1992–2012 – Die Anthologie: Underworld und der Klang endloser Bewegung

1992–2012 – Die Anthologie: Underworld und der Klang endloser Bewegung

Von Rafi Mercer

Es gibt Alben, die einen Moment einfangen, und es gibt Alben, die die Bewegung selbst einfangen. „Underworld 1992–2012: The Anthology“ gehört zur zweiten Kategorie – zwanzig Jahre voller Puls, die zur Geschichte geworden sind. Man hört es sich nicht einfach nur an, man begibt sich auf eine Reise durch dieses Album.

Es ist allerdings seltsam, denn was im Gedächtnis bleibt, ist nicht der Lärm oder die Hektik. Es ist die Stille inmitten all dessen. Hinter den blinkenden Stroboskopen und der „Four-to-the-Floor“-Euphorie verbergen sich Struktur, Geduld, Wiederholung – der Klang des Rhythmus, der zum Gedanken wird.

„Rez“ war mein erster Kontakt mit diesem Genre. Ich glaube, das ging den meisten so. Diese endlos ansteigende Sequenz, die Synth-Linie, die sich nicht wiederholt, um irgendwo anzukommen, sondern einfach nur, um zu existieren. Nie zuvor ist elektronische Musik der Transzendenz so nahe gekommen, ohne dabei die Tanzfläche zu verlassen. Jeder Takt fühlt sich an wie ein weiterer, tieferer Atemzug. Über gute Lautsprecher wird die Musik nicht einfach nur abgespielt – sie lässt einen schweben.

Das Schöne an „Rez“ ist, dass es sich weigert, zu einem Abschluss zu kommen. Der Akkord kommt nie ganz zur Entfaltung. Die Melodie ist gar keine Melodie – sie ist Textur, Rotation, Licht, das sich durch die Luft bricht. Wenn es schließlich aufbricht, explodiert es nicht, sondern atmet aus. Man erkennt, dass es die ganze Zeit nicht auf Euphorie hingearbeitet hat – es war Euphorie, die anhält.

Das macht Underworld so einzigartig. Sie haben nie dem „Drop“ hinterhergejagt, sondern Kathedralen der Wiederholung errichtet. „Rez“, „Dark & Long“, „Cowgirl“, „Born Slippy .NUXX“ – das waren keine Club-Tracks, sondern Denkmäler des Rhythmus. Jeder einzelne davon stellte auf die Probe, wie lange man in einem Loop aushalten konnte, bevor dieser anfing, zu einem zu sprechen.

Wenn man „1992–2012“ als einen geschlossenen Bogen betrachtet, spürt man, wie die Band klanglich reift, ohne dabei jemals an Neugier einzubüßen. Die Stücke aus den frühen 90er-Jahren haben Biss, rohe Hardware-Energie – Beats, die abklingen, Synthesizer, die im roten Bereich verzerren. Mitte der 2000er-Jahre werden die Konturen weicher; die Produktion öffnet sich. Man hört nun Luft, Reflexion, den Nachglanz der Erfahrung. Es ist Tanzmusik, die lernt, langsamer zu atmen.

Was das Ganze menschlich macht, ist Karl Hydes Stimme – diese halb gesungene Poesie im Stil eines Bewusstseinsstroms, die nie ganz dort landet, wo man es erwartet. Er erzählt nicht; er lässt sich treiben und malt Fragmente von Städten, Autobahnen, Zügen und der seltsamen Schönheit, wach zu sein, wenn alle anderen schlafen. Seine Worte schweben wie Neonnebel über Rick Smiths Produktion – flackernd, zerbrechlich, leuchtend.

Irgendwann in der Mitte der Sammlung, wenn man „Jumbo“ oder „Two Months Off“ hört, wird einem klar: Das ist keine Nostalgie. Das ist Beständigkeit. Diese Stücke klingen immer noch frisch – nicht, weil sie gut gealtert sind, sondern weil sie von Anfang an nie Modetrends hinterhergelaufen sind. Sie wurden für die Ewigkeit geschaffen, mit Sorgfalt und Bescheidenheit produziert – Grooves, die wie Architektur aufgebaut sind und darauf ausgelegt sind, Gewicht zu tragen.

Über eine hochwertige Anlage wirkt insbesondere „Rez“ fast schon skulptural. Der Synthesizer-Klang hat Breite und Wärme. Der Bassbereich vibriert vor Körperlichkeit. Es ist einer jener Tracks, die einem vermitteln, wie Frequenzen Form schaffen – wie Wiederholungen, richtig eingesetzt, zu Geometrie werden.

Ich erinnere mich, dass ich es einmal spät in der Nacht in einem ruhigen Raum abgespielt habe, nur um zu sehen, was ohne das Publikum und ohne die hohe Lautstärke passieren würde. Es hat funktioniert. Dieselbe Transzendenz, nur langsamer. Derselbe Hochgefühl, aber innerlich. Da wurde mir klar: „Rez“ ist kein Dance-Album; es ist ein Hörstück, das sich als solches tarnt.

Das ist das Geniale an Underworld – sie haben verstanden, dass Rhythmus nicht laut sein muss, um einen zu bewegen. Sie vertrauten darauf, dass der menschliche Körper Wiederholungen instinktiv versteht. Ihre Musik bewegt sich zwischen Puls und Pause, zwischen Hochgefühl und Besinnlichkeit.

Und über zwanzig Jahre hinweg haben sie diesen Dialog immer weiter verfeinert. Von den industriellen Klängen von „Dubnobasswithmyheadman“ bis hin zur weitläufigen Ruhe von „Oblivion with Bells“ haben sie ein Werk geschaffen, das sich wie Wasser bewegt – beständig, aber niemals statisch. Die Anthologie ist keine Retrospektive, sondern ein Kontinuum.

Selbst heute noch, mehr als ein Jahrzehnt nach seiner Veröffentlichung, wirkt „1992–2012“ wie eine Studie darüber, wie man mit Rhythmus altert. Es ist keine Nostalgie für die Rave-Ära, sondern eine Reflexion darüber, wie Klang erwachsen wird. Der Rausch ist immer noch da, aber auch die Stille. Man spürt die Jahre im Tempo – die Reife, die entsteht, wenn man aufhört, dem Rausch nachzujagen, und stattdessen beginnt, auf Ausgewogenheit zu achten.

Wenn „Rez“ gegen Ende wieder auftaucht, wirkt es ganz anders. Es ist kein Stück mehr über die Flucht, sondern über das Ankommen. Dieselbe Schleife, nun voller Erinnerungen. Derselbe Schwung, nun sanfter, weiser, doch immer noch strahlend.

Das ist das Besondere am Musikhören: Manche Musik verliert bei wiederholtem Hören an Bedeutung, andere gewinnt dagegen an Tiefe. „Rez“ gehört zu Letzterem. Jedes Mal offenbart es in der Wiederholung etwas Neues – eine Erinnerung daran, dass Tiefe kein Zufall ist, sondern die Belohnung für aufmerksames Zuhören.

Underworld schuf Musik für Menschen, die gar nicht mehr aufhören wollten zuzuhören – die daran glaubten, dass Bewegung und Bedeutung im selben Rhythmus schwingen können.

Und zwanzig Jahre später haben sie bewiesen, dass Rhythmus älter werden kann, ohne seine Jugend zu verlieren.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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