Thorens – Schweizer Präzision bei der Riemenspannung
Von Rafi Mercer
An manchen Abenden fühlt sich das Zuhören an, als würde man in ein anderes Land einreisen. Das Licht ist gedämpft, das Geschwätz verstummt, und irgendwo beginnt sich eine Schallplatte mit einer solchen ruhigen Selbstverständlichkeit zu drehen, dass sich der ganze Raum zu ihr hin zu neigen scheint. Handelt es sich bei dem Plattenspieler um einen Thorens, ist diese stille Autorität kein Zufall. Die Schweizer Marke hat nie nach Glamour oder drehmomentgetriebener Prahlerei gestrebt. Stattdessen hat sie sich auf die unauffällige Kunst der Stabilität spezialisiert – jene Art von Stabilität, die Details ohne Unterbrechung zur Geltung kommen lässt.
Thorens wurde 1883, lange vor dem Hi-Fi-Boom, gegründet und begann seine Geschichte mit der Herstellung von Spieluhren und Mundharmonikas. Diese Tradition war bereits von der Idee feiner Mechanik und der Umsetzung von Rillen in Klang geprägt. Als das Unternehmen in den Plattenspielermarkt einstieg, vertraute es instinktiv eher auf Präzisionstechnik als auf rohe Kraft. Während andere zum Direktantrieb neigten, verfeinerte Thorens den Riemenantrieb mit gefedertem Subchassis und isolierte den Plattenteller durch mehrere, fast schon architektonisch anmutende Dämpfungsschichten vom Motor.
Der TD-124 aus dem Jahr 1957 war das Aushängeschild. Er war wie eine Drehmaschine konstruiert und vereinte die Robustheit eines Riemenantriebs mit der Finesse einer Riemensteuerung. Das Ergebnis war ein Plattenspieler, den Rundfunktechniker, europäische Radiosender und Audiophile gleichermaßen mit Ehrfurcht behandelten. Legte man eine Schallplatte auf den TD-124, hatte man das Gefühl, dass jedes Zahnrad und jedes Lager auf Kontinuität und Unterbrechungsfreiheit abgestimmt war.
Spätere Modelle wie der TD-160 trugen dieses Erbe in die Wohnzimmer Europas, oft in Kombination mit Ortofon-Tonabnehmern und einer schlichten Röhrenverstärkung. Diese Plattenspieler verlangten keine Aufmerksamkeit; sie luden dazu ein, still zu sitzen und mit einer Art kontinentaler Zurückhaltung zuzuhören. In einer Welt sich ständig wandelnder Formate stand ein Thorens für Beständigkeit, als könne man darauf vertrauen, dass die Musik selbst nicht schwanken würde.
Hörbars, die heute Thorens-Geräte einsetzen, sind in der Regel solche, die eher nach Intimität als nach Spektakel streben. In Tokio bin ich einmal auf eine kleine Kissa gestoßen, in der ein abgenutzter TD-124 den Abend bestritt; sein Plattenteller stand ruhig im gedämpften Schein einer Lampe und entlockte Billie Holidays rauchumhülltem Vibrato mit unerschütterlicher Ausgewogenheit. In Berlin kombinierte ein Café einen TD-160 mit Tannoys und erfüllte den Raum nicht mit Wucht, sondern mit Textur; jede Basslinie war ebenso spürbar wie hörbar, jeder Pinselstrich auf der Snare wurde subtil wiedergegeben.
Das Besondere an einem Thorens ist, dass er sich nicht hetzen lässt. Er hat nichts von der Prahlerei eines Technics SL-1200, nichts von der Theatralik eines Garrard 301, der in neuem Glanz seine Runden dreht. Er ist leiser, zurückhaltender – eine Schweizer Art, die ihre Befriedigung darin findet, genau das zu tun, was erforderlich ist, nicht mehr und nicht weniger.
Und doch ist gerade diese Zurückhaltung sein wahres Geschenk an die Kultur des Zuhörens. Ein Thorens bringt keine Energie in die Rille ein, sondern macht den Weg frei. In einer Bar, wo Gespräche und Atmosphäre die Konturen des Klangs verschleiern können, stabilisiert ein Thorens den Kern und ermöglicht es dem Zuhörer, nicht nur die Schallplatte, sondern auch die Luft um sie herum zu hören. Er ist gewissermaßen ein zivilisierter Plattenspieler – einer, der davon überzeugt ist, dass Zuhören ein Akt der Konzentration ist, nicht der Gewalt.
Mit dem Wiederaufleben der Vinylkultur hat sich Thorens mit Neuauflagen und neuen Modellen zurückgemeldet, die eine Hommage an das Erbe der Mitte des Jahrhunderts darstellen. Doch die wahre Magie liegt nach wie vor in den älteren Plattenspielern, deren gefedertes Unterchassis wie zurückhaltende Tänzer auf Federn schwebt. Wenn man die Nadel auf einen solchen Plattenspieler absetzt, taucht man in eine Tradition ein, in der Präzision seit jeher mit Gelassenheit gleichgesetzt wird.
In einer Hörbar, wo die Getränke in Strömen fließen und die Gespräche immer lebhafter werden, behauptet sich ein Thorens nicht durch lautes Auftreten, sondern einfach dadurch, dass er sich selbst treu bleibt. Der Riemen zieht, der Plattenteller dreht sich, und solange die Schallplatte läuft, wird der Raum von der Schweizer Zeit mitgerissen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.