Whisky in der Listening Bar – Spirituosen und Klang

Whisky in der Listening Bar – Spirituosen und Klang

Von Rafi Mercer

Wenn man eine Listening-Bar betritt, erwartet man zunächst die Musik. Der Plattenspieler in der Mitte, die mit Schallplatten gefüllten Regale, ein Raum, der ebenso sehr auf Stille wie auf Klang abgestimmt ist. Doch ebenso oft wird der Blick auf die hinterleuchteten Flaschen hinter der Theke gelenkt. Der Barkeeper hebt ein Glencairn-Glas, der Korken wird vorsichtig aus seiner Halterung gezogen, und das leise Plumpsen, wenn die Flüssigkeit auf das Kristall trifft, wird Teil der Klangkomposition. In diesen Räumen ist Whisky niemals nur eine Nebensache. Er ist Teil des Hörerlebnisses.

Dieser Zusammenhang ist kein Zufall. Whisky strahlt seit jeher eine ganz besondere Atmosphäre aus. Schon seine Herstellung ist ein Akt der Geduld – gemahlenes Getreide, destillierter Alkohol, Holz und Zeit formen etwas, das sich nicht überstürzen lässt. „Listening Bars“ funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Sie widersetzen sich dem Lärm, der Eile und dem endlosen Durchlaufen von Playlists. Auch sie sind geduldig. Sowohl Whisky als auch Musik laden hier dazu ein, einen Gang herunterzuschalten, Details wahrzunehmen und die Nuancen der Dinge zu genießen.

Manche Getränke treten in den Hintergrund. Bier und Wein fließen in Strömen, um sie herum entsteht Gesprächsstoff; ihre Anwesenheit wird zwar wahrgenommen, aber nicht hinterfragt. Whisky ist anders. Er ruht im Glas und verlangt nach Beachtung – seine Farbe, die im gedämpften Licht schimmert, sein aufsteigendes Aroma, sein Geschmack, der sich schrittweise entfaltet. Er bestimmt das Tempo eines Abends. Ein Gläschen erstreckt sich über eine Seite einer Schallplatte, sein Verlauf spiegelt den des Albums wider. Whisky in einer Hörbar einzuschenken bedeutet, zwei Rituale, zwei Verläufe der Aufmerksamkeit miteinander in Einklang zu bringen.

Bestimmte Flaschen sind nicht zufällig, sondern aufgrund ihrer Resonanz zu festen Bestandteilen jeder „Listening Bar“ geworden. Ein Islay-Malt wie der Lagavulin 16 passt zur Tiefe von Coltranes „A Love Supreme“ – rauchig, elementar, mit dem Meer in sich. Ein Speyside-Sherry-Malt wie der GlenDronach 15 passt zu Stevie Wonders „Innervisions“ – Fülle, durchdrungen von Wahrheit, Süße mit Substanz. Der Glenkinchie 12, ganz Leichtigkeit und Wiese, passt zu Hiroshi Yoshimuras „Music for Nine Postcards“ – stille Ausstrahlung, zart wie Glas. Bei jeder Kombination geht es weniger um Regeln als um Resonanzen, darum, wie Geschmack und Klang sich gegenseitig widerspiegeln können, bis sie untrennbar erscheinen.

Whisky hat ebenso wie Musik eine geografische Dimension. Ein Oban 14 schmeckt nach der Hafenstadt, aus der er stammt – Meeresgischt, Stein, heidebewachsene Hügel –, genauso wie Bowies „Low“ die zerklüfteten Winterstraßen Berlins in sich trägt. Ein Benromach 10 lässt die rauchige Vergangenheit von Speyside wieder aufleben, so wie King Tubby den Rhythmus bis auf das Skelett des Dub reduzierte. Jeder Schluck ist eine Adresse, jede Platte eine Landkarte, und in einer Hörbar überlagern sich diese Landkarten, bis man sich sowohl an einem bestimmten Ort als auch jenseits davon befindet.

Was die Beziehung zwischen Whisky und Hörbars so einzigartig macht, ist, dass es bei beiden um Räume geht. Keines von beiden existiert für sich allein. Natürlich kann man Whisky auch zu Hause trinken, doch in einer Bar verändert sich seine Wirkung – geprägt von den Regalen, der Gesellschaft und dem Klang. Man kann ein Album über Kopfhörer anhören, doch in einem akustisch optimierten Raum zusammen mit anderen wird es anders, größer. Gemeinsam schaffen Spirituose und Klang eine Architektur – unsichtbare Resonanzwände, unsichtbare Decken aus Rauch und Eiche.

Auch das Tempo, in dem man Whisky genießt, passt gut zum Ethos einer „Listening Bar“. Cocktails lassen sich schnell zubereiten, Wein kann ohne Pause eingeschenkt werden. Whisky hingegen verlangt einen Moment der Ruhe. Der Barkeeper dosiert, das Glas wird bereitgestellt, man nimmt den Duft wahr, bevor man den ersten Schluck nimmt. Das verlangsamt den Rhythmus, noch bevor der erste Geschmack überhaupt eintrifft. Diese Verlangsamung ist die Essenz des Zuhörens. Whisky zu trinken und aufmerksam zuzuhören sind parallele Handlungen – bewusst, aufmerksam, geduldig.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich Listening-Bars den Whisky so vollständig zu eigen gemacht haben. Nicht nur als Produkt, das verkauft wird, sondern als Teil des Gesamterlebnisses. Ein Gläschen Caol Ila 12, während Enos „Music for Airports“ aus den Lautsprechern erklingt, ist nicht das gleichzeitige Geschehen zweier Dinge; es ist ein einziges Ereignis, eine Atmosphäre, die sich aus Malt und Klang zusammensetzt. Ein Gläschen Macallan 18, während Gayes „What’s Going On“ die Luft erfüllt, ist kein Genuss, sondern Resonanz.

Letztendlich geht es beim Whisky in der Listening Bar weder darum, Aromen mit Liedern zu kombinieren, noch darum, Sammlungen zur Schau zu stellen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Geduld einen Wert hat, in denen Klang und Geschmack gemeinsam die Stimmung prägen. Whisky zu trinken und dabei Musik zu hören bedeutet anzuerkennen, dass beides Sprachen der Atmosphäre sind, die beide in der Lage sind, einen Raum in etwas zu verwandeln, das über sich selbst hinausgeht.

Und vielleicht besteht der nächste Schritt darin, einen eigenen Ort dafür zu finden – eine Eckkneipe, in der die Regale glänzen, der Plattenspieler summt und ein einziger Schluck so lange hält wie die Platte. Denn in Hörbars ist Whisky nicht nur ein Getränk. Er ist Teil der Architektur des Abends, ein Geist, der in die Geometrie des Klangs eingeflossen ist.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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