Audio Research – Die Röhren aus Minnesota
Von Rafi Mercer
Nicht alle Hi-Fi-Geschichten spielen sich in London, Tokio oder New York ab. Manche entstehen an ruhigeren Orten, fernab vom Glanz der Hauptstädte. Audio Research wurde 1970 in Minneapolis, Minnesota, gegründet – ein Unternehmen, das auf den ersten Blick unwahrscheinlich erschien: ein Hersteller von Röhrenverstärkern, der gerade in jenem Jahrzehnt aufstieg, als Transistoren die Welt eroberten. Doch genau dieser gegen den Strom schwimmende Instinkt wurde zu seinem Markenzeichen. Seit über fünfzig Jahren ist Audio Research der Beweis dafür, dass Röhren das digitale Zeitalter überstehen können – leuchtende Glaskolben, die Wärme und Musik in Räume vom Mittleren Westen bis hin zu den Hörbars in Europa und Japan tragen.
Sein Gründer, William Zane Johnson, war ein Ingenieur mit dem Temperament eines Handwerkers. Er war der Überzeugung, dass Halbleiterverstärkern trotz ihrer Effizienz die Räumlichkeit von Röhren fehlte. Wo Transistoren flach klangen, atmeten Röhren. Die von ihm gebauten Verstärker waren keine nostalgischen Nachbildungen, sondern ernstzunehmende Geräte – mit großer Bandbreite, geringer Verzerrung und enormen Leistungsreserven. Sie blickten zurück, um voranzukommen, und schlugen eine Brücke zwischen der Romantik des Vintage und der Präzision moderner Technik.
Die Designs des Unternehmens – von den SP-Vorverstärkern bis hin zu den Endstufen der Reference-Serie – wurden zu festen Bestandteilen audiophiler Anlagen, wobei ihre Frontplatten aus gebürstetem Aluminium und das leuchtende Glas für eine unverkennbare Ästhetik sorgten. In einer Hörbar erhält dieses Leuchten eine theatralische Note. Ob hinter einer Theke oder auf einem Rack platziert – eine Endstufe von Audio Research wird Teil der Atmosphäre, wobei das sanfte Licht ihrer Röhren das Bernsteingelb des Whiskys im Glas widerspiegelt.
Ich habe einmal in einer Bar in Kopenhagen einen gehört, der Sonus-Faber-Lautsprecher ansteuerte. Die Platte war „Mingus Ah Um“, und der Klang hatte Substanz ohne Schwere, Weite ohne Anstrengung. Die Kontrabasslinien schritten fest über die Dielen, die Becken erklangen mit metallischem Schimmer, die Bläser entfalteten sich mit einer Wärme, die sich eher menschlich als nach Hi-Fi anfühlte. Die Gäste lehnten sich in ihren Sitzen zurück, die Gespräche wurden leiser, und die Musik bestimmte den Rhythmus des Abends. Das ist der Audio-Research-Effekt – nicht zu blenden, sondern zu tragen.
Im Vergleich zu McIntoshs Prahlerei oder der Raffinesse von Accuphase wirkt Audio Research eher elementar. Es geht nicht um Leistung als Spektakel und auch nicht um Präzision als Philosophie. Es geht um das Leuchten – das Leuchten der Röhren, das Leuchten des Klangs, der den Raum eher zum Atmen bringt, anstatt ihn zu erdrücken. In Bars, die auf Atmosphäre ausgelegt sind, ist dieses Leuchten alles.
Trotz jahrzehntelanger Modetrends hat sich die Marke behauptet. Die Eigentümer haben gewechselt, die Produktreihen haben sich weiterentwickelt, doch die DNA ist unverändert geblieben: Breitband-Röhrenverstärker, die sich weder für ihre Wärme noch für ihre Größe noch für ihre Aura der alten Welt entschuldigen. Es sind Geräte, die dazu einladen, nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen zu hören und die Schwingungen von Luft und Glas als Teil der Musik selbst zu spüren.
In Hörbars, wo die Nächte lang sind und es auf jedes Detail ankommt, erinnern uns die Verstärker von Audio Research daran, dass Modernität nicht zwangsläufig mit dem Verzicht auf Tradition einhergehen muss. Dass Wärme kein Makel, sondern eine Qualität ist. Dass ein Raum ebenso sehr von Röhren wie von Lampen erhellt werden kann. Und dass der beste Weg, in die Zukunft zu hören, manchmal darin besteht, in die Vergangenheit zurückzublicken und Glas und Strom ihre zeitlose Arbeit verrichten zu lassen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.