Garrard – Der Müßiggänger, der sich weigerte zu sterben

Garrard – Der Müßiggänger, der sich weigerte zu sterben

Von Rafi Mercer

Es gibt einen Klang, der nicht von der Schallplatte, sondern von der Maschine selbst zu kommen scheint – eine Art Autorität in der Rille, als würde die Musik mit industrieller Präzision in den Raum gemeißelt. Das ist der Charakter eines Garrard. Wenn man einem Plattenspieler mit Riemenantrieb vom Typ 301 oder 401 bei der Arbeit zusieht, erhält man einen Einblick in eine andere Ära der Technik: schwer, mechanisch, kompromisslos robust. Man versteht dabei auch, warum so viele Hörbars und Kissa ihnen nach wie vor als Grundlage ihres Klangs vertrauen.

Garrard wurde 1915 in Swindon gegründet und war ursprünglich ein Uhrenhersteller, der sich auf die Produktion von Grammophonmotoren für die britischen Streitkräfte umstellte. In den 1950er Jahren hatte sich der Schwerpunkt des Unternehmens auf Transkriptionsplattenspieler verlagert – Geräte, die für Rundfunkstudios und Schallplattenbibliotheken konzipiert waren. Das 1954 auf den Markt gebrachte Modell 301 war der Durchbruch – der erste Plattenspieler mit Riemenantrieb, der eine konstante Geschwindigkeit in Rundfunkqualität gewährleisten konnte, ein Gerät mit ausreichend Drehmoment, um den hohen Anforderungen des Rundfunks standzuhalten, und mit der Präzision, die die Toningenieure zufriedenstellte.

Das Prinzip des Freilaufes ist einfach und doch beeindruckend: Ein Gummirad sitzt zwischen Motor und Plattenteller und überträgt die Kraft direkt. Im Gegensatz zur subtilen Elastizität eines Riemenantriebs sorgt der Grip des Freilaufs für Unmittelbarkeit. Die Platten starten mit einem Gefühl von Vortrieb; die Basslinien vermitteln eine Art physischen Schwung. Im gedämpften Licht einer Bar führt das zu einer Musik, die sich geerdet, verwurzelt und in ihrer Präsenz fast schon architektonisch anfühlt.

In den 1960er Jahren hatte der Garrard 401 das Konzept weiterentwickelt und durch ein industrielles Design sowie schrittweise Verbesserungen bei Rauschen und Stabilität ergänzt. In Großbritannien wurden sie zum Standard für die BBC. In Japan entdeckten Audiophile ihre Fähigkeit, riesige Hornsysteme mit unerschütterlicher Stabilität anzusteuern. In diesen japanischen „Kissaten“ – kleinen, holzgetäfelten, nach Whisky duftenden Räumen – erlebten die Garrards ein zweites Leben und versorgten Western-Electric-Hörner und Altec-„Voice of the Theatre“-Systeme mit einer Energie, die kein Riemenantrieb aufbringen konnte.

Die Art und Weise, wie diese Geräte die Zeit überstanden haben, hat etwas zutiefst Menschliches. Das Unternehmen Garrard geriet ins Straucheln, wechselte mehrmals den Besitzer, verlor seinen Fokus und verschwand schließlich aus dem Blickfeld. Doch die Plattenspieler selbst weigerten sich zu verschwinden. Restauratoren in Tokio, London und Berlin bauen sie nach wie vor mit neuen Sockeln, Tonarmen und verbesserten Lagern wieder auf und behandeln jedes einzelne Gerät sowohl als Relikt als auch als Waffe. An Orten wie der JBS Jazz Bar in Shibuya ist der Anblick eines grauen 301 weniger Nostalgie als vielmehr eine Aussage: So muss Klang wiedergegeben werden.

Was einen Garrard auszeichnet, ist nicht Raffinesse, sondern Vitalität. Im Vergleich zur Schweizer Eleganz eines Thorens oder der japanischen Präzision eines Technics strahlen Garrards eine raue, fast industrielle Kraft aus. Ein Coltrane-Solo auf einem Garrard schwebt nicht dahin, sondern schneidet durch. Eine Funk-Basslinie deutet nichts an, sondern drängt sich auf. Für eine Hörbar, in der der Raum selbst Teil der Darbietung wird, ist diese Eindringlichkeit Teil des Zaubers.

Ich erinnere mich an einen Abend in einer Londoner Bar, wo ein 301 auf einem Sockel aus Schiefer stand, auf dessen Plattenteller eine leicht zerkratzte Blue-Note-Pressung lag. Als die Nadel auflegte, schien der ganze Raum im Rhythmus zu versinken, als würde das Riemenrad selbst den Herzschlag vorgeben. Die Leute lehnten sich zurück, die Gläser in der Hand, und analysierten weniger, als dass sie sich ganz hingaben. Das ist es, was ein Garrard ausmacht: Er lädt nicht zur Kritik ein, sondern fordert dich auf, zu fühlen.

Heute sind moderne Neuauflagen wie der wiederbelebte Garrard 301, der in England in kleiner Stückzahl hergestellt wird, eine Hommage an dieses Erbe. Doch der wahre Zauber liegt nach wie vor in diesen Vintage-Plattenspielern: mit ihrer abgenutzten Lackierung, ihren stabilen Plattentellern und ihren Antriebsrädern, die auch nach einem halben Jahrhundert noch fest greifen. Sie sind der Beweis dafür, dass der beständigste Klang manchmal nicht aus Raffinesse, sondern aus mechanischer Überzeugungskraft entsteht.

Letztendlich ist Garrard der „Idler“, der sich weigerte, zu sterben. Es ist Geschichte, die noch immer in den Rillen summt – eine Maschine, die Musik greifbar, bodenständig und lebendig hält. Und in der stillen Ehrfurcht einer Hörbar erinnert sie uns daran, dass manchmal das Gewicht selbst die größte Klangtreue ist.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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