Verschiedene Interpreten – Give Peace a Dance Vol. 2: The Ambient Collection (1992)
Ein Meilenstein der Ambient-Musik aus dem Jahr 1991, zusammengestellt von Mixmaster Morris – ein Album, das Raum, Stimmung und Aufmerksamkeit neu definiert. Rafi Mercer über das Album, das sich auch heute noch wie ein stilles Erwachen anfühlt.
Von Rafi Mercer
Es gibt Alben, zu denen man aus Gewohnheit zurückkehrt, und dann gibt es Alben, zu denen man zurückkehrt, weil sie etwas in einem neu verbinden. „Give Peace a Dance Vol. 2“ war für mich schon immer Letzteres – eine Compilation, die auf den ersten Blick klein wirkt, fast bescheiden. Aber wenn man sie auflegt und sie den Raum durchströmen lässt, offenbart sie, was uns die Ambient-Bewegung der frühen 90er-Jahre wirklich vermitteln wollte: Raum.
Raum zum Zuhören.
Raum zum Fühlen.
Raum, um neu anzufangen.
Das von Mixmaster Morris zusammengestellte Album, das 1991 im Rahmen einer Anti-Atomkraft-Kampagne veröffentlicht wurde, steht für jenen wunderbaren Wendepunkt, an dem sich die elektronische Musik allmählich von der Tanzfläche weg und hin zur inneren Welt zu bewegen begann. Ambient-Produzenten lernten, Klänge zu dehnen, sie zu mildern und sie so lange nachklingen zu lassen, dass sich die eigene Denkweise veränderte.
Der erste Track, „Change“ von LFO, zieht mich nach wie vor in seinen Bann. Er zwingt einem die Aufmerksamkeit nicht auf – er zieht sie in sich hinein. Die Bassline liegt tief und geduldig da, fast so, als würde sie darauf warten, dass man etwas erkennt. Wenn Techno die Bewegung des Körpers wäre, dann ist dieser Track die Bewegung des Atems. Er verändert die Art und Weise, wie man den Raum wahrnimmt, und in gewisser Weise auch, wie man sich selbst darin wahrnimmt.
Doch der Moment, der mich immer wieder in seinen Bann zieht – der Moment, der sich anfühlt, als würde ein Schlüssel im Schloss gedreht –, ist der letzte Titel auf Seite eins.

Das Narrenschiff, das von den kreativen Köpfen rund um The Orb zu einer ambienten Weite umgestaltet wurde, ist eine jener seltenen Neuinterpretationen, die den Originalsong auflöst und seine emotionale Architektur neu zusammensetzt. Die poppige Melancholie von Erasure geht in einem schwebenden, ozeanischen Stück auf, bei dem man das Gefühl hat, eher einer Erinnerung als einer Melodie zu lauschen.
Es sind neun Minuten langsamer Offenbarung:
Texturen, die sich falten,
der Raum, der sich ausdehnt,
der Horizont, der sich ein kleines bisschen näher heranschiebt.
Diese Musik erfüllt nicht nur den Raum – sie verwandelt ihn.
Und wenn sie verklingt, ist die Stille, die darauf folgt, nicht leer. Sie ist voller Energie. Man spürt die Leere, weil etwas in einem berührt wurde.
Deshalb hat dieses Album gerade jetzt so große Bedeutung.
Denn wir leben in einer Welt, die von passivem Musikhören geprägt ist – von Playlists, die zur Ablenkung dienen, und von Musik, die als Hintergrundgeräusch konzipiert ist. Das Streaming-Zeitalter hat Musik zwar unendlich verfügbar gemacht, ihr aber oft ihre Substanz genommen. Und doch beginnen die Menschen, das darunter liegende Verlangen zu erkennen: den Wunsch, wieder bewusst zuzuhören.
Diese Platte erinnert mich daran, dass Zuhören früher eine bewusste Handlung war und keine Gewohnheit.
Man musste das Album aussuchen, es in der Hand halten, umdrehen.
Man musste eine Seite bis zum Ende anhören.
Man musste die Stille vor dem nächsten Anfang akzeptieren.
Und in dieser stillen Pause – beim Umdrehen, beim Warten – veränderte sich etwas in einem.
Deshalb berührt mich „Give Peace a Dance Vol. 2“ auch heute noch so tief. Das ist keine Nostalgie. Es ist eine Art Einklang. Es bringt mich zurück zu einem langsameren Tempo, zu einer ehrlicheren Art der Achtsamkeit. Es lehrt mich Stück für Stück aufs Neue, dass die kleinsten klanglichen Gesten die größte emotionale Kraft entfalten können.
Wenn ich ein Album auswählen müsste, das jemandem verdeutlicht, wie ich Musik wahrnehme – langsam, tiefgründig, räumlich –, dann wäre es vielleicht dieses hier.
Nicht, weil es perfekt ist.
Sondern weil es großzügig ist.
Es verschafft dir Freiraum.
Es verschafft dir Atem.
Und wenn du es zulässt, gibt es dir deine Fähigkeit zum Zuhören zurück.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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