Ortofon – Dänischer Stahl und die Geschichte der Rille
Von Rafi Mercer
Jede Rille hat eine Geschichte, und manche Unternehmen können diese Geschichte deutlicher nachzeichnen als andere. Ortofon aus Dänemark ist schon seit langem im Vinylgeschäft tätig – schon bevor die meisten von uns geboren wurden. Das 1918 gegründete Unternehmen ist der älteste noch existierende Tonabnehmerhersteller, der ein Jahrhundert voller Formatkriege und kultureller Veränderungen überstanden hat, indem er sich stets auf eine einzige Aufgabe konzentriert hat: Rillen in Klang zu verwandeln. In Hörbars, wo Klangtreue und Atmosphäre miteinander verschmelzen, steht Ortofon sowohl für Tradition als auch für Funktionalität – ein Name, der Jazz-Kissa und Nachtclubs in ein und dieselbe Geschichte einbindet.
Ortofons Durchbruch gelang 1948 mit dem Moving-Coil-Tonabnehmer – einer Konstruktion, die bis heute einen Großteil des High-End-Bereichs prägt. Der SPU, kurz für „Stereo Pick-up“, wurde zum Maßstab: schwer, voll und klangreich. An Rundfunkarmen in Europa und Japan montiert, bot er eine Klangfülle, die perfekt zu den neuen Stereo-LPs jener Zeit passte. In den schummrigen, holzgetäfelten „Kissaten“ des Nachkriegs-Tokio war der Klang des SPU eine Offenbarung – Bläser, die geschliffen klangen, Klavierakkorde mit Tiefe, Bassnoten, die aus den Dielen zu steigen schienen.
Doch die Geschichte von Ortofon endet nicht in den Archiven. Sie führt direkt mitten ins Geschehen der Nachtclubs. Die Ende der 1970er Jahre eingeführte Concorde-Serie war etwas ganz Besonderes: schlanke, einsteckbare Tonabnehmer, die speziell für DJs entwickelt wurden – robust genug, um Back-Cueing und Slipmats zu überstehen, und präzise genug, um die Tonhöhe auch über stundenlange Spielzeiten hinweg stabil zu halten. Für viele ist der Anblick einer Concorde auf einem Technics-Plattenteller ebenso ikonisch wie ein Pint an der Bar – ein Symbol für Vinyl als gemeinsames, öffentliches Ritual.
Genau diese Dualität macht Ortofon in Hörbars so präsent. Einerseits ist der SPU nach wie vor die erste Wahl für Kenner und oft in Bars zu finden, in denen klassischer Jazz und audiophiles Repertoire im Vordergrund stehen. Andererseits sind die Tonabnehmer der Concordes- und OM-Serie die unverzichtbaren Allrounder des Alltags, die House, Soul, Reggae und Disco mit derselben Zuverlässigkeit auflegen. Von Kopenhagen bis Kyoto schlägt Ortofon eine Brücke zwischen Klangtreue und Nachtleben.
In ihrer Herangehensweise schwingt zudem eine gewisse dänische Sensibilität mit. Es handelt sich um Geräte, die mit zurückhaltender Klarheit konstruiert sind – ohne Extravaganz, ohne kultische Mystik. Ein „Concorde“ auf einem Tonabnehmerkopf ist ein Bekenntnis zur Praktikabilität: Die Schallplatte wird abgespielt, sie wird gut klingen und sie wird die Nacht überstehen. Ein „SPU“ in seinem Metallgehäuse wirkt dagegen fast schon feierlich: eine Verbeugung vor der Tradition, eine Erinnerung daran, dass die Rille Gewicht hat.
Ich erinnere mich an einen Abend in einer Pariser Bar, an dem ein SPU Gold eine abgenutzte Schallplatte von Nina Simones „I Put a Spell on You“ abspielte. Der Klang hatte Körper, Präsenz und Gewicht. Später in derselben Woche trieb ein Concorde Pro S in einem Berliner Keller Deep House voran und hielt unerschütterlich ein sechsstündiges Set durch. Zwei verschiedene Welten, dasselbe Logo, dieselbe Abstammung.
Für die Hörkultur steht Ortofon für Kontinuität. Es erinnert uns daran, dass die Rille sowohl Archiv als auch Energie ist, dass das, was vor einem Jahrhundert in Dänemark als Experiment begann, noch heute prägt, wie wir Musik erleben. Ob man nun Billie Holiday in einen von Whisky durchtränkten Raum flüstert oder bis zum Morgengrauen einen „Four-on-the-Floor“-Rhythmus aufrechterhält – Ortofon bleibt die Nadel in der Rille unseres Lebens.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.