnten. Die Pads atmen freier. Die orchestralen Elemente lassen sich geduldig entfalten. Die Stille darf wieder Einzug halten.

Auffällig ist, wie erwachsen sich dieses Album anfühlt. Nicht nostalgisch. Nicht aggressiv. Ausgereift. Das ist Musik von jemandem, der seit fast 30 Jahren mit seinem eigenen Werk lebt und weiß, welche Teile er unangetastet lassen muss. Die Dramatik ist noch da, aber sie ist weniger hektisch. Die Dringlichkeit ist zu einer gewissen Gelassenheit gemildert worden.

Für Hörer, die im Kontinuum von LTJ Bukem und intelligentem Drum & Bass verwurzelt sind, ist „Timeless (The Remixes)“ ein echter Volltreffer. Es untermauert die Vorstellung, dass diese Kultur mit der Zeit gereift ist, statt zu veralten. Dass Jungle nicht verschwunden ist – sondern sich weiterentwickelt hat. Es hat sich nach drinnen verlagert. In Hörräume. In hochauflösende Anlagen. In ruhigere Momente, in denen man die Komplexität ohne Chaos genießen kann.

Wenn man dieses Album heute hört, wirkt es fast schon luxuriös. Nicht wegen des Preises oder der Perfektion, sondern wegen der Zeit. Zeit, die verschiedenen Ebenen wahrzunehmen. Zeit, das Gewicht der Streicher im Kontrast zu den Breakbeats zu spüren. Zeit, zu erkennen, dass britische elektronische Musik es einst wagte, emotional zu sein – und dies auch heute noch tut, wenn man sie mit Sorgfalt behandelt.

Hier geht es nicht darum, wieder an Bedeutung zu gewinnen.
Es geht darum, die Kontinuität zu würdigen.

„Timeless“ wurde nie im Jahr 1995 eingefroren.
Es war stets in Bewegung – und im Jahr 2023 hatte es endlich den nötigen Freiraum, um sich richtig zu entfalten.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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Meta-Beschreibung:
Eine reflektierende Albumrezension zu Goldies „Timeless (The Remixes) “ (2023) – eine ausgereifte, systemkritische Neuinterpretation eines Meilensteins, die beweist, dass Drum & Bass nicht in die Jahre gekommen ist, sondern sich weiterentwickelt hat.

Stichworte: „
“ Goldie, zeitlos, Drum and Bass, Intelligent Jungle, Hörkultur, elektronische Musik, tracks and tales

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