Ichiro’s Malt & Grain (White Label) – Verspielte Handwerkskunst, globaler Geist

Von Rafi Mercer

Nicht alle großartigen Whiskys stammen aus jahrhundertealten Brennereien mit hoch aufragenden Destillierkolben und weltweiten Imperien. Manche entstehen in den Händen von Visionären, die in kleinerem Maßstab arbeiten, mit experimentellen Mischungen und einem fast schon rebellischen Geist. Ichiro Akuto ist eine dieser Persönlichkeiten – der Mann, der das Erbe der inzwischen geschlossenen Hanyu-Brennerei seiner Familie mit Chichibu, seinem Boutique-Betrieb vor den Toren Tokios, in die Zukunft geführt hat. Seine Whiskys haben aufgrund ihrer Kreativität Kultstatus erlangt, und unter ihnen hat sich der Malt & Grain „White Label“ zu einem stillen Klassiker entwickelt.

Im Gegensatz zu den Single Malts von Yamazaki, Hakushu oder Yoichi handelt es sich hierbei um einen Blend – allerdings nicht in der Art, wie Blends für den Massenmarkt hergestellt werden. „Ichiro’s Malt & Grain“ vereint Fässer nicht nur aus Japan, sondern auch aus Schottland, Irland, den Vereinigten Staaten und Kanada. Es ist ein Whisky, der die Welt als seine Palette begreift und diese Einflüsse dann durch japanische Handwerkskunst filtert. Ohne Altersangabe abgefüllt, verkörpert er Akutos Überzeugung, dass die Transparenz des Geschmacks wichtiger ist als die Zahl auf dem Etikett.

Im Glas schimmert der White Label in blassem Gold. In der Nase ist er lebhaft: Zitrusschalen, Vanillecreme, ein Hauch tropischer Früchte, sogar ein wenig Minze. Am Gaumen entfalten sich Karamell, Obst aus dem Obstgarten, ein Hauch von Gewürzen und leichte Eiche. Er hat etwas Verspieltes an sich – die Schichten verschieben sich, die Aromen entwickeln sich weiter, niemals schwer, niemals statisch. Der Abgang ist mittel lang, weich, leicht süß, mit gerade genug Eiche, um ihm Halt zu geben. Es ist kein Whisky, der zum Nachdenken zwingt, sondern einer, der Neugier belohnt.

Genau diese Verspieltheit macht das Geniale daran aus. Im „Tracks & Tales Guide to the Top 50 Whiskies“ hat sich Ichiro’s White Label seinen Platz nicht durch Würde, sondern durch Charakter verdient. Er ist der Beweis dafür, dass Whisky kein Denkmal für Alter oder Tradition sein muss, um in den Hörraum zu gehören. Er muss lebendig, vielschichtig und offen für Interpretationen sein.

Und genau hier bietet die Musik eine Parallele. Der Geist des Whiskys – experimentell, international, leichtfüßig – steht im Einklang mit Caetano Velosos „Transa“. „Transa“ wurde während seines Exils aus Brasilien in den frühen 1970er Jahren aufgenommen und verschmilzt Sprachen, Rhythmen und Einflüsse zu etwas Fließendem und Ungebundenem. Wie der „White Label“ ist es ein Werk, das aus der Bewegung über Grenzen hinweg entstanden ist, aus der Verschmelzung von Traditionen zu etwas Neuem.

In einer „Listening Bar“ passt diese Kombination perfekt. Ein Glas Ichiro’s White Label, verspielt und vielschichtig, genossen, während sich „You Don’t Know Me“ in Velosos zartem portugiesisch-englischen Hybrid entfaltet. Der Whisky verändert sich im Einklang mit der Musik: erst süß, dann kräuterig, schließlich sanft würzig. Beides erinnert daran, dass Identität nicht feststeht; sie entsteht von Moment zu Moment, von Mischung zu Mischung, von Note zu Note.

Was Ichiros „White Label“ so faszinierend macht, ist sein persönlicher Charakter. Im Gegensatz zur imposanten Architektur von Yamazaki oder Hibiki schmeckt dieser Whisky wie das Ergebnis der Vision eines einzelnen Mannes, der Handwerkskunst eines Teams und der unermüdlichen Fantasie einer Brennerei. Er ist ein Whisky als handwerkliches Statement – zugänglich, trinkbar und doch auf seine eigene, zurückhaltende Weise radikal, da er sich weigert, sich von Konventionen einschränken zu lassen.

Für Whisky-Liebhaber, die sich mit japanischem Whisky beschäftigen, ist dies eine wichtige Erinnerung: Die Geschichte des japanischen Whiskys wird nicht nur von Giganten wie Suntory und Nikka erzählt. Sie wird auch von kleineren Herstellern wie Chichibu erzählt, die experimentieren, mischen und neu definieren, was japanischer Whisky sein kann. Diese Balance – zwischen Erbe und Experiment, Tradition und Spiel – ist es, die die Whisky-Kultur am Leben erhält.

Ichiro’s Malt & Grain White Label ist weder der auffälligste Whisky im Raum noch die seltenste Flasche im Regal. Aber er ist einer der charaktervollsten. Und genau wie Velosos Transa verkörpert er die Freude an der Bewegung, die Freiheit des Mischens und die Schönheit, Grenzen zu überschreiten.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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