Das Manhattan – Eleganz in der Stadt

Das Manhattan – Eleganz in der Stadt

Von Rafi Mercer

Manche Cocktails wirken ländlich, andere maritim, wieder andere zeitlos. Der Manhattan gehört zur Stadt. Er ist der Drink für gedämpftes Licht und hohe Gebäude, elegante Bars und ruhige Gespräche. Elegant, urban, ein wenig distanziert, aber dennoch einladend, wenn man sich ihm richtig nähert. Wenn der Old Fashioned Whisky in seiner ursprünglichsten Form ist, dann ist der Manhattan Whisky in Abendgarderobe – Wermut rundet ihn ab, Bitter schärft seine Konturen, und das Stielglas wird zart in der Hand gehalten.

Die Geschichte beginnt in New York, irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts, auch wenn sie – wie so viele Ursprünge – von Mythen umrankt ist. Ein Bankett im Manhattan Club, eine Schar mondäner Gäste, ein Drink aus Roggenwhisky, süßem Wermut und Bitter. Wie auch immer die Einzelheiten aussehen mögen – das Ergebnis wurde zum Klassiker, zu einem Meilenstein der Cocktailgeschichte. Wer einen Manhattan bestellt, reiht sich in eine Tradition städtischer Genießer ein, in der Stil und Substanz aufeinander treffen.

Das Rezept hat sich seit über einem Jahrhundert kaum verändert:

Der Manhattan

  • 60 ml (2 oz) Roggenwhisky (Bourbon, wenn Sie es lieber runder mögen)
  • 30 ml (1 oz) süßer Wermut
  • 2 Spritzer Angostura Bitter
  • Maraschino-Kirsche zum Garnieren

Zubereitung: Whisky, Wermut und Bitter auf Eis verrühren, bis die Mischung gut gekühlt ist. In ein gekühltes Coupé- oder Martini-Glas abseihen. Mit einer Kirsche garnieren, die direkt ins Glas gegeben wird.

Beim Manhattan dreht sich alles um das richtige Verhältnis. Zu viel Wermut und er wird zu süß. Zu wenig und er verliert seine Eleganz. Richtig gerührt wird er zur Harmonie in flüssiger Form: die Würze des Roggenwhiskys, die kräuterige Tiefe des Wermuts, die aromatische Note des Bitters. Geschmeidig, ernst, auf sanfte Weise berauschend.

Im Gegensatz zum „Sour“, der erfrischt, oder zum „Old Fashioned“, der erdet, entführt der „Manhattan“ in eine andere Welt. Ein Schluck genügt, und schon spürt man den Puls der Stadt, das Summen des nächtlichen Verkehrs, den sanften Schein des Jazz in einer Bar in der Innenstadt. Es geht nicht darum, den Durst zu stillen. Es geht darum, Stimmung zu schaffen.

Für mich passt der Manhattan zu Dexter Gordons „Go“ oder Lee Morgans „Cornbread“. Platten mit Gelassenheit, Raffinesse und Selbstbewusstsein – nicht aufdringlich, nicht gehetzt, sondern souverän. Der Whisky ist das Tenorsaxophon, vollmundig und direkt. Der Wermut ist die Rhythmusgruppe, die für Struktur und Halt sorgt. Die Bitter sind die Becken, klein, aber unverzichtbar. Zusammen ergeben sie einen Klang – oder einen Drink –, der mehr ist als die Summe seiner Teile.

Der Manhattan hat schon immer den Eindruck eines Drinks für Entscheidungsträger vermittelt. Das Stielglas, das Gewicht des Roggenwhiskys und der sanfte Schimmer des Wermuts strahlen eine gewisse Entschlossenheit aus. Er ist nicht leger. Er ist nicht sorglos. Es ist ein Cocktail, der einen Abend prägt, der einen dazu auffordert, aufrechter zu sitzen, aufmerksamer zuzuhören und mit Eleganz in den Moment einzutauchen.

Und doch ist er trotz aller Ernsthaftigkeit auch optimistisch. Der Manhattan hat jeden Wandel in der Trinkkultur, jede Mixology-Welle und jeden neuen Trend überstanden. Er hat sich behauptet, weil er Ausgewogenheit besitzt, weil er von einem Ort erzählt und weil er nicht der Neuheit hinterherjagt. Wie die besten Blue-Note-Platten ist er zeitlos geworden, indem er ganz er selbst geblieben ist.

Vielleicht kehre ich deshalb immer wieder zu ihm zurück. In einer ruhigen Bar, spät am Abend, wenn das Licht gedämpft ist und die Musik leiser geworden ist. Der Manhattan gibt mir Halt, beflügelt mich und lässt die Stadt draußen weniger überwältigend erscheinen. Er ist Eleganz im Glas, Präsenz im Augenblick, ein Drink, der einen mit all jenen verbindet, die seit mehr als einem Jahrhundert in ähnlichen Räumen gesessen haben.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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