UNKLE – Psyence Fiction (1998)
Elektronische Musik, verlangsamt auf das Tempo der Gedanken
Von Rafi Mercer
Es gibt Alben, die wie Statements wirken, und andere, die wie das Wetter kommen. „Psyence Fiction“ tat weder das eine noch das andere. Es schlich sich seitlich herein – bereits fertig, bereits voller Andeutungen –, als hätte es schon lange gespielt, bevor man es überhaupt bemerkt hatte. Die Nadel setzt auf, und man wird nicht so sehr hereingebeten, als vielmehr in seinen Bann gezogen. Dies ist kein Album, das sich selbst erklärt. Es geht davon aus, dass man bereit ist, zu bleiben.
„Psyence Fiction“, das 1998 unter dem Namen UNKLE erschien, entstand in jenem kurzen, elektrisierenden Moment, als Underground-Elektromusik cineastisch wirkte, ohne dabei rein dekorativ zu sein, und experimentell, ohne akademisch zu wirken. London war damals von Klängen durchdrungen – Trip-Hop, der sich zu Luxus verfeinerte, Big Beat, der sich zu einem Spektakel aufblähte –, und doch entschied sich dieses Album für Spannung statt Entspannung, für Atmosphäre statt Adrenalin. Es jagte nicht dem Publikum hinterher. Es schuf eines.

Im Mittelpunkt stand eine unbeständige Partnerschaft: James Lavelle, der rastlose Kurator und Gründer von Mo’ Wax, und DJ Shadow, der bereits für sein präzises Gespür für Rhythmus und Leerräume verehrt wurde. Gemeinsam schrieben sie weniger Songs, als dass sie Klangwelten schufen. Die Beats klingen wie aus dem Halbdunkel. Die Samples wirken wie Fragmente, die man durch Wände hindurch aufschnappt. Der Stille wird derselbe Respekt entgegengebracht wie dem Klang.
Das Album beginnt nicht mit einem Ohrwurm, sondern mit einer Warnung. Man spürt sofort, dass es sich hier nicht um Hintergrundmusik handelt. Der Bass ist bewusst eingesetzt, fast architektonisch – tragend. Die Schlagzeugschläge klingen wie Schritte in einer leeren Unterführung. Alles wirkt platziert, abgewogen, bewusst. Es ist Musik, die Zurückhaltung als eine Form der Kraft versteht.
Was „Psyence Fiction“ außergewöhnlich gut gelingt, ist, sich emotionalen Klischees zu entziehen. Es gibt hier zwar Bedrohlichkeit, aber kein Melodram. Es gibt Melancholie, aber sie wird nie übertrieben. Stattdessen entfaltet sich das Album wie eine Abfolge nächtlicher Szenen – eine Stadt, die man durch regennasse Scheiben erblickt, ein Gespräch, das mitten im Satz abbricht, das Summen der Elektrizität, wenn sonst nichts passiert. Man folgt weniger einer Erzählung, als dass man vielmehr in eine Stimmung eintaucht.
Diese Stimmung verstärkt sich noch, sobald die Stimmen einsetzen. Die Mitwirkenden von UNKLE sind keine Gastmusiker im modernen Sinne; sie sind Präsenz. Thom Yorke tritt auf „Rabbit in Your Headlights“ nicht als Star auf, sondern als eine Figur unter Druck – zerbrechlich, unentschlossen, menschlich vor dem Hintergrund eines unerbittlichen Beats. Es bleibt einer der bewegendsten Momente des Jahrzehnts, gerade weil er jede Katharsis verweigert. Der Track hebt einen nicht empor. Er hält einen dort fest.
An anderer Stelle tauchen Richard Ashcroft, Badly Drawn Boy und Mike D auf und verschwinden wieder, wie Figuren, die denselben Bahnsteig eines verspäteten Zuges überqueren. Niemand bleibt zu lange. Niemand gibt Erklärungen ab. Das Album vertraut darauf, dass der Hörer die Zusammenhänge selbst herstellt – oder akzeptiert, dass manche Zusammenhänge bewusst offen bleiben sollen.
Was beim heutigen Anhören auffällt, ist, wie wenig dieses Album an die Produktionstrends seiner Zeit gebunden wirkt. Ja, es hat unbestreitbar den Charakter der späten 90er Jahre – ängstlich, nach innen gerichtet, glanzverdächtig –, aber es vermeidet die Exzesse, die so viele seiner Zeitgenossen veralten lassen. Das liegt daran, dass „Psyence Fiction“ sich nicht für die Oberfläche des Klangs interessiert. Es interessiert sich dafür, was Klang mit dem Raum macht.
Dies war auch – ganz still und leise – ein Ende. Nach der Veröffentlichung des Albums zog sich DJ Shadow aus UNKLE zurück. Die Partnerschaft löste sich auf, und das Projekt entwickelte sich später zu etwas Umfassenderem, Lockererem und Kollaborativem. Im Nachhinein wirkt „Psyence Fiction“ weniger wie ein Debüt als vielmehr wie ein festgehaltener Moment – ein abgeschlossener Raum, in dem zwei Köpfe gerade lange genug auf einer Wellenlänge waren, um etwas Präzises und Beunruhigendes zu schaffen.
Hier zeigt sich eine Disziplin, die immer seltener zu werden scheint. Keine Füllstücke. Keine offensichtlichen Singles, die auf den großen Durchbruch ausgelegt sind. Das Tempo ist geduldig, ja geradezu hartnäckig. Es fordert den Hörer dazu auf, das Album von Anfang bis Ende anzuhören – am besten nachts, am besten allein, am besten auf einer Anlage, die die tiefen Frequenzen und die Pausen gebührend zur Geltung bringt. Das ist keine Musik zur Ablenkung. Es ist Musik, die Aufmerksamkeit verlangt.
In diesem Sinne reiht sich „Psyence Fiction“ in eine Tradition ein, die Alben eher als Orte denn als Produkte betrachtet. Es ist, als betrete man eine schummrig beleuchtete Bar, deren Soundsystem von jemandem abgestimmt wurde, der sich mit Zurückhaltung auskennt – da wird einem klar, dass der Genuss nicht von der Lautstärke herrührt, sondern von der Ausgewogenheit. Von der Tiefe. Davon, zu wissen, wann man nichts mehr hinzufügen sollte.
Auch nach fast drei Jahrzehnten wirkt das Album noch immer auf eine stille Art radikal. In einer Welt der unendlichen Auswahl und der ständigen Reizflut erinnert es daran, dass Zuhören ein Akt der Hingabe ist. Dass diese Spannung schön sein kann. Dass sich nicht alles auflösen muss.
Manche Platten altern. Andere wachsen einem ans Herz.
„Psyence Fiction“ hat seinen Platz gefunden – in der Architektur des nächtlichen Hörgenusses, in der Erinnerung an eine Stadt, die in Klängen lebendiger existierte als jemals bei Tageslicht.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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